Anker [2]

[536] Anker (altdeutsch ancher, anker, v. griechisch-lat. ankyra, ankora, »das Gekrümmte«), Gerät zum Festhalten des schwimmenden Schiffes. Bei den Phönikern und auch später noch in Ostindien wurden als A. Steinblocke oder Metallmassen verwendet, die, meist mit einem Loch versehen, an Tauen ausgeworfen wurden. Später versah man diese Massen mit einem Haken zum Eingreifen in den Grund (einarmige A.) und fügte dann einen zweiten Haken oder Arm hinzu. Nach weiterer Vervollkommnung wurden die Haken die Hauptsache, und in dieser Form, wie sie sich seit Alexander d. Gr. erhalten hat, besteht der A. aus einem eisernen Stiel (Ankerschaft), am obern Ende mit dem Ankerring (Rohrring), worin bis Anfang des 19. Jahrh. fast stets ein Tau, seitdem die Ankerkette oder ein Stahldrahttau befestigt wird, und am andern Ende zwei gekrümmten Armen (Ankerarme), die in eine herzförmige Schaufel (Ankerpflug, Ankerflügel, Spaten, Ankerhände) auslaufen. Damit der A. nicht mit beiden Armen platt auf dem Grunde liegen bleibe, ist am Ankerring der Ankerstock angebracht, der rechtwinkelig zu den Armen steht. Durch den Zug der Ankerkette, der von dem durch Wind oder Wellen rückwärts treibenden Schiff hervorgebracht wird, legt der Stock sich platt auf den Grund und bringt den einen Arm zum Eingreifen in den Grund. Der beste Ankergrund ist toniger Boden; in steinigem Grunde faßt der A. nicht genügend, und in Sandboden reißt er leicht eine Furche (wird triftig), und das Schiff »treibt vor A.« Die Tiefe eines guten Ankergrundes beträgt 15–20, höchstens 40 m. Zum Ausbringen der A. dienen die Kranbalken, starke, schräg aus dem Bug herausstehende Balken, unter denen der A. hängt, während die Ankerkette durch die Klüsen ins Innere des Schiffes läuft.

Fig. 1–7. Verschiedene Schiffsanker.
Fig. 1–7. Verschiedene Schiffsanker.

Das Ausbringen der A. heißt Ankern (Ankerwerfen, das Schiff »geht zu A.«); das Ausheben des Ankers aus dem Grunde heißt Ankerlichten. Für letztern Zweck wird das Schiff durch Einwinden der Ankerkette über den A. herangeholt, damit dieser leicht aus dem Grunde losbricht. Im Notfall läßt man die Kette aus den Klüsen schlippen, nimmt sie hinter der Beting, an der sie befestigt ist, auseinander und befestigt an das Kettenende eines so verlornen Ankers eine Ankerboje, eine Donne od. dgl., um die Stelle wieder auffinden zu können. In der Abbildung zeigen 1 und 2 die bekannteste Form, den Admiralitätsanker. Beim Porteranker (Trotmansanker, 3) ist das Flügelstück am Schaft beweglich. Der obere Flügel legt sich also nieder, wenn der A. im Grunde ist, verhindert »Unklar A.« und bringt bei wenig Wassertiefe den Schiffsboden nicht in Gefahr; beim Martinanker (4) liegt der Stock parallel den drehbaren Flügeln, diese greifen daher beide zugleich in den Grund; der Smithanker (5) ist ähnlich dem Martinsanker, hat aber zwei selbständige Flügel.

