Opfer

[743] Opfer. Das deutsche Wort Opfer leitet sich von dem lat. offerre ab; ahd. opfarôn, opforon, opfar; mhd. opheren, opher; altn. offr; das Wort ist erst durch das Christentum eingeführt worden, während die Sache, die sie bezeichnet, eine heidnische ist. Der älteste, bei allen Germanen gebräuchliche Ausdruck der Gottverehrung durch Opfer war got. und angels. blotân, altn. blôta, ahd. pluozan. Schon dieser Ausdruck lehrt, dass die Opfer vorzüglich blutige waren, was sich übrigens für Jägervölker von der Art der Germanen von selbst verstand. Die sichersten Angaben über die Opferungen und die damit verbundenen Festgelage geben uns die unerschöpflichen Sagen des Nordens. Daneben sind es die Berichte der Römer, die uns manches erzählen; und die Verbote der Kirche, die namentlich gegen heidnische Tischgelage und Festtänze gerichtet sind, beweisen uns vollends, dass die nordischen Gebräuche auch in Deutschland zu finden waren.

Unter den blutigen Opfern standen die Menschenopfer obenan. Sie waren bei den Germanen so gebräuchlich, wie bei allen andern Völkern des Altertums und galten dem Wodan und Zio, im Norden dem Thor. »Ihrem Wesen und Ursprunge nach sind sie sühnend. Ein grosses Unheil, ein schweres Verbrechen kann nur durch menschliches Blut beschworen und getilgt werden.« Nicht nur wurden nach errungenen Siegen die gefangenen Feinde zum Wohlgefallen der Götter an den Bäumen aufgehängt und die gesamte Beute an Pferden und Geräten vernichtet, wie es z.B. durch die Cimbern und Teutonen nach dem grossen Siege an der Rhone geschah; sondern auch seine eigenen Leute opferte man, wenn[743] man die Götter erzürnt glaubte. Eigentümlich war der schwedische Brauch, bei eintretender Hungersnot den König zu opfern, nicht nur weil er das köstlichste Opfer war, das man den Göttern darbringen konnte, sondern auch weil er als Oberpriester des ganzen Landes durch Vernachlässigung des Opferdienstes die Götter erzürnt und somit die Not verschuldet haben musste. So fiel König Domaldin, nachdem ein Ochsenopfer im ersten und ein Menschenopfer im zweiten Herbste die Hungersnot nicht gebrochen hatten; so fiel auch König Olaf Tretelja, wie die Ynglinga saga erzählt: »da entstand ein grosses Misjahr und Hunger; das gaben sie ihrem Könige schuld, sowie die Schweden gewohnt sind, ihrem Könige sowohl das gute als das Misjahr schuld zu geben. König Olaf war ein geringerer Opferer; das gefiel den Schweden übel, und sie meinten, daher komme das Misjahr. Da zogen die Schweden ein Heer zusammen, machten einen Angriff auf König Olaf und umringten sein Haus, verbrannten ihn darin, und schenkten ihn dem Odin und opferten ihn für sich um ein gutes Jahr.«

