Lederfärberei

[109] Lederfärberei. Lohgare Leder, wie Zeugleder, Blankleder, Oberleder, Vachetten (für Koffer, Reisetaschen, Portefeuillearbeiten u. dergl.), Kalbleder, Saffiane, Korduane u.s.w., werden auf der Narbenseite sehr häufig gefärbt.

Das Schwarzfärben (Schwärzen) wird meistens unter Anwendung der natürlichen Pflanzenfarbstoffe, neuerdings auch mit künstlichen Farbstoffen ausgeführt; das Leder wird hierzu in trockenem Zustande auf eine Tafel gelegt und auf die Narbenseite wird zunächst der Grund und dann die Schwärze aufgetragen. Der Grund ist eine konzentrierte Abkochung von Blauholz und Gelbholz oder ersterem allein, welcher meist noch Ammoniak oder Soda oder Hirschhornsalz zugesetzt wird. Als Schwärze verwendet man eine Eisensalzlösung, und zwar entweder Eisenvitriollösung oder holzessigsaures Eisen oder eine der üblichen, von den Gerbern selbst hergestellten Schwärzen. Dieselben werden erzeugt, indem man Eisendrehspäne mit sauerm Bier (Bierschwärze) oder mit saurer Milch (Milchschwärze) oder mit saurer Lohbrühe (Lohbrühschwärze) übergießt und einige Zeit stehen läßt, bis sich die wirksamen Eisensalze (essigsaures und milchsaures Eisen) gebildet haben. Die schwarze Farbe wird bei diesem Schwärzverfahren durch Bildung eines dunkeln Farblackes (Verbindung des Eisenoxyduls mit dem Farbstoff des Blau- bezw. Gelbholzes) oder von gerbsauerm Eisen hervorgerufen.

Das Färben der lohgaren Leder in einer andern Farbe als Schwarz wird seltener mit Pflanzenfarbstoffen, häufiger mit den direkt färbenden künstlichen organischen Farbstoffen, vorzugsweise mit den basischen, weniger mit den sauern, ausgeführt. Vor dem Färben erfordern die lohgaren Leder eine besondere Vorbereitung, die darin besteht, daß sie durch Auswaschen im Walkfasse und auf der Tafel von Säure, Unreinigkeiten, ungebundenem Gerbstoff u. dergl. vollständig befreit und hierauf durch Einlegen oder Walken in fußen Sumachbrühen, an deren Stelle man zuweilen süße Weidenlohbrühen verwendet, nachgegerbt werden. Diese Nachgerbung bewirkt eine starke Aufhellung, eine Verbesserung der Qualität des Leders und hat außerdem zur Folge, daß beim Färben der Farbstoff gleichmäßig an das Leder anfällt. Zur Erzielung eines hellen Aussehens werden in manchen Gerbereien die Leder abwechselnd durch stark verdünnte Schwefelsäure und durch Bleizuckerlösung (Ausfällung von weißem Bleisulfat auf der Lederoberfläche) oder lediglich durch die erstere gezogen.

Beim Ausfärben unterscheidet man zwei Verfahren: das Färben auf der Tafel mit der Bürste (Streichverfahren) und das Tauchverfahren (Tunkverfahren oder. Färben in der Flotte). Das erstere wird namentlich bei den Zeugledern und Vachetten (überhaupt bei den Häuten), das letztere bei Kalb-, Schaf- und Ziegenledern (bei den Fellen) angewendet.

Für das Streichverfahren werden die ausgewaschenen und nachgegerbten Leder fertig zugerichtet und getrocknet; das Färben erfolgt alsdann in trockenem Zustande auf der Tafel durch Auftragen der Farbstofflösung mittels einer Bürste. Man trägt hierbei erst eine verdünnte Lösung des Farbstoffes bezw. des Farbstoffgemisches (etwa 1,25 g pro Liter) auf, läßt trocknen, trägt eine etwas stärkere Lösung (etwa 2,5 g pro Liter) auf, trocknet wieder und gibt alsdann einen Auftrag mit der stärksten Lösung (etwa 5 g pro Liter); das Aufbürsten der stärksten Lösung wird so oft wiederholt, bis der richtige Farbton erreicht ist. Die Temperatur der Farbstofflösungen soll 30–40° C. betragen.

