Änēas

[507] Änēas, 1) berühmter Troerheld, des Anchises und der Aphrodite Sohn, der seinem Verwandten Priamos seine Dardaner zuführte, bei Homer wegen seiner Frömmigkeit und Weisheit von den Göttern bevorzugt und an Tapferkeit der erste Trojaner nach Hektor. Während ihn aber die älteste Sage zum Nachfolger des Priamos in Troja machte, haben spätere Schriftsteller die Sage von ihm verschieden ausgebildet und mit der Gründung von Rom verknüpft. Stesichoros (um 600 v. Chr.) führte den A. zuerst bis nach Hesperien; in Rom war der Glaube von der trojanischen Abstammung um die Zeit des ersten Punischen Krieges verbreitet. Alle Sagen faßte Vergil in der »Äneide« zusammen, schmückte sie aus und verlieh ihnen feste Gestalt. Hiernach übergibt Ä., als er Troja verloren sieht, die Hausgötter seinem Vater Anchises und verläßt, diesen auf dem Rücken tragend, sein Söhnlein Ascanius führend, die brennende Stadt. Nachdem er sein Weib Krëusa auf der Flucht verloren, sammelt er im Gebirge die Flüchtlinge und segelt auf 20 Schiffen von Antandros ab, zuerst nach Thrakien, wo er Änos und Änea gründet, dann nach Delos, Kreta und Sizilien, an dessen Vorgebirge Drepanum sein Vater stirbt. Vom Haß der Juno verfolgt, wird er durch Sturm nach dem eben gegründeten Karthago verschlagen, wo ihn die Königin Dido, von leidenschaftlicher Liebe zu ihm ergriffen, umsonst zurückzuhalten sucht. Sie gibt sich den Tod, als Ä. auf den Befehl Jupiters entflieht. Aber erst nach siebenjähriger Irrfahrt erreicht er Italien. Hier bietet ihm der König Latinus von Laurentum seine Tochter Lavinia zur Gemahlin, aber[507] deren Mutter widerstrebt auf Anstiften der Juno und reizt den Rutulerkönig Turnus, den sie zu ihrem Eidam bestimmt hatte, zum Kampfe wider die Fremdlinge. A. findet Zuflucht bei Evander am Palatinischen Berg und erlegt unter den Mauern von Lavinium, am Fluß Numicius den mit dem Nebenbuhler verbündeten Etrusker Mezentius und endlich jenen selbst. Damit schließt die Äneide. Weiter wird erzählt, daß Ä. nach der Schlacht nicht mehr gesehen und nachher in einem Hain und Tempel an jenem Fluß als Stammgott (Jupiter indiges) verehrt wurde. Sein Sohn von der Krëusa, Ascanius (auch Julus genannt und daher Stammvater des römischen Geschlechts der Julier), gründete Alba longa (s. d.). Vgl. Klausen, Ä. und die Penaten (Hamb. 1839–40, 2 Bde.); über die Entwickelung der mit dem Kult der Aphrodite Aineias (einer Meergöttin) in Zusammenhang stehenden Sage namentlich Schwegler, Römische Geschichte, Bd. 1, S. 279–336 (Stuttg. 1853); ferner E. Wörner, Die-Sage von den Wanderungen des Ä. bei Dionysios von Halikarnassos und Vergilius (Leipz. 1882); Förstemann, Zur Geschichte des Äneasmythus (Magdeb. 1894).

2) Ä., der Taktiker, der älteste griech. Kriegsschriftsteller, verfaßte um 360 v. Chr. neben andern kriegswissenschaftlichen Werken das erhaltene Buch »Von der Belagerungskunst«, dessen Hauptwert auf den zahlreichen historischen Beispielen beruht (hrsg. von Köchly und Rüstow in »Griechische Kriegsschriftsteller«, Bd. 1, Leipz. 1853, mit Übersetzung; von Hercher, Berl. 1870; von Hug, Leipz. 1874). Vgl. Hug, Ä. von Stymphalos (Leipz. 1877).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 507-508.
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