Ganz besonders aber stand das Menschenopfer im Dienste der Rechtspflege. Die Todesstrafe war eine Sühne, die den Göttern nicht verweigert werden durfte. Der Verbrecher wurde vor dem Tempel am Opferstein gebrochen, oder in den Opfersumpf versenkt und mit Reisig zugedeckt. Aber auch zur Erhaltung und Verlängerung des eigenen Lebens opfert König Ön neun seiner Söhne und erhält von den Göttern jedesmal gnädig eine weitere Frist; wie er aber den zehnten Sohn auch noch opfern will, da widersetzen sich die Schweden und der König starb. Von Kinderopfern sind übrigens in den alten Volkssagen auch noch weitere Spuren vorhanden. Sie sollen hauptsächlich zur Abwehr ansteckender Krankheiten angewendet worden sein und zwar durch Einmauern in Grundwälle, wobei man denselben Speisen und Spielsachen mitgab. Dieser Umstand spricht deutlich dafür, dass an ein Fortleben nach dem Tode und zwar unter gleichen Bedürfnissen und Bedingungen geglaubt wurde, wie auch den Göttern das Bedürfnis nach Speise und Trank zugedacht war. Daher wurden auch bei den häufigen Tieropfern nur reine Geschöpfe gewählt, deren Fleisch für den Menschen geniessbar, d.h. zu essen erlaubt war; eine Ausnahme machen Hunde und Habichte, die durch ihre bekannten Dienstleistungen gleichen Rang haben, wie die bevorzugtesten Tiere. Zu diesen zählen in erster Linie die Pferde, die geradezu als heilige Tiere verehrt wurden. (Siehe den Art. Heilige Tiere.) Ihr Fleisch wurde von den heidnischen Germanen mit Vorliebe gegessen, und die Bewohner Islands behielten sich bei der gesetzlichen Einführung des Christentums ausdrücklich den unbehinderten Genuss des Pferdefleisches vor, während er anderorts von den Glaubensboten aufs strengste untersagt wurde. Wie schwer es aber hielt, das Verbot durchzuführen und wie mancher Rückfall die äussere Not veranlasste, das beweisen die wiederholten kirchlichen Erlasse. Die jüngere Olafs-Sage berichtet, dass bei einem Misswachse die bereits zum Christentum übergetretenen Bauern von Throntheim um Wintersanfang grosse und stark besuchte Gastmähler hielten. »Da waren grosse Trinkgelage. Dem Könige Olaf wurde gesagt, dass da alle Minne dem Thor geweiht werde und dem Odin, der Freyja und den Alsen, alles nach altheidnischer Sitte. Dazu wurde auch weiter erzählt, dass da Vieh und Pferde geschlachtet[744] und die Altäre mit dem Blute bestrichen wurden und dass der Opferdienst ganz offenbar abgehalten und dabei die Formel gesprochen werde, dass dies für die Besserung des Jahrganges (til ârbôtar) geschehen solle. Dazu wurde beigefügt, dass es allen Leuten klar scheine, dass die Götter darüber zornig seien, dass die Halogaländer sich zum Christentum gewandt hätten.« Und so muss der (christliche) König Hakon seinem Volke zu lieb an dem Opferfeste zu Gladir aus dem dem Odin geweihten Becher trinken (freilich macht er darüber vorerst das Kreuzeszeichen, statt dasjenige des Hammers) und entgeht dem Tode nur, da er wenigstens zum Schein über den Pferdefleischkessel den Mund öffnet, als geniesse er Fleisch, Fett und Brühe. Die Pferdeopfer sollen sich in Schweden bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts erhalten haben.

Rinderopfer waren nicht minder allgemein, der Stier war dem Freyr oder Fro geheiligt, ja er führt in der Edda geradezu den Namen der Gottheit selbst. Übrigens opferte man ihn auch nicht selten dem Wodan, als dem Gott der Ernte, des Acherbaues und der Viehzucht.

Eberopfer waren ebenfalls sehr häufig, wie Ferkelopfer, Friscing (Frischling), was die Überlieferungen fast mit Gewissheit annehmen lassen. Noch im 13. Jahrhundert benennt eine bischöfliche Urkunde in Passau die zu entrichtenden jungen Schweine mit siteurisching, sitfrisching, seitter, seiifrisching, was ohne Zweifel ein junges Schwein bedeutet, das nach heidnischem Gebrauche sich zum Gesottenwerden eignen würde, also ein Opferschwein. Im Norden wurde der Sühneber, sônargöltr, ein feierliches Opfer, das dem Freyr an Julabenden gebracht wurde. »Am Abend erfolgten Gelübde; der Sühneber wurde vorgeführt, die Leute legten auf ihn ihre Hände und legten da ihre Gelübde ab beim Bragabecher.« – »König Heidreker liess einen Eber füttern, der war so gross wie der stärkste Ochs und so schön, dass jedes Haar aus Gold zu sein schien. Der König legte seine Hand dem Eber auf den Kopf und die andere auf die Borsten und legte da das Gelübde ab, dass niemals jemand so Schweres verwirken solle, dass er nicht rechtes Urteil seiner Weisen erlangen sollte, und die sollten des Ebers pflegen; oder auch sollte er solche Rätsel vorbringen, dass sie der König nicht zu raten vermöchte.« Dieses güldenborstigen Ebers ist auch in Deutschland oft und in späten Zeiten noch erwähnt, so in einem Lautenbacher Weistum vom Jahre 1589, wo es heisst, dass zu einem auf Dreikönigstag (also in der Julzeit) gehaltenen Gerichte »die Hübner ein reines, schon bei der Milk vergelztes (noch säugend verschnittenes) Goldferch acht halben Schillingen wert liefern sollten.« Der Preis ist ein unverhältnismässig hoher, was darauf schliessen lässt, dass das Tier bei diesem Anlasse eine besondere Bedeutung hatte, wie heute noch das Ei zu Ostern und die Gans am Martinstage. Das Ferkel wurde nämlich rund durch die Bänke geführt und ohne Zweifel hernach geschlachtet und verspeist, was offenbar auf einen heidnischen Opferbrauch zurückzuführen ist. Auch die oben angeführten Sühneber des Freyr fanden sich in England noch lange Zeit, und heute noch wird in Ostergotland am Julabende ein mit einer Schweinshaut überzogener Block (julbueken) auf den Tisch gesetzt, auf den die Hausgenossen einander ihren Treuschwur ablegen. Auch das mit Lorbeer und Rosmarin, Citrone oder Pomeranze geschmückte Schweinshaupt unserer Tafeln, sowie die zu Oxford feierlich und unter Gesang umhergetragene[745] Eberhaut und dergleichen Gebräuche mehr sind Erinnerungen an die Eberopfer unserer heidnischen Vorväter.