Bei dem Tunkverfahren wird jedes Fell nach der Behandlung in der Sumachbrühe auf der Tafel mit dem Messingschlicker ausgereckt, und für den Fall, daß die Fleischseite ungefärbt bleiben soll, werden zwei Felle (Fleischseite auf Fleischseite) ebenfalls mit Hilfe des Schlickers fest aufeinander gelegt und hierauf in der Farbstofflösung (Färbflotte), die eine Temperatur von 45–50° C. haben soll, gleichmäßig und beständig hin und her bewegt. Als Gefäße dienen flache Kästen, deren Boden etwas geneigt ist. Auf ein mittelgroßes Fell, das auf beiden Seiten gefärbt werden soll, bezw. auf zwei zusammengelegte Felle, rechnet man etwa 6 l Färbeflotte. Die Konzentration der Färbeflotte und die Zeitdauer des Tunkens ist abhängig von der Intensität der gewünschten Farbe. Nach dem Färben werden die Felle in lauwarmem Wasser gespült, auf der Tafel ausgereckt, auf Lattengestelle aufgenagelt und getrocknet.

Besonders beliebt sind die braunen Farben in den verschiedensten Abtönungen, die man vielfach durch Kombination von verschiedenen Farbstoffen erzeugt. Man mischt entweder die festen Farbstoffe und bringt die Gemische in Lösung, oder man mischt die Lösungen der[109] einzelnen Farbstoffe. Als Regel gilt hierbei, daß basische Farbstoffe nur mit basischen, saure nur mit lauern gemischt werden dürfen, weil basische und saure Farbstoffe beim Mischen ihrer Lösungen sich gegenseitig ausfällen. Will man einen basischen Farbstoff mit einem sauern kombinieren, so muß erst mit dem sauern ausgefärbt und dann mit dem basischen nachgefärbt werden. Die Lösungen der sauern Farbstoffe müssen übrigens stets einen Zusatz von Schwefelsäure oder Essigsäure erhalten. Ein vielfach angewendetes Mittel zur Erzeugung von braunen Farbtönen ist die Kombination eines Farbstoffes bezw. von Farbstoffgemischen mit der verdünnten Lösung eines Eisensalzes (vorzugsweise mit holzessigsaurem Eisen); das Eisensalz wirkt hierbei nicht direkt auf den Farbstoff, sondern bildet mit dem im Leder befindlichen vegetabilischen Farbstoff gerbsaures Eisen, dessen blaugraue Farbe die Farbe des Farbstoffes je nach der Konzentration der Eisensalzlösung mehr oder weniger abtönt. Zum Abtönen einzelner Farben wird in der Lederfärberei zuweilen auch Kaliumbichromat verwendet, indem vor dem Färben die Leder mit einer Lösung desselben behandelt werden. Der im Leder vorhandene Gerbstoff wird durch das Bichromat zu dunkel gefärbten Verbindungen oxydiert, wodurch die Abtönung der Farbe erreicht wird. Dieses Mittel greift das Leder ziemlich stark an. In manchen Gerbereien ist es üblich, den im Leder vorhandenen Gerbstoff vor dem Ausfärben durch Behandlung mit einem Antimonsalze, z.B. Brechweinstein, zu fixierendes sollen dadurch gleichmäßige Ausfärbungen erzielt werden. Auf Verfahren zur Herstellung von marmoriertem Leder sind Epstein (D.R.P. Nr. 78855) und Becké (D.R.P. Nr. 87779) Patente erteilt worden.

