Lacke [1]

[24] Lacke, früher auch Lackfirnisse, Firnislacke und selbst Firnis (Kopalfirnis, Pariser Firnis, Spiritusfirnis u.s.w.) genannt, sind Auflösungen von Harzen verschiedener Abstammung in fetten oder ätherischen Oelen, Alkohol, Benzin und einigen andern flüchtigen Flüssigkeiten.

Gegenstände des täglichen Gebrauches, des Luxus u.s.w. werden durch die Lacke mit einer schützenden, den Einflüssen der atmosphärischen Luft, der Feuchtigkeit, dem Staube u.s.w. widerstehenden Decke versehen und erhalten gleichzeitig ein dem Auge gefälliges Aussehen. Die Lacke werden eingeteilt in:

1. Fette LackeLösungen bei hoher Temperatur geschmolzener Kopale, Bernstein, Asphalt und andrer Harze in trocknendem Oel und Terpentinöl; beim Aufstreichen verdampft das Lösungsmittel, während das Harz in Verbindung mit dem trocknenden Oel zurückbleibt und durch das Bestreben des letzteren, aus der Luft Sauerstoff aufzunehmen, Austrocknung erfolgt;

2. Terpentinöl-, Benzin- u.s.w. Lacke, Lösungen der Harze in den genannten Lösungsmitteln;

3. Aetherische oder Spiritus-(Weingeist-)Lacke, Lösungen von Harzen in Aether, Alkohol u.s.w.; bei beiden letzteren Kategorien verdunstet das Lösungsmittel vollkommen und es bleibt nur das Harz als dünne, glanzgebende Schicht zurück.

Nur die fetten Lacke, die als Bernstein-, Kopal-, Möbel-, Wagen-, Luft-, Außen- u.s.w. -lacke bezeichnet werden, vermögen nach ihrer Zusammensetzung (festes Harz, trocknendes Oel) eine feste elastische Decke zu bilden, den Einflüssen der Atmosphäre, der Nässe, dem Staube, den mechanischen Abnutzungen erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen; sie sind, wie man sagt, »haltbar«, d.h. sie behalten ihre glatte, spiegelnde Fläche längere oder kürzere Zeit, ohne Risse zu bekommen, je nach ihrer Qualität bei. Alle haltbaren Lacke bedürfen, um auszutrocknen, längere Zeit; sie werden wohl alle innerhalb 12–24 Stunden trocken, bleiben aber noch lange Zeit weich, so daß z.B. bei seinen Wagenlacken noch nach acht Tagen durch längeres Verweilen der Hand Eindrücke verursacht werden. Die Dauerhaftigkeit der besten Lacke ist z.B. bei Eisenbahnwagen mit anderthalb Jahren anzusetzen; im Innern von Gebäuden wird ein solcher Lack zehn und mehr Jahre in seiner ursprünglichen Schönheit erhalten bleiben. Im allgemeinen kann als Regel gelten, daß, je schneller ein fetter Lack trocken wird, um so geringer seine Haltbarkeit ist; ganz ordinäre, binnen wenigen Stunden oder darunter trocknende Lacke haben eine nur nach Wochen zu bemessende Dauerhaftigkeit; nach dieser Zeit verlieren sie den Glanz, werden matt. Die früher glatte Oberfläche erscheint zuerst mit seinen zarten, dann immer gröberen, tiefergehenden Sprüngen bedeckt; nach und nach bekommt die ganze Fläche ein weißliches Aussehen und der Lack löst sich in seinen Teilchen ab. Dies ist das Ende jeden Lacküberzugs, des besten und des billigsten, und nur die Zeit, um diese Veränderungen herbeizuführen, ist verschieden. Je länger der Lack seinen Glanz und seine spiegelnde Oberfläche behält, desto besser ist er an Qualität, und diese hängt von seiner Zusammensetzung – der Beschaffenheit des verwendeten Harzes, dem trocknenden Oel und der Menge desselben –, von der Sorgfalt, mit der er bereitet wurde, und von seiner Ablagerung ab.

Alle Lösungen von Harzen allein in einem flüchtigen Lösungsmittel besitzen keine Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse; man soll sie nie da anwenden, wo man eine längere Dauerhaftigkeit verlangt, und sie sind nur zu solchen Zwecken brauchbar, die sie mit Luft, Nässe u.s.w. nicht in Berührung kommen lassen.

Die Lacke müssen je nach den Zwecken, denen sie dienen sollen, streng gesondert und für jeden Zweck auch besonders zusammengesetzt werden. So ist es z.B. ein großer Unterschied, ob ein Lack für einen Wagen, ein Möbelstück, ob er für Eisen, Papier, eine Buchbinderarbeit, an der Luft oder im Ofen zu trocknen, für inneren oder äußeren Anstrich u.s.w. verwendet werden soll. Ein Lack, der allen Anforderungen bezüglich Glanz und Dauerhaftigkeit bei einem Wagen entspricht, eignet sich seines langsamen Trocknens und noch mehr seines lange dauernden Erhärtens halber nicht für Möbel, noch weniger für Papier, auf dem er Fettflecke verursachen würde.

Die Fabrikation der Lacke zerfällt in die der fetten und in die der flüchtigen (Terpentinöl-, Spiritus-, Benzin- u.s.w.) Lacke und kann erfolgen: 1. durch Auflösen von Harzen[24] in irgend einem leichtflüchtigen Lösungsmittel bei gewöhnlicher oder erhöhter Temperatur in einfachster Weise durch Schütteln in Flaschen, Rühren in entsprechenden Gefäßen oder in eigens hierzu konstruierten Apparaten, bei denen unter Anwendung von Wärme jeder Verlust durch Verdunsten ausgeschlossen ist; dieses Verfahren ist für alle Lacke in Anwendung, die zu den flüchtigen gehören, d.h. die nur aus Harz und dem Lösungsmittel bestehen; 2. durch Schmelzen, trockene Destillation der Harze (nur Kopale und Bernstein) und Versetzen dieser geschmolzenen und veränderten Produkte mit einem trocknenden Oel und dem Verdünnungsmittel (Terpentinöl). Die Bestrebungen, das Schmelzen der Harze zu umgehen und diese mit den Verdünnungsmitteln und dem trocknenden Oel zusammen unter erhöhtem oder vermindertem Druck bei einer 100° C. nicht übersteigenden Temperatur zu mischen, haben zu praktischen Resultaten bis jetzt nicht geführt, dagegen gelingt es, Kopale in den Fettsäuren der trocknenden Oele zu lösen und die Lösungen als Lacke tauglich zu gestalten. Das Schmelzen der Harze wird außerordentlich verschieden geübt, und ebenso verschieden sind auch die dazu verwendeten Apparate; oft dient ein einfacher eiserner oder irdener Topf, oft ein mit allen Vervollkommnungen versehener Destillierapparat hierzu. Die Apparate können eingemauert, abhebbar, von der Feuerung entfernbar oder diese letztere ausziehbar sein; das Material der Schmelzgefäße kann Glas, Schmiede- oder Gußeisen, Kupfer oder Ton sein, und das Schmelzen selbst kann auf offenem Feuer, in geschlossenen Herden, mittels überhitzten Dampfes, unter Druck oder unter einem Vakuum, in Oel- oder Metallbädern, mittels Holz- oder Steinkohle, Koks- oder Gasfeuerung geschehen. Die bei dem Schmelzen, das einer trockenen Destillation gleichkommt, entweichenden flüchtigen Oele werden entweder in das Schmelzgefäß zurückgeleitet, in den Schornstein gelassen oder kondensiert, auch wohl unter die Feuerung geleitet. Das im Kessel verbleibende Produkt, das bis zu 25% flüchtiger Substanzen abgab, wird entweder ausgegossen, erkalten gelassen und dann gelöst, oder es wird sofort mit dem trocknenden Oele versetzt, mit diesem erst durch einige Stunden verkocht oder auch alsbald das Verdünnungsmittel hinzugefügt und der fertige Lack durch Lagern oder Filtrieren geklärt. Die Ansichten über die Vorzüge des einen oder des andern Verfahrens gehen bei der äußerst spärlichen wissenschaftlichen Untersuchung der Vorgänge bei der Lackfabrikation sehr auseinander.