Widderopfer werden als geringere Opfer seltener erwähnt, was jedoch nicht beweist, dass sie auch selten dargebracht worden wären. In Norwegen bestand die gesetzliche Verordnung: »Kommt ein Unfreier zu Land oder eigenem Haushalt, so soll er sein Freiheitsbier (frelsiöl) bereiten, jeder Mann neun Eimer Bier und einen Widder schlachten; ein echtgeborener soll das Haupt abschneiden und sein gesetzlicher Herr die Halslösung von seinem Haupte nehmen.«

Ebenso kamen Bockopfer vor, so bei den heidnischen Langobarden, die sie – wie Gregor der Grosse meldete – dem Teufel darbrachten. Der Bock war dem Donnar heilig, die Geiss der Holda. Doch wurden sie auch dem Wodan dargebracht. Kleinere Tiere, wie Hunde und Geflügel, scheinen wenig und fast nur als Opfer für die Erntegottheiten dargebracht worden zu sein.

Die unblutigen Opfer waren ebenfalls dankende und bestanden in Gegenständen, die von den Menschen als Lebensbedürfnisse sehr geschätzt waren. Dem Gotte Thor opferte man im Tempel zu Hunthorp täglich vier Laibe Brot, da man die Götter überhaupt menschlicher Speise bedürftig hielt. Auch die Göttin Berchta erhielt, wie Rochholz nachgewiesen, ihre Opferbrote, und die vielen Festkuchen und Festbrote, die man noch heute in ganz Deutschland bei verschiedenen Festanlassen backt und unter den verschiedensten Gebräuchen verzehrt, beweisen genügsam, dass derlei Dinge früher für die Götter und ihre geheiligten Tiere bestimmt waren. Auch Bier brachte man denselben dar, wahrscheinlich in der Art, dass ein Teil davon feierlich für die Götter ausgegossen, das übrige aber in einem Gelage ebenfalls in ihrem Dienste getrunken wurde, wie solches in den schaumburgischen Erntefeierlichkeiten sich vielleicht am deutlichsten erhalten hat. Ebenso lassen die vielen abergläubischen Verwendungen der Gründonnerstags- und Charfreitagsfeier darauf schliessen, dass die Eier auch eine Götterspeise waren; daneben sind es Milch und Honig, namentlich für die Hausgeister, Wichtelmännchen und für den Boten der Holda, für das Marienkäferchen, auch Gold und Silber, Kleidungsstücke und Blumen.

Die unblutigen Opfer durfte der Opfernde selbst darbringen (in der Regel that das der Hausvater); die blutigen hingegen wurden von den Priestern behandelt und zwar in den meisten Fällen bei Anlass grosser Festlichkeiten, im Beisein der gesamten Bewohnerschaft eines Gaues, also der Tempelgemeinde. Dem damit verbundenen Opfermahle stand der Opferhäuptling vor, ein echtgeborener, der ohne Zweifel vom Volke selbst der Ehre des Vorsitzes gewürdigt worden. Aus Meister Adam's Beschreibung des grossen Opferfestes zu Upsala lasst sich schliessen, dass zu den Opfern in der Regel nur männliche Tiere verwendet wurden. Auch scheint die Farbe den Wert eines Opfertieres nicht unwesentlich bestimmt zu haben. Weisse Pferde waren geschätzter, als rote und schwarze; ebenso die Schafe; das Opferhuhn durfte keine andern als weisse Federn haben, und noch in späten Rechtsdenkmälern ist nach Grimm die Unverletzlichkeit schneeweisser Ferkel zugesichert. Den unterirdischen Gottheiten dagegen opferte man vorzugsweise schwarze Tiere, namentlich schwarze Schaf- und Ziegenböcke. Die Opfertiere wurden also wahrscheinlich zu diesem Zwecke jung schon ausgewählt, gezogen und gemästet und dürften[746] schwerlich je zu menschlichem Gebrauch gedient haben; wenigstens stellen alte Rechtsdenkmale diese Bedingungen an Fohlen und Rinder, die zu feierlichem Landerwerb oder zum Totpflügen der Marksteinfrevler verwendet werden wollen.