Von weißgaren Ledern wird Kidleder fast immer in Schwarz, Glacéleder in verschiedenen Farben gefärbt. Das Schwarzfärben des Kidleders erfolgt gewöhnlich nach dem Tunkverfahren. Die Felle werden nach dem Broschieren (auch Pürgen genannt) und nach der Nachgare (s. Leder, S. 106) zur Hälfte, Fleischseite auf Fleischseite, zusammengeklappt, zunächst einige Minuten in eine Blauholzabkochung, welcher meist noch Ammoniak und Kaliumbichromatlösung zugesetzt wird, hierauf in eine Eisensalzlösung (meist Eisenvitriol, der in der Lederfärberei vielfach die Bezeichnung »Kupferwasser« führt, oder holzessigsaures Eisen) eingetaucht und alsdann in reinem Wasser gespült, getrocknet und zugerichtet. Das Glacéleder wird fast ausschließlich mit Pflanzenfarbstoffen, nur ausnahmsweise mit künstlichen organischen Farbstoffen gefärbt; es kommen die Abkochungen von Blau-, Rot-, Gelb-, Fisettholz, Quercitronrinde, Kreuzbeeren, Fichtenrinde und Bablah sowie Hartriegelbeer- und Holundersaft zur Verwendung. Diese Farbstoffe müssen durch Anwendung gewisser Metallsalze (Alaun, Zinkvitriol, Kupfervitriol, Eisenvitriol) auf dem Leder fixiert werden, wobei der unlösliche Farblack (Verbindung des Farbstoffes mit einem Metalloxyd) ausgefällt wird. Die verschiedenen Metallsalzlösungen, die man in der Glacélederfärberei als Nachdunkler oder Tourners bezeichnet, geben mit jeder einzelnen Farbstofflösung verschiedene Farbentöne. Damit die Ausfällung des Farblackes in möglichst vollständiger Weise erreicht wird, erhält das Leder vor dem Auftragen der Farbstofflösung eine alkalische Beize; als solche wurde ursprünglich in Gärung übergegangener Urin (Urinbeize), welcher seine alkalische Wirkung dem Gehalte an kohlensauerm Ammon verdankt, verwendet; gegenwärtig wird als Urinersatz häufig eine wässerige Lösung von kohlensauerm Ammon (Hirschhornsalz) und Kaliumbichromat benutzt. Müller (D.R.P. Nr. 66998) empfiehlt als Urinersatz starkverdünnte alkalische Abfallauge aus den Melasseentzuckerungsanstalten, welches Verfahren sich jedoch in der Praxis nicht bewährt hat. Durch Mischen der Farbstofflösungen und Anwendung verschiedener Tourners kann man auf Glacéleder jeden beliebigen Farbton herstellen. Das Färben des Glacéleders erfolgt entweder durch Tunken in den Farbstofflösungen (Plongeverfahren) oder durch Auftragen derselben mit einer Bürste (Streichverfahren). Bei dem ersten, nur für helle Farbtöne angewendeten Verfahren werden die broschierten Felle in der Farbholzabkochung bezw. in Gemischen derselben so lange geknetet, bis sie die gewünschte Farbe angenommen haben; der im Leder vorhandene Alaun fixiert hierbei den Farbstoff auf dem Leder. Die dunkleren Farben auf Glacéleder werden immer nach dem Streichverfahren hergestellt. Die Felle werden hierzu nach dem Broschieren und nach der Nachgare mit einem Messing- oder Holzschlicker auf einer platten oder schwachgewölbten Tafel glatt ausgereckt und zunächst mit der alkalischen Beize, dann mehrmals mit der Farbstofflösung und schließlich mit dem Nachdunkler (Tourner) überbürstet. Für hellere Farben verwendet man als Nachdunkler eine Lösung von Zinkvitriol oder Alaun oder schwefelsaurer Tonerde (weißes Tourner), für etwas dunklere Farben, namentlich für die grünen, Kupfervitriollösung (blaues Tourner), für noch dunklere Farben eine Lösung von Salzburger Vitriol, d.i. ein mit Eisenvitriol verunreinigter Kupfervitriol (grünes Tourner), und für schwarze oder graue Farben Eisenvitriollösung in verschiedenen Konzentrationen (schwarzes bezw. graues Tourner). Nach jedem Auftrage werden die Felle mit reinem Wasser abgespült und ausgereckt; nach dem letzten Auftrage erfolgt das Trocknen bei 30–35° C. unter regem Luftwechsel.