In der deutschen Marine sind außer dem aussterbenden Admiralitätsanker noch Inglefieldanker und seit 1898 auf allen Neubauten Hallanker eingeführt. Der Inglesieldanker (6) greift mit beiden beweglichen Armen in den Grund ein, nachdem die hakenförmige Spitze seines mit den Armen beweglichen Kopfstücks beim Zug der Kette vorher in den Grund einschneidet und dadurch die Spitzen der Pflüge[536] in den Boden hineindrückt. Als bester und handlichster A. gilt jetzt der Hallanker (7), mit dessen Schaft ein nach jeder Seite 40° drehbares Achsenstück mit schaufelförmigen Rändern mit einem Bolzen verbunden ist. Die unter 3–7 genannten A. werden oft als Patentanker bezeichnet. Dreganker (Draggen) sind stocklose, vier- bis achtarmige A. leichterer Art zum Verankern von Fischerfahrzeugen und zum Auffangen von Kabeln, Ketten oder andern Gegenständen auf dem Meeresgrunde. Nach dem Verwendungszweck unterscheidet man: Buganker, am Schiffsbug, zum gewöhnlichen Ankergebrauch stets bereit (»schwere« Buganker für stürmisches Wetter, »tägliche« A. für gutes Wetter); Heckanker, am Heck, etwa ein Drittel so schwer wie die Buganker, dienen zum Vertäuen (Festhalten) des Schiffes vorn und hinten; Warp- und Stromanker, leichte A. zum Verholen (Hinziehen nach einem andern Platz) von Schiffen und Booten. Zum Ankergeschirr rechnet man sämtliche A. und Ketten, die Einrichtungen zum Festhalten der Ketten (Beting, Stopper), zum Lichten der A. (Spill) und zum Lagern und Unterbringen der A. auf dem Schiffe (Ankerkrane, Baxterlagerung). Auf Schiffen mit scharfem Bug werden drehbare Ankerkräne zum Katten (Lagern) der A. benutzt. Die Ankerketten werden in Deutschland aus Kettenlängen von je 25 m zusammengesetzt, durch Verbindungsschäkel miteinander verbunden; jede einzelne Schake (Kettenglied) ist mit einem Steg (Querstütze) versehen. – Für die deutsche Handelsmarine ist in den Unfallverhütungsvorschriften der Seeberufsgenossenschaften die Ausrüstung mit Ankern und Ketten für jede Schiffsgattung und Schiffsgröße genau vorgeschrieben. Da Segelschiffe sich mehr auf die Stärke ihres Ankergeschirrs müssen verlassen können als Dampfer, rechnet man, daß ein Segelschiff von 1000 Reg.-Ton. Bruttoraum ungefähr ebenso starkes Ankergeschirr haben muß, wie ein Dampfer von 1500 Reg.-Ton. Bruttoraum. Vgl. Dick und Kretschmer, Handbuch der Seemannschaft (2. Aufl., Berl. 1899); Unfallverhütungsvorschriften der Seeberufsgenossenschaften (Hamb. 1899).

Im Bauwesen sind A. Vorrichtungen, gewöhnlich aus Eisen, zum Zusammenhalten von Gebäudeteilen. Sie bestehen meist aus einer Stange oder Schiene mit Ose an einem oder beiden Enden, durch die ein Querstück, der Splint (die Schließe), hindurchgesteckt wird. In wagerechtem Sinne werden sie zum Zusammenhalten von Gewölben und hohen oder seitlich gedrückten Umfassungsmauern etc. verwendet. Fig. 8 zeigt einen Balkenanker, dessen wagerechter Arm an einem Balken befestigt ist, während sein lotrechter Splint im Mauerwerk steckt. Eine genügende Zahl solcher A., bei denen die Balken einen Teil der wagerechten Arme bilden, hält zwei Umfassungsmauern zusammen. Auch legt man den Splint wohl wagerecht in die Mauer, um einen größern Teil des Mauerwerks in den Bereich seiner Wirkung zu ziehen. Fehlt die Mauerauflast, so kann sie durch eine Kombination der Balken- (Träger-) Verankerung mit einer lotrechten Verankerung nach Fig. 18 ersetzt werden. Fig. 9 zeigt einen Gewölbeanker, mittels dessen der Seitenschub eines Gewölbes aufgehoben wird. Um hier den Gegendruck des Splintes auf eine möglichst große Mauerfläche zu verteilen, ordnet man wohl ein durchgehendes Winkeleisen a an. Sollen Gewölbeanker (Bogenanker) die Bogen nicht durchschneiden (vgl. Fig. 9), oder, obwohl dies das rationellste wäre, nicht unter den Bogen sichtbar in die Höhe des Kämpfers gelegt werden, so werden sie nach Fig. 16, a oder b, gebildet. Bei sichtbarer Anbringung der Splinte erhalten diese zur Druckverteilung und gleichzeitig als gesundes Schmuckmittel der Fronten zweckmäßig eine reichere Ausbildung (Fig. 10). Zur Verankerung und Absteifung langer Wände gegeneinander kommen beim Fehlen von Querwänden Druckanker (Versteifungsträger) nach Fig. 11 zur Verwendung.

Fig. 8–18. Anker im Bauwesen.
Fig. 8–18. Anker im Bauwesen.

Zum Einbringen in mehreren Stücken oder zum nachträglichen »Anziehen« (Verkürzen) von Ankern wird, wenn die Ankerstange zugänglich ist, die Keiltasche (Fig. 12), bei runden Zugstangen das Schloß (Fig. 13), benutzt, während man, wenn das Ankerende zugänglich, also eine Verschraubung möglich ist, eine solche, und zwar zur Druckverteilung, unter Anwendung einer Ankerplatte (Fig. 14) anbringt. Eckanker (Fig. 15) erhalten im Winkel einen Splint und an den Enden entweder ebenfalls Splinte oder nur Aufbiegungen und werden gern mit einer Dreiecksverbindung versehen. Ringanker entstehen, wenn bei polygonem Mauerwerk, z. B. Türmen, die Eckanker zu durchgehenden vieleckigen Ringen verbunden, oder wenn (bei kreisförmigem Mauerwerk) wirkliche Eisenringe in oder um die Mauer gelegt werden. In lotrechtem [537] Sinne werden die A. meist zur Verbindung des Unterbaues mit dem Aufbau verwendet (Fundamentanker). So werden die Eckpfosten hölzerner oder eiserner Fachwerkpfeiler bei hohen Eisenