Beizen [1]

[657] Beizen sind Flüssigkeiten, mit denen lose Gespinstfasern, Garne und Gewebe vegetabilischen oder animalischen Ursprungs für die Aufnahme bestimmter Farbstoffe vorbereitet werden.

Das Beizen oder Ansieden der Wolle geschieht in kochendem sauren Bade. Für Rot dient die Alaunbeize (s. Alizarin, Aluminiumverbindungen), für Schwarz, Grau und andre Modetone die Eisenbeize, bestehend aus Eisenvitriol und Weinstein, denen meist noch ein Zusatz von Kupfervitriol gegeben wird. Bei den auf Eisenbeize gestellten Wollsachen wird auch der umgekehrte Weg eingeschlagen, indem man die Wolle mit dem Farbstoff, z.B. mit Blauholzabkochung, ansiedet, dann in demselben Bade mit Ferrosulfat nachbeizt, nachdunkelt oder abdunkelt (s. Eisenverbindungen). Das heute mit Vorliebe verwendete Verfahren, Wolle schwarz zu färben, benutzt den Chromsud, wobei die Wolle vor dem Färben in Blauholz mit 2–4% ihres Gewichtes Kaliumbichromat unter Zusatz von so viel Schwefelsäure, Weinsäure, Weinstein oder Weinsteinpräparat angesotten wird, daß alle Chromsäure des Chromats frei wird. In gleicher Weise dient der Chromsud auch für das Färben der Wolle mit andern adjektiven, insbesondere den Alizarinfarbstoffen (s. Alizarin, Alizarinfarbstoffe), wobei in manchen Fällen das Chromieren durch das Vor- und Nachbeizen mit Fluorchrom mit Erfolg ersetzt wurde (s. Chromoxydsalze). Zinnsalz oder salpetersaures Zinnoxydul sind die Beizen der Scharlach- und Gelbfärberei der Wolle, sie werden zum Ansieden (4–6% Zinnsalz nebst einer entsprechenden Menge von Weinstein oder Oxalsäure) vor dem Färben in Cochenille, Flavin oder in den neuen für Gelb und Ponceau bestimmten Teerfarbstoffen verwendet oder aber direkt der Farbflotte zugegeben. Mit Zinnsalz (SnCl2) und Chlorzinn (SnCl4) bereitet sich der Wolldrucker seit 1847 nach Broquettes Vorgang seine Cochenille-, Gelb- und andre buntfarbige [657] Lacke, und mit beiden grundiert er seine Ware für die meiden Artikel vor dem Bedrucken der gebleichten Wollstücke, wenn er nicht vorzieht, den die Farben erwärmenden Zinngrund in einem Zinnsodabad mit darauffolgender Schwefelsaurepassage herzustellen (s. Zinnverbindungen). – Eine Beize besonderer Art ist die Schwefelbeize für das Färben der Wolle in Methyl-, Malachit- und Brillantgrün. Das Verfahren rührt von Lauth her und besteht darin, daß man 30% (vom Gewicht der Wolle) unterschwefligsaures Natron (Natriumthiosulfat Na2SO3 + 5HO2) und 15% Salzsäure 20° Bé in einer Holzkufe auflöst, auf 70° C. erwärmt und in dieser Flüssigkeit die Wolle 11/2 Stunden lang umzieht. Hierbei schlägt sich (in Schwefelkohlenstoff unlöslicher) Schwefel auf der Wolle nieder, der in noch nicht aufgeklärter Weise als Beize für die genannten grünen Farbstoffe dient und ihre sichere Anwendung auf Wolle überhaupt ermöglicht hat. – Seitdem die Anilinfarben in der Seidenfärberei Anwendung finden, haben die alten Beizen (basischer Alaun, essigsaure Tonerde, Chrom- und Zinnverbindungen) nur noch eine untergeordnete Bedeutung für diesen Zweig der Färberei; nur die Eisenbeizen bilden nach wie vor die Grundlage für das Blauholzschwarz auf Seide. Als solche findet der Eisenvitriol nur beim sogenannten Englischschwarz Verwendung, und auch hier nicht allein, sondern in Gesellschaft mit basischem Ferrisulfat (Rouille) und Grünspan, die alle drei zusammen mit Gelbholz, Blauholz und Seife ausgefärbt werden. Holzessigsaures Eisen dient zum Schwarzfärben und Beschweren von Rohseide für Fransen, billige Bänder u. dergl., wobei der Stoff abwechslungsweise ein oftmaliges Eisen- und Kastanienextraktbad erhält. Die am häufigsten vorkommende Eisenbeize ist das basische Ferrisulfat, mit dem Soupleseide und abgekochte Seide schwarz gefärbt werden. Bei ersterer wird das kalt auf die Seide gebrachte Eisensalz mit 30–40° C. warmer Sodalösung auf der Faser niedergeschlagen, bevor man mit Ferrocyankalium den blauen Grund gibt, dem dann ein Galläpfelabsud, Dividivi oder sonst ein Gerbstoff bei 90° C. aufgesetzt wird, um schließlich die schwarzgefärbte Soupleseide in einem Zinnsalzbad mit gerbsaurem Zinn zu beschweren. – Für abgekochte Seide dient das basische Ferrisulfat gleichfalls als Schwarzbeize; aber das Sodabad wird in diesem Fall durch ein Seifenbad ersetzt, und dem Färben in der Blaukaliflotte folgt ein 70° C. warmes Katechu-, dann ein Alaun- und ein seifenhaltiges Blauholzbad. Aehnlich wie dieses Lyonerschwarz wird auch Schwerschwarz auf Seide gefärbt, nur erhält das wesentlich stärkere Katechubad für die Beschwerung einen Zulatz von Zinnsalz und wird die Seide vor dem Ausfärben in Blauholz durch holzessigsaures Eisen genommen. Endlich wird die Eisenbeize auch in Form von salpeteressigsaurem Eisen gegeben und dann die abgekochte Seide, z.B. für Hutplüsch, in Blauholz- und Gelbholzextrakt unter Zusatz von wenig Ferrosulfat und Kupferacetat schwarz gefärbt. – Die Rotbeize des Baumwollfärbers (abgestumpfter Alaun) und der rote Mordant des Baumwolldruckers (sogenannte essigsaure Tonerde) sind im Zusammenhang mit den andern hierhergehörigen Tonerdesalzen in dem Art. Aluminiumverbindungen eingehend besprochen worden. Sie gelten als Lackbilder außer für Rot auch für Gelb und eine Reihe von Farben, die mit adjektiven Farbstoffen hergestellt werden, und sie gelten nicht bloß für Baumwolle, sondern auch für Leinwand. – Die vom Baumwolldrucker am häufigsten angewendete Eisenbeize ist das holzessigsaure oder holzsaure Eisen, das schon beim Alizarinlila (s. Alizarin) zur Sprache gekommen ist. In besonders großen Mengen verwendet er es als Schwarzbeize beim Trauerartikel, wobei er dem holzsauren Eisen einen schwachen Zusatz von holzsaurer Tonerde gibt, um beim Ausfärben in Blauholz ein etwas blaustichiges Schwarz zu erhalten. Vor dem Färben wird das mit der Schwarzbeize geklotzte Gewebe scharf getrocknet, dann mit Aetzweiß (s. Aetzfarben) überdruckt, nochmals in der Hitze getrocknet, in der Warmhänge oxydiert (s. Hänge) und durch ein Kreidebad genommen. Der Baumwollstückfärber kann sich, wenn er Glattschwarz zu färben hat, an das basische Ferrisulfat oder an das sogenannte salpetersaure Eisenoxyd (richtiger salpeterschwefelsaures Eisenoxyd, gemischt mit nichtoxydiertem Ferrosulfat) halten, da er die Ware zwischen dem Beizen und Färben in Blauholz nicht zu trocknen, also von der sauren Eigenschaft der anorganischen Eisenoxydsalze keine Schwächung des Fadens zu befürchten hat. Es wiederholt lieh also hier dasselbe Verhältnis wie bei der Alaunbeize (s. Aluminiumverbindungen), daß der Baumwoll-, Glatt- oder Garnfärber zum billigeren Sulfat oder Nitrat greisen kann, während der Drucker durch die Rücksicht auf die Fertigkeit der Faser mehr an das teurere Acetat gebunden ist. Zugleich erspart sich der Glattfärber im vorliegenden Fall, wo er mit einem fertigen Oxydsalz oder mit der Mischung eines Oxyd- und Oxydulsalzes arbeitet, die Oxydation der Eisenbeize, während der Drucker das Eisenoxydul seiner holzsauren Schwarzbeize durch Verhängen der mit ihr geklotzten Gewebe erst in Eisenoxyd oder Eisenoxydoxydul überführen muß, um beim Färben in Blauholz ein sattes Schwarz zu erhalten. Doch macht der Baumwolldrucker ebenfalls von dem sogenannten salpetersauren Eisenoxyd Gebrauch als Eisenbeize für das Tafelschwarz und teilweise auch für das Dampfschwarz. Gleich dem Stückfärber verwendet er salpetersaures Eisenoxyd als Grundlage für das mit Ferrocyankalium zu färbende Chemischblau und zur Herstellung einer intensiven Rostfarbe auf Baumwolle, während er für helleres Klotzchamois auf gemusterter, weißbodiger Ware beim holzsauren Eisen bleibt und die von der brenzligen Substanz der Eisenbeize herrührende Trübung der Chamoisnuance nach dem Kreiden durch ein kräftiges Dampfchloren (s.d.) überwindet. Beim Chamois ist also das Eisensalz zugleich Beize und