Die als Dänischleder, Chairleder oder Suède bezeichnete Lederart ist Glacéleder, das nicht auf der Narbenseite, sondern auf der glattgeschliffenen Fleischseite gefärbt worden ist und das bei seiner Verwendung als Handschuhleder mit der Fleischseite nach außen getragen wird. Das Schleifen der Fleischseite erfolgt entweder mittels Bimssteins von Hand oder mittels Schleifmaschinen. Das Ausfärben (Chairfärberei) wird in gleicher Weise wie beim Glacéleder ausgeführt, und zwar bei den helleren Farbtönen durch Tunken und bei den dunkleren Farbtönen auf der Tafel nach dem Streichverfahren. Die gefärbten Leder werden nach dem Ausrecken getrocknet und zugerichtet.

Ueber die Verwendung von künstlichen organischen Farbstoffen in der Weißgerberei hat Müller [3] Untersuchungen angestellt; nach denselben eignen sich für diesen Zweck die basischen Farbstoffe überhaupt nicht und von den sauern nur wenige. Zum Ausfärben von Leder, speziell für Glacéleder, sind verschiedene Färbemaschinen konstruiert worden; die wichtigsten sind die von Kristen von Knabe (D.R.P. Nr. 57714), von Skucek und Jelen (D.R.P. Nr. 57590),[110] von Ergang (D.R.P. Nr. 83087) und Rieder. Diese Maschinen eignen sich nur für kleinere Leder, wie Kalb-, Schaf- und Ziegenfelle, und bewähren sich auch nur bei der Herstellung dunkler Farbtöne.

Das Färben des Chromleders. Nachdem in neuerer Zeit das Chromleder auf dem Ledermarkt sich einen Platz erobert hat, wird dasselbe außer in Schwarz auch in jeder andern Farbe hergestellt. Das Schwärzen erfolgt in gleicher Weise wie beim lohgaren und weißgaren Leder. Beim Ausfärben in den übrigen Farben werden die Chromleder erst einige Stunden in ein Sumachbad eingelegt, hierauf gespült und in feuchtem Zustande nach dem Streich- oder nach dem Tunkverfahren ausgefärbt, wozu man sich meist der basischen Farbstoffe bedient; es sind hierbei dieselben Regeln wie bei der Färberei des lohgaren Leders zu beobachten.

Färberei des sämischgaren Leders. Das Sämischleder wird nach zwei Verfahren gefärbt. Bei dem ersten wird der Farbstoff (gewöhnlich verwendet man die unlöslichen Mineralfarbstoffe, z.B. Ocker) mit Wasser und einem Bindemittel, wie Stärkekleister, zu einem dünnen Brei verrieben und dieses Gemisch mit einer Bürste auf das Fell aufgetragen. Das so gefärbte Leder ist wenig widerstandsfähig gegenüber Wasser; beim Waschen des Leders verliert dasselbe seine Farbe. Das zweite Verfahren, bei dem man ausschließlich Pflanzenfarbstoffe verwendet, ähnelt sehr der Färbemethode der Glacéfärberei. Da das Sämischleder kein Metallsalz, welches den Pflanzenfarbstoff fixieren kann, enthält, so muß es zunächst mit einem solchen imprägniert (gebeizt) werden; für helle Farben wählt man Alaun und Weinstein, für dunklere Farben holzessigsaures Eisen. Nach dem Beizen erfolgt das Ausfärben mit der Farbstofflösung, wobei im Gegensatz zum ersten Verfahren ziemlich licht- und waschechte Farben erzielt werden. Gegenwärtig erfolgt das Färben von Sämischleder auch häufig mit künstlichen Farbstoffen. Das Ausfärben wird wie in der Glacéfärberei entweder durch Aufstreichen oder durch Tunken vorgenommen.


Literatur: [1] Beller, Glacélederfärberei, Weimar 1886. – [2] Färberztg., 6. Jahrg., S. 293; 7. Jahrg., S. 99. – [3] Ebend., 6. Jahrg., S. 330.

Päßler.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 6 Stuttgart, Leipzig 1908., S. 109-111.
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