Feste, weltliche

[198] Feste, weltliche.


1. In germanischer Zeit. Wie die Götterverehrung überhaupt, so standen auch die besonderen Feste der Germanen in engem Zusammenhang mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Die Hauptfeste, dult, später hôchzît, hôchgezît, fallen darum auf die beiden Sonnenwenden und die beiden Nachtgleichen; doch tritt, da die Germanen bloss die drei Jahreszeiten Frühling, Sommer und Winter kannten, die Herbst-Nachtgleiche hinter den drei anderen Zeiten zurück. Das bedeutendste Fest ist aber das Jul- oder Jubelfest; es beginnt mit der Nacht zum 25. Dezember, der heiligen Weih- oder Mutternacht, und dauert zwölf Nächte hindurch – denn die Germanen zählten nach Nächten und nach Wintern, nicht nach Tagen und Jahren – bis zum sechsten Januar, dem heiligen Lichttag oder Obersttag. Diese Zeit war der Wiederkehr des Frühlings und Sommers geweiht. Die zwölf Tage heissen die Zwölften, die zwölf Nächte. Mit ihnen beginnt das Jahr. In ihnen wird der Kalender für die folgenden zwölf Monate gemacht: wie das Wetter in den zwölf Tagen sei, so wird es auch in den zwölf Monaten eintreffen. In dieser Zeit ertönt das Lied des wütenden Heeres; die Götter, namentlich Wodan steigen wieder zur Menschenwelt herab und halten, ins Land einziehend, einen segnenden Umzug in Dörfern und Fluren. Darum ist jetzt heilige Zeit, die Arbeit ruht, auf den Bergen lodern heilige Feuer. Uralte Kultusgebräuche stellten den Umzug Wodans dramatisch dar. Man opferte dem Gotte Festgebäcke, auf dem Herde brannte der Weihnachtsklotz. Siehe den Art. Weihnacht. Ähnlicher Natur waren das Frühlingsfest, das Sommer- und Herbstfest; Umzüge, Opfer, Festlichkeiten aller Art trugen zur Weihe dieser heiligen Zeiten bei. Die Erinnerung daran hat sich unter anderem darin erhalten, dass in den höfischen Dichtungen, zumal im Nibelungenliede, die hôchgezîte an den sunewenden stattfinden.

2. Übergang ins Christentum. Die Feste der alten Deutschen waren zu tief in ihren Gebräuchen und Anschauungen begründet, als dass es dem Christentum gelungen wäre, dieselben gänzlich auszurotten und statt ihrer die christlich-kirchlichen Feste einzuführen. Indem man zwar die letzteren kirchlich ordnete, fügten sich ihnen die althergebrachten Feste und Feierlichkeiten von selber an und schmiegte sich nicht minder umgekehrt der christliche Festkultus an die Sitten der hergebrachten Feste, so dass Umzüge, Opfer, Feuer, Grüsse, Redensarten, Tänze, Verkleidungen u. dgl. sich als Schmuck der kirchlichen Feste sehr zahlreich erhielten. Dabei ist aber zu bedenken, einmal, dass die Germanen der Jahresrechnung voraus eine Mondrechnung hatten, deren Erinnerung im Worte Monat sich erhalten hat, und welche ohne Zweifel in manchen festlichen Gebräuchen noch mitspielt; sodann, dass die Kirchenfeste, welche wie Ostern und Pfingsten gebundene Zeiten hatten, die alten Sonnwendzeiten und Tag- und Nachtgleichen nicht deckten und es deshalb geschehen konnte, dass alte Gebräuche später auf verschiedene kirchliche Zeiten und Feste sich verteilten, und dies um so mehr, als der besondere Einfluss der Gegend und des Stammes[198] gewiss schon sehr frühe viel Mannigfaltigkeit aufwies.

So sehr wusste sich der christliche Kult den heidnischen Anschauungen anzuschliessen, dass das Weihnachtsfest auf das Julfest verlegt wurde. Immer noch geht der wilde Jäger um, die Hexen walten in den zwölf Nächten frei, die weisse Frau zeigt sich. Der aus Wodan entstandene Knecht Ruprecht und die ihn begleitende, aus der Göttin Frigg entstandene weibliche Person, weiss gekleidet und verschleiert, tritt auf als das »Christkind«, als Maria oder Mutter Gottes, Frau Bertha oder Frau Hulda; sie beschenken die Kinder mit Äpfeln, vergoldeten Nüssen, strafen sie mit der Rute. Der Weihnachtsbaum erinnert an Wodans heiligen Baum und die Lichter an den alten Klotz, der in dieser Zeit auf dem Herde verbrannt wurde. Die Schmausereien und Speisen der Weihnacht sind nicht minder altgermanisch.

