Erster Band

Vorwort zur ersten Auflage

Auf seiner Harzesfeste jubelte Heinrich der Löwe, als Friedrich Barbarossa, wie schon einmal vor ihm selbst in Chiavenna, so in Venedig vor Alexander dem Dritten die Kniee beugte und der Stellvertreter Christi die Worte der Schrift über den gedemüthigten Kaiser sprechen durfte: »Ueber Nattern und Vipern will ich deine Schritte führen!«

Jetzt freilich, und in diesem Jahre erst, sah der Verfasser einen erlauchten ritterlichen Prinzen des österreichischen Kaiserhauses unter demselben Baldachin, der des Patriarchen Haupt bedeckte, in Venedig friedlich dahinschreiten am Tage des Fronleichnam. Die schmetternden Klänge der Hörner, Posaunen und Ophiklëiden der deutschen Regimenter hallten an den Wänden des Marcusplatzes wider. Schlachtengebräunte Generale, den Hut unterm Arm, folgten dem Zuge, den ein weißes, vor wenig Tagen geworfenes Lamm, mit rothen und blauen Bändern geschmückt, eröffnet hatte. Ein blonder Knabe in weißen, schleifenbesetzten Atlasschuhen, angethan wie[5] einer jener spanischen Infanten, die auf fürstlichen Familienbildern Tizian malte, führte das Symbol der Kirche an einem rothen Gängelbande.

Und dennoch ist der Streit der Welfen und Ghibellinen noch unbeendet!

Unausgefüllt die Kluft der deutschen Einheit und der lateinischen und germanischen Welt überhaupt!

Diejenigen Cabinete kennen wir, denen wenig damit gedient gewesen, als die »Schlacht von Bronzell« nur eine traurige Caricatur wurde!

Wir haben die Liga, haben die Union! Was verbürgt uns, daß nicht das Vaterland eine zweite Schlacht von Mühlberg erlebt, die einst gefahrvollste Stunde unserer Geschichte … Nur selbstverständlich wird der Kaiser, der beruhigend den knieenden Fürsten zuruft: »Nicht Kopf abe!« kein Spanier sein.

Das alte blut- und thränenreiche deutsche Vermächtniß, die Spaltung in Süd und Nord, kann noch immer die Bresche werden, über welche hinweg unsere Heiligthümer, Sprache, Bildung, Nationalität, Volkswohl, im Völkersturm genommen werden, und früher oder später ist die Stunde da, wo entschieden wird, ob die Welt den Slawen, Celto-Romanen oder Germanen gehört.

Die nachfolgende Dichtung will, soweit dem Worte eine Wirkung zukommen kann, beitragen helfen die vaterländische Einheit zu fördern. Sie will warnen,[6] will ermuntern. Sie will die Gefahren aufdecken einer trügerischen Lockung. Sie will den »lieblichen Ton der Pfeife des Vogelstellers« nachweisen selbst in dem Busch, wo Tannenzapfen, nicht Orangen reifen. Sie will einem großen, sehnsüchtigen, auch von ihr heilig gehaltenen Hang und Drang der christlichen Völker würdigere Ziele zeigen, als sie sich bisher in der fernen Fata-Morgana spiegelten. Sie will für jene heraufziehende Entscheidung den germanischen Kampfesmuth schüren, tausendjährigen Siegerstolz nähren helfen, will den Verräthern unsers eigenen Heerlagers auf ihren geheimsten und nächtlichsten Pfaden folgen. Sie will –

Doch spreche die Absicht des Buches aus ihm selbst!

Der Verfasser widmet es seinem Volke und seiner Zeit.

Er stellt diese Widmung mit ruhiger Ergebung in die Aufnahme, die von einer Seite aus nur die feindseligste werden kann. Häufe sie Schimpf und Schmach – ein Theil der angestrebten Wirkung wird dann erreicht sein.

Wohlwollenden aber, Uebereinstimmenden, Gerechten den innigsten Gruß zuvor! Der Verfasser kennt aus schöner Erfahrung das Glück, für Gemüther zu schreiben, die den Autor gleichsam nur bevollmächtigten das zu sagen, was schon lange ihnen selbst auf dem Herzen brennt. Eine der seligsten Wonnen – Uebereinstimmung! Ein nur leise angeschlagener[7] Ton und die Hingebung und Liebe führen ihn weiter! Wissen: hier lächelt der Leser wie du: hier feuchtet sich sein Auge wie dir: hier erräth er dein Räthsel, noch ehe du zu Ende warst es zu stellen: hier könnte er deiner einfachen Andeutung eine Fülle eigener Erfahrung an die Hand geben: welche Kraft entströmt diesem sichern Bewußtsein! Findet ihr zu viel grelles Licht, ihr seid gewiß, der Schatten wird nachkommen; dunkelt es zu lange, ihr vertraut, daß es bald am Licht nicht fehlen wird! Was ist hier Gutes, was Böses? rufen wol schon im Beginn die, die gewohnt sind nur sich selbst zu hören. Ihr ermüdet nicht, die Anklage oder Vertheidigung der Charaktere allmählich erst sich aufsummen zu sehen. Nur schwarze oder weiße Menschen haben wir Engverbundene in unserm Erfahrungsbuche nie finden können und … stelle doch, du gefallenes Titanengeschlecht, Menschheit genannt, dem Weltenrichter einst große Aufgaben! Sprüche urtiefer Weisheit fallen am Jüngsten Tage, nicht Schulcensuren …

Das erste der neun Bücher ist nur ein Vorspiel, der erste, schwere Jugendtraum eines in solcher Art »gemischten« Charakters. Der Roman selbst, sowol in Form wie Bedeutung nach den Anforderungen an einen Roman des neunzehnten Jahrhunderts, wie ihn der Verfasser in seinen »Rittern vom Geist« zu definiren wagte, beginnt erst mit dem zweiten Buche. Die kleinen Funken, die dort erst zu zünden bestimmt sind und die in den Vorgängen[8] des ersten Bandes, dem jungen Dämmerleben einer weiblichen Seele, nur spielend auf- und niederhüpfen konnten, wird des Kenners Auge leicht herausfinden. Sei ihre Irrlichtsnatur auch dafür Bürge, daß jetzt wie früher der Verfasser nichts um der nächsten Deutung willen schrieb oder mit grober Absichtlichkeit dem freien Schwebegang der Muse Zwang anthun wollte! Wie sonst wird auch hier das Gesetz des Lebens walten und jede freie Lust am Dasein, jede Regung der natürlichen Empfindung den Keim ihrer höhern Deutung in sich selbst oft völlig unbewußt tragen. Denn in solchem Humor leben wir. All unser Denken und Handeln ahnt die Schatten nicht, die es im Licht der Wahrheit wirft.

Dresden, im Juli 1858.[9]

Quelle:
Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. Roman in neun Büchern, Band 1, Leipzig 1858, S. 5-10.
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