Die allgemeinen Anforderungen, die man an die Qualität der Lacke stellt, beziehen sich auf Farbe, Klarheit, Durchsichtigkeit, Konsistenz, Glanz, Trocknen und Haltbarkeit; diese letztere kann erst nach der Verwendung, und da erst nach Monaten konstatiert werden. Alle fetten Lacke müssen vollkommen hell und klar sein und dürfen selbst mikroskopisch kleine feste Körper nicht enthalten; ihre Konsistenz muß derart sein, daß sie sich bei gewöhnlicher Temperatur leicht verstreichen lassen, leicht verlaufen, nicht abrinnen und nicht Flecken bilden. Der Glanz eines schon getrockneten Lacküberzuges muß spiegelnd und dauerhaft sein; es dürfen darin weder sehr kleine Pünktchen noch Bläschen oder nadelstichähnliche Vertiefungen vorkommen, auch darf sich der Glanz durch eine Art Hauch, einen Schleier, nicht vermindern. Im allgemeinen darf derselbe nicht zu rasch verschwinden und es dürfen keine Risse auftreten. Beim Trocknen der fetten Lacke sind drei Perioden zu unterscheiden: 1. das Verflüchtigen des Lösungsmittels; 2. das oberflächliche Austrocknen des Ueberzuges, so daß man den Gegenstand berühren und in Verwendung nehmen kann, ohne daran kleben zu bleiben, und 3. das vollständige Austrocknen, das Erhärten des Lackes. Gute Lacke für innere Anstriche sollen in der Regel in 4 Stunden den ersten Grad, in 12 Stunden den zweiten und in weiteren 5–6 Stunden den dritten Grad des Trockenseins erreicht haben. Lacke für äußere Anstriche bedürfen etwas längerer Zeit, 6 Stunden für den ersten, 18–24 Stunden für den zweiten und weitere 12 Stunden für den dritten Grad. Wagenlacke erreichen den dritten Grad erst nach Tagen und Wochen. Das langsame Trocknen ist nie ein Zeichen für eine nichtgenügende Qualität; es sichert im Gegenteil eine größere Dauerhaftigkeit, während schnelles Trocknen, so sehr es auch manchmal gewünscht wird, doch stets nur von Nachteil für die Dauerhaftigkeit des Lackes ist.

Bei flüchtigen Lacken gilt hinsichtlich Klarheit, Durchsichtigkeit und teilweise auch des Glanzes das vorhin Gesagte. Terpentinlacke nähern sich hinsichtlich der Konsistenz den fetten Lacken, Spirituslacke hingegen müssen dünnflüssig sein, um sich leicht und rasch verstreichen zu lassen. Beim Trocknen dieser Lacke verflüchtigt sich das Lösungsmittel und es bleibt das Harz als glanzgebende Schicht zurück. Mit der Verflüchtigung des Lösungsmittels ist der Trocknungsprozeß abgeschlossen. Die Spirituslacke müssen längstens in einigen Stunden trocken und damit auch hart geworden sein, und nach 5–6 Stunden darf kein Lacküberzug durch die Handwärme sich erweichen.

Bei der außerordentlichen Verschiedenheit der einzelnen Lacke, der großen Zahl derselben und den vielen Verwendungszwecken, denen dieselben dienen, ist eine strenge Einteilung derselben in Gruppen eine Sache der Unmöglichkeit, wie denn auch die Preise niemals einen Maßstab für die Qualität abgeben können, um so mehr, als dieser Industriezweig in den letzten Jahrzehnten in ziemlich unsolide Bahnen gelenkt wurde und die mannigfachsten Surrogate für alle Bestandteile, aus denen sich die Lacke zusammensetzen, Verwendung finden, um der modernen Konkurrenz zu begegnen. Die Hauptgruppe der Lacke sind: Fette Lacke. Hierher gehören alle Wagen-, Schleif-, Möbel-, Tischplatten-, Dekorations-, Kopal-, Harz-, Asphalt-, Matt-, Badewannen-, Fußboden-, Blech-, Luft- und Ofenlacke. Terpentinöllacke: Dammar-, Asphalt-, Mastix-, Bilder-, Sarg-, Kolophonium- u.s.w. -lacke. Spirituslacke: Buchbinder-, Bildhauer-, Etiketten-, Metall-, Politur-, Modell-, Brauer-, Sandarac-, Schellack-, Messing-, Photographie- u.s.w. -lacke. – Vgl. a. Firnis.

Ein mechanisches Prüfungsverfahren für Lacke besteht nach Jähns in forciertem Trocknen und hierauf folgendem Ritzen der Lackanstriche mit einem eigens konstruierten Apparate, wodurch nachgewiesen wird, ob die Lacke den Anforderungen der Dauerhaftigkeit, Elastizität und des Adhäsionsvermögens entsprechen. Diese Prüfung konnte bisher nur dadurch[25] vorgenommen werden, daß man die gestrichene Fläche ihrer natürlichen Beanspruchung (bei Eisenbahnwaggons an diesen) aussetzte und beobachtete, wie sich der Anstrich bei dem häufigen Temperaturwechsel und der mechanischen Inanspruchnahme verhielt.


Literatur: [1] Andés, Fabrikation der Kopal-, Terpentinöl- und Spirituslacke, 2. Aufl., Wien 1896. – [2] Andres, Fabrikation der Lacke, Firnisse u.s.w., 4. Aufl., Wien 1894. – [3] Lohmann, Fabrikation der Lacke und Firnisse, Berlin 1890. – [4] Winkler, E., Die Lack- und Firnisfabrikation, Halle 1876. – [5] Kreuzburg, Lackierkunst, Leipzig 1903.

Andés.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 6 Stuttgart, Leipzig 1908., S. 24-26.
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