Gipfel- und Mittelpunkt der an die Zwölften sich anknüpfenden Zeiten in ihren volkstümlichen Beziehungen ist die Sylvester- oder Neujahrsnacht. Bechtelitag, d.h. Tag der Berchta, der Himmelsgöttin, heisst entweder der 2. oder 6. Januar; im letzteren Falle fällt er mit dem Dreikönigstag zusammen und schliesst die alten Zwölfnächte sowohl als die christliche Weihnachtsfeier.

Eine heidnische Vorfeier des Frühlings, die auf Donar und Frigg Bezug hatte, scheint sich in den Fastnachtsfreuden erhalten zu haben; die besonderen Tage sind der Donnerstag vor Fastnacht, schmutziger gumpiger, unsinniger oder feister Donnerstag, auch Weiberfastnacht genannt, der Fastnachtsonntag, Montag und Dienstag u.a., wie Weihpacht und Ostern durch besondere Opfergebäcke, Brezeln, Krapfen, Küchle, Wecken u. dgl. gefeiert.

Die Feier der Frühlingsnachtgleiche hat ihre alten Beziehungen an Ostern abgegeben, Zu den alten Erinnerungen gehören die Osterfeuer (siehe Feuer), die Ostereier, Sinnbilder des neubeginnenden Naturlebens, wobei der Hase ebenfalls der Frühlingsgöttin angehört oder der Hulda; er war den alten Deutschen heilig, sie assen ihn nicht; das Eierlesen. Der Gründonnerstag hat Beziehung zu Donar.

Eine andere Form nimmt das Frühlings- und Sommerfest am 1. Mai, am Walpurgistage an. Auch dieser Tag ist Donar geweiht und war einer der heiligsten Tage des deutschen Heidentums, Opfer- und Gerichtstag der Maiversammlung des Volkes. Weniger Reste alter Festzeit haben sich auf Pfingsten übertragen lassen; doch sind Züge des Sommersonnwendfestes auf dieses Kirchenfest übertragen worden, u.a. der Pfingstbaum, der sonst dem Maitag angehört, und das Ausschmücken der Häuser mit Birkenlaub. Der blumenbekränzte Pfingstochse, der einem Osterochsen parallel geht, deutet auf alte Opfer. Der Himmelfahrtstag ist wieder ein Donars Tag.

Die eigentliche Sommersonnenwende ist auf den Johannistag verlegt, es war das wahrscheinlich dem Fro gewidmete Opferfest: an diesem Tag lodern die Johannes- od. Sonnwendfeuer, Birken werden aufgerichtet, Blumen- und Laubgewinde an die Häuser gehängt oder quer durch die Strasse gezogen, Tannenbäume mit bunten Eiern und Blumen geschmückt und von den Mädchen singend umtanzt. Siehe Wuttke, Volksaberglauben, § 74 ff., und Reinsberg-Düringsfeld. Das festliche Jahr in Sitten, Gebräuchen und Festen der germanischen Völker. Leipzig, 1863. Rassmann, Art. Göttertempel und Götterbilder bei Ersch u. Gruber.

