Descartes

[331] Descartes (frz. Däkart), René, latinisirt Cartesius, Vater der neueren Philosophie und berühmter Mathematiker, wurde 1596 zu la Haye in Touraine aus reicher Adelsfamilie geb. und seit 1604 von den Jesuiten erzogen. Die Schrift De musica bewährte ihn als tüchtigen Mathematiker, aber die Sehnsucht nach unumstößlicher Wahrheit war [331] unbefriedigt u. blieb wach, nachdem er sich an aller Wissenschaft verzweifelnd in den Strudel des Pariserlebens u. 21jähr. von da in den Lärm der Heerlager gestürzt. Er focht zuerst unter Moriz von Oranien, dann unter Tilly, zog unter Boucquoi nach Ungarn, nahm den Abschied, wanderte durch Italien nach Paris, wohnte 1628 noch der Belagerung von Rochelle bei und zog sich 1629 nach Holland zurück, wo er in strenger Zurückgezogenheit die Schriften De mundo, Meditationes philosophiae (1637), Metaphysica (1641) u. die berühmten Principia philosophiae (1644) lieferte. Von Zeit zu Zeit machte er große Reisen, besonders in das nördl. Europa, um sich von Studien und gelehrten Fehden zu erholen und fortwährend »im großen Buche der Welt« zu lesen. Nachdem er einen Ruf Richelieus nach Paris ausgeschlagen, begab er sich nach Stockholm 1649, um die Königin Christine, mit der er längst Briefe wechselte, in seine Philosophie einzuweihen, st. aber schon 1650. 1666 kam seine Leiche nach Paris in die Kirche der hl. Genofeva vom Berge. Seine Philosophie geht vom Zweifel aus, etwas Festes und Bleibendes gibt es jedoch: Ich weiß, daß ich denke und indem ich dieses weiß, bin ich – Cogito ergo sum. Das Denken ist keine besondere Handlung des Geistes, sondern das Wesen desselben. Indem ich dadurch weiß, daß ich bin, weiß ich alles andere und wahr ist Alles, was ich klar und bestimmt erkenne. Solches Prinzip der Gewißheit wird zu dem der objectiven Wahrheit durch die Idee Gottes, welche weder eine durch die Sinne überlieferte oder beigebrachte, noch selbst gemachte, sondern eine angeborne ist. Gott ist unendliche Substanz, d.h. er existirt so, daß er für seine Existenz keines Andern bedarf und außer (extra) ihm Nichts gedacht werden kann; er vermag als unendlich vollkommenes Wesen uns nicht zu täuschen, weßhalb er für uns der Quell aller Gewißheit und Wahrheit, u. unsere Vernunft fähig ist das Wahre zu erkennen. Aus der Idee Gottes folgt zunächst die Lehre von den geschaffenen Substanzen, d.h. von den Dingen, welche für ihre Existenz lediglich Gottes Mitwirkung nöthig haben – Geist und Materie. Attribut u. Wesen des Geistes ist Denken, indem Alles, was wir im Geiste finden, Denken voraussetzt und nur eine Modification desselben ist; Attribut und Wesen der Materie aber ist Ausdehnung, denn alles vom Körper Ausgesagte setzt sie voraus und ist eine Weise derselben. Die 2 geschaffenen Substanzen haben nichts mit einander gemein, ihre Vereinigung ist nur eine mechan., der Leib die von Gott verfertigte Maschine der Seele. Die Seele aber sitzt mitten im Gehirn in der Zirbeldrüse; diese ist die Bildungsstätte aller Gedanken, die Thiere aber sind Maschinen, weil sie nichts von ihrem Denken wissen und keinen freien Willen haben. – Unbestritten bleibt, daß D. das Prinzip des Selbstbewußtseins in einer den Alten unbekannten Fassung aufstellte und den Gegensatz von Dasein und Bewußtsein, damit den archimed. Punkt der neuern Philosophie aussprach und als Aufgabe aufstellte. – D. ist auch der Schöpfer der analytischen Geometrie, erwarb sich um die Algebra bleibende Verdienste und wirkte für das Studium der Naturwissenschaften sehr anregend. Seine Schriften und Briefe wurden 1692–1701 in 9 Quartbänden zu Amsterdam u. gleichzeitig zu Frankfurt herausgegeben u. nachdem Einzelnes vielfach übersetzt worden, erschienen: »Oeuvres de Descartes publiés par Victor Cousin« Paris 1824–26; 11 Bde. 8.

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 2, S. 331-332.
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