Forderten die Götter ein Menschenopfer und waren deren mehrere bereit, so hatten sie das betreffende durch das Los näher zu bezeichnen. Das geschah durch die Runen oder nach einer Formel, die der angelsächsischen Andreaslegende entnommen war, natürlich unter Anrührung und Beschwörung der betreffenden Götter. Die Opfer wurden sodann geschmückt, durch den Volkshaufen geführt und geschlachtet. Das Blut wurde in dem Opferkessel aufgefangen und mit dem Blutzweig darauf der Altar, die Tempelwand, auch etwa der Baum, die Lebensmittel und das Volk besprengt. Fell und Haupt wurden vom Opfer getrennt und an einem Baume aufgehangen, worauf der Tanz und Festgesang begann. In grossen Kesseln wurde das Fleisch gesotten, weswegen die Teilnehmer am Opferfeste supnautar (Sudgenossen) hiessen; daneben wurden die Opferkuchen gebacken und das Bier gebraut, welche Arbeiten wahrscheinlich den weisen Frauen oblagen. Die edleren Teile des gekochten Tieres, Herz, Leber, Lunge, wurden vermutlich den Göttern dargebracht, der Rest aber samt der Brühe vom Volke verzehrt, nachdem alles von dem Könige oder Opferfürsten von seinem Hochsitze aus geweiht worden war. So ging das Opferfest in ein allgemeines Opfermahl über, bei dem auch das Nationalgetränk, das Bier, nicht fehlen durfte. Man trank Odins Vollbecher um Sieg und Macht für den eigenen König, Niördrs und Freyrs Horn um ein gutes Jahr und Frieden, auch Bragi's, Freyrs und Thors Becher wurden getrunken, über welch letzteren jeder Trinkende das Zeichen des Hammers machte. Diese Becher trank man sich über die Feuer weg gegenseitig zu, was man minni (Gedächtnis, Erinnerung) nannte. So nahm das Fest den Charakter eines heiteren Mahles an und wurde daher im Norden auch Opfermahl, blôtveizla, oder geradezu Opferfreude, blôtfagnadr, genannt.

Diese Feste waren entweder religiöse, die alljährlich zu bestimmten Zeiten in der ganzen germanischen Welt gefeiert wurden, oder sie waren durch besondere Veranlassungen hervorgerufen, durch den Amtsantritt eines Königs, der zugleich oberster Priester war, bei Gerichts- oder Dingversammlungen, vor und nach der Schlacht, bei Hungersnot und Seuchen u.s.w. Die drei (religiösen) Hauptfeste aber waren:

1. Das Herbstopfer, haustblôt, das Opfer um ein gutes Jahr oder nach einer Missernte »um ein besseres Jahr«. Es war also ein Erntefest, ein Dankopfer, im zweiten Falle auch ein Sühnopfer, mit dem man sich im Anfang des Jahres (das Jahr beginnt bei den nordischen Bauern heute noch mit dem Winter) der Gunst der Götter versichern wollte. Dieses Opfers wegen hiess im Norden der Oktober gormânuor, nach der Ausweidung der geschlachteten Tiere, bei den Schweden blotmånad, slagtmånad; die Angelsachsen hiessen den November blôtmônad, die Friesen heissen ihn noch heute slachtmoänne; die Niederländer nannten den Dezember slachtmaent, was darauf hinweist, dass dieses Fest nicht an allen Orten zu gleicher Zeit, sondern im Norden früher, als im Süden begonnen wurde, was mit dem gleichzeitigen Vorrücken des Winters zusammenhängen mag. Übrigens scheint das Fest wenigstens einen halben Monat gedauert zu haben, weswegen man für dasselbe den Winter abwarten musste, der den wilden Kämpfen der Horden von selbst ein Ende machte.[747]

2. Das Mitwinterfest, das grosse hauptbôt, wurde zu Anfang des Monats Thorri (14. Januar) gefeiert und dauerte drei Tage. Es ist identisch mit dem deutschen Julfeste, jôl, jôlaveizla, jôlaboo, jôlahalld, jôladrykkja, das später zehntägige Dauer hatte. Die Bewohner Got- und Finnlands erbaten sich von ihrem Thorri Schnee und gute Schlittenbahn, während das Fest im allgemeinen der neugeborenen Sonne galt und dem Freyer der Sühneber dargebracht wurde.

3. Das Opferfest des Sommereinzugs wurde einen Monat nach dem Thorrablôt, zu Anfang des Monats Gôi, also im Februar, abgehalten und währte eine Woche. Es war wohl vorzugsweise ein Opfer um Sieg für die herannahenden Heerfahrten und hiess deshalb auch sigrblôt. Daneben galt es der Begrüssung des Sommers und war ein Bittopfer um reichen Ertrag des Feldes. Sämtliche Feste fielen also auf den Winter. Daneben sind als speziell deutsche Opferfeste noch genannt die Ostara, das Maifest und das Fest der Sommersonnenwende.

Bekannt ist, wie leidenschaftlich der Deutsche an diesen althergebrachten Gebräuchen festhielt und wie die christlichen Glaubensboten die Feste nicht verbieten konnten, ohne ihre Sache preiszugeben. Aus Nachrichten von Gregor dem Grossen u.a.m. geht vielmehr deutlich hervor, dass man sich damit begnügte, den heidnischen Festen auf die schonendste Weise einen christlichen Charakter zu geben, und es hält daher sehr leicht, namentlich mit Zuhilfenahme der vielen, auf unsere Zeit fast unverändert herübergekommenen Festgebräuche den Zusammenhang nachzuweisen zwischen den Festen der Väter und den unserigen. Aus dem Oktoberfeste sind nach zahlreichen nordischen Nachrichten die Kirchspielfeste geworden unter dem Namen der Bier- und Trinkzeiten, und so sind in Deutschland die Kirchmessen (Kirmsen) entstanden, Volksfeste, jedes religiösen Charakters bar. Aus dem Julfeste wurde unsere Weihnachtsfreude, aus dem Gôiblôt Mariä Lichtmess; namentlich das letztere hat sich in den Fastnachtsgebräuchen noch unverkennbar fortgepflanzt.

Es erübrigt noch, der privaten Opferfeste mit einem kurzen Worte zu gedenken. Sie begleiteten den Menschen durch alle Lebenslagen, wo er der Hilfe der Götter sich benötigt fand, und konnten an geheiligten Stätten, in Privattempeln, auch im eigenen Hause dargebracht werden. Einzig die feierliche Handlung, wonach der Vater oder dessen Vertreter das neugeborene Kind mit Wasser begoss und ihm damit die Lebensberechtigung zusprach, scheint ohne Opfer vollzogen worden zu sein. Dagegen opferte die Wöchnerin von ihrer ersten Mahlzeit, Nornengrütze, den Schicksalsgöttinnen. Bei Einsegnung einer Ehe sodann wurde ein feierliches Mahl abgehalten und Thors, Odins und Freyrs Minne getrunken. Zur Weihung der Bräute diente Thors Hammer. Das Totenopfer bestand nach Mannhardt in einer Kuh und einem Ochsen, die in einem feierlichen Leichenmahl verzehrt wurden. Auch Rosmarin und Zitronen scheinen dem Totengotte dargebracht worden zu sein. Beim Erbschaftsantritt durfte das Erbschaftsmahl nicht fehlen, das Gedächtnis des Verstorbenen. Geopfert wurde auch bei der Besitznahme von Land, bei der Ackerbestellung, bei der Freilassung eines Sklaven, beim Zweikampfe und bei Weissagungen, wo sie die Gottheit für ihre geneigte Kundgebung belohnen sollten. Das Opfer diente oft selbst zur Weissagung, indem sich aus seinem Blute oder aus der Beschaffenheit der Eingeweide die Zukunft sollte erschliessen lassen. Andernfalls[748] legte man der Gottheit bei der Opferung selbst die Frage vor und überliess es ihr, die Antwort auf beliebige Weise zu geben (durch den Tod des Tieres, durch Vogelschrei u.s.w.), oder man entschied über dem Opfer selbst durch das Los.

Nach A. Rassmann, in Ersch und Gruber, Art. Göttertempel.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 743-749.
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