Farblösung wie das Manganchlorür bei der Fabrikation des Manganbrauns auf Baumwolle (s. Manganbister) oder wie die Chromoxydsalze, die nicht bloß als lackbildende Unterlage oder als Zusatz beim Färben oder Bedrucken der Baumwolle mit adjektiven Farbstoffen dienen, sondern auch benutzt werden, um ein echtes, im Stil Louis XVI. gehaltenes Grüngrau in Form von Chromoxydhydrat auf dem Baumwollgewebe zu fixieren. Die Chromoxydsalze (s.d.) finden hauptsächlich Verwendung für die Beizung der Wolle und die Zusammensetzung von echtem Dampfschwarz, -braun, -olivgrün, -blau u.s.w. mit Holz- und Alizarinfarbstoffen, wo der Dampf als sicherstes Befestigungsmittel für Chromoxydhydrat und Chromoxydlacke auf Baumwolle sich[658] bewährte, während eigentümlicherweise die Beteiligung des Chromoxyds in der Färberei, also ohne Beihilfe des Dämpfkastens, weniger glatt vor sich geht als bei der sonst in mancher chemischen Beziehung mit dem grünen Sesquioxyd übereinstimmenden Tonerde. – Zinnsalz wird auf Baumwolle ausschließlich als Beizsalz für gelbe und andre bunte Dampffarben gebraucht, während das Zinnchlorid als Beize des baumwollenen Zettels in der Halbwollfärberei dient. Das gemischte Gewebe wird zu diesem Zweck, nachdem der Wollfaden gefärbt ist, sumachiert oder tanniert, dann durch ein 2–3° Bé starkes Zinnchloridbad genommen, wobei auf dem Baumwollfaden gerbsaures Zinnoxyd sich beteiligt, das dann die Ausfärbung der Baumwolle in Rotholz, Blauholz, Flavin, Cochenille oder in basischen Anilinfarbstoffen vermittelt. Zinnsaures Natron wurde früher zu ähnlichem Zweck für Dampfartikel der Kattundruckerei mit Anilinfarben und mit braunem, aus Farbholzextrakten zusammengesetztem Decker benutzt. Die Stücke passierten eine Lösung von Zinnsoda (s. Zinnverbindungen), dann eine verdünnte Schwefelsäure, dann eine Tanninlösung, um auf diese Weise die Baumwolle mit gerbsaurem Zinn für die leichtere Aufnahme und solidere Beteiligung der Holz- und Anilinfarben zu »präparieren«. Wie der Reihe nach die gerbsaure Tonerde und das gerbsaure Zinnoxyd als Doppelbeizen für die basischen Anilinfarbstoffe durch das gerbsaure Antimonoxyd in der Baumwollfärberei und -druckerei abgelöst worden sind, kann in den Art. Antimonsalze und Fixieren der Farben nachgelesen werden. Die Bleibeizen, normales und basisches Bleiacetat und -nitrat (s. Essigsäure), werden als Bleioxydhydrat, -karbonat oder -sulfat auf der Baumwolle niedergeschlagen. Beim darauffolgenden Ausfärben in Chromkali entsteht dann auf der Faser Chromgelb, das eine »fliegende« Passage durch kochende Kalklauge erhält und dabei in hohes Chromorange übergeht. Betreffs der Rolle, welche die Benzidinfarbstoffe als Beizen für basische Anilinfarbstoffe auf Baumwolle spielen, s. Fixieren der Farben. Der alten Oelbeize, der Emulsion des Tournantöls mit verdünnter Alkalikarbonatlösung, mit der die gebauchten, aber nicht gechlorten Baumwollgewebe in der Türkischrotfärberei vor dem Alaunieren getränkt werden, verdankt das eigentliche Türkischrot seine besondere Sattheit, Lebhaftigkeit und Echtheit (s. Türkischrot). Doch stimmen die Ansichten über die Art und Weise der Wirkung dieser Emulsion noch nicht überein, wie in dieser Beziehung auch die Arbeiten der Theoretiker über die neue Oelbeize, das sulfonierte Olivenöl oder besser Rizinusöl, bekannt unter dem Namen Türkischrotöl, dessen sich die Baumwolldrucker und -färber zur Belebung und solideren Beteiligung des Alizarins, mancher Alizarin- und Anilinfarbstoffe mit größtem Erfolge bedienen, noch zu keinem definitiven Resultate geführt haben.


Literatur: Hummel-Knecht, Färberei und Bleicherei der Gespinstfasern, 2. deutsche Auflage, Berlin 1891; Knecht, Rawson und Löwenthal, Färberei der Spinnfasern, 2. Aufl., Berlin 1900–01.

(Kielmeyer) R. Möhlau.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 657-659.
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