3. Feste der höfischen Zeit. Ohne Zweifel nahmen auch höfische Kreise einigen Anteil an den volkstümlichen[199] Festen; die höfische Gesellschaft als solche aber verlegte ihre grossen Feste auf die drei kirchlichen hôchgezîten, Weihnacht, Ostern und Pfingsten, denen Mariä Geburt an die Seite gestellt wird. An diesen Tagen fanden sich die geistlichen und weltlichen Würdenträger am Hoflager ein, begingen die kirchliche Feier mit dem Herrscher, der dabei im Krönungsornat erschien, und waren dann auch in gerichtlichen und anderen Angelegenheiten mit ihm thätig. Besonders beliebt war das Pfingstfest, wo man sich zugleich im Freien ergötzen konnte. Im Reinecke Fuchs lässt König Nobel seine Vasallen auf Pfingsten nach Hofe berufen. Besonders berühmt war und blieb lange in Erinnerung der grosse Hoftag, den Friedrich Barbarossa zu Pfingsten des Jahres 1184 zu Mainz hielt. Man schätzte die Zahl der Ritter und Krieger, der Geistlichen und der Fahrenden auf 70,000; der Herzog Friedrich von Böhmen kam mit 2000, der Erzbischof von Köln mit 1700, andere mit 500 bis 1000 Reisigen und Rittern. Am ersten Pfingstfeiertage (20. Mai) schritt Kaiser Friedrich mit seiner Gemahlin Beatrix im Schmucke des kaiserlichen Stirnreifes in feierlicher Prozession, von einem glänzenden Gefolge begleitet, zu der in der Mitte des Lagers an dem kaiserlichen Palaste errichteten Kirche; mit der königlichen Krone auf seinem judendlichen Haupte folgte ihnen König Heinrich. Dem Zuge voran schritt Graf Balduin von Hennegau, des Reiches Schwert tragend. Prachtvolle Gastmähler und glänzende Gelage schlossen den ersten Festtag, dabei versahen den Dienst des Mundschenken und Truchsess, des Marschalls und Kämmerers bei dem Kaiser die Herzöge und Reichsfürsten in eigener Person. Am zweiten Tage fanden nach der Frühmesse glänzende Ritterspiele und Waffenübungen statt, bei welchen des Kaisers Söhne, König Heinrich und Herzog Friedrich von Schwaben, ehe sie die Schwertleite empfingen, ihre Gewandtheit in der Führung der Waffen zu zeigen hatten Bei 20000 Ritter sollen sich damals in den Schranken getummelt haben. Kaiser Friedrich selbst erschien in ihrer Mitte. Nach dem Kampfspiel wurden des Kaisers Söhne feierlich mit dem Schwerte umgürtet, und sodann zur Feier des frohen Ereignisses an die Scharen zusammengeströmter Dienstmannen, Sänger, Pilger, armer Leute, Gaukler und Gauklerinnen Gold und Silber, Pferde und Gewänder in verschwenderischer Freigebigkeit verteilt, ein Beispiel, das von den Fürsten und Grossen wetteifernd nachgeahmt wurde. Unter ähnlichen Festlichkeiten verlief der dritte Tag. Doch wurde an diesem die allgemeine Festfreude dadurch gestört, dass gegen Abend ein heftiger Sturmwind die inmitten des Lagers errichtete hölzerne Kirche, eine Anzahl anderer Gebäude und eine Menge Zelte niederriss und fünfzehn Menschen das Leben raubte. Seit Menschengedenken war kein so prächtiger Hoftag gehalten worden; für Heinrich von Veldeke wurde das Mainzer Fest Vorbild für die von ihm geschilderte Hochzeit seines Helden Äneas. Prutz, Gesch. Friedrichs I. Ausser diesen regelmässigen kirchlichen Hoftagen gab es natürlich noch andere höfische Feste, die besonderen Anlässen ihr Dasein verdankten, Krönungs- und Huldigungsfeste, Hochzeiten, Schwertleiten, Begräbnisse. Über die Turniere siehe den besonderen Artikel.

4. Bürgerliche Feste. Auch in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters dauerten die alten festlichen Volkssitten fort; ein neuer Festcharakter bildete sich in den Städten, wo einesteils eine grosse Gesamtbevölkerung die weltlichen und kirchlichen Volksfeste hob, anderseits der Korporationscharakter der Zeit sich[200] auch der Feste bemächtigte und eine grosse Mannigfaltigkeit geschlossener Festgesellschaften erzeugte und ausbildete. Solche an gewisse Innungen und Handwerke sich anschliessende Feste sind die Schützenfeste oder Gesellenschiessen, das Schönbartlaufen der Fleischerzunft und der noch bestehende Metzgersprung in Nürnberg, der Schäfflertanz der Böttcher in München, der Tanz der Böttcher in Frankfurt a.M., der auf dem zugefrorenen Main am Fastnachtmontag stattfindet und mit dem Binden eines Fasses verbunden ist, das Fischerstechen in Ulm. Kriegk, Bürgertum I, Abschn. 17.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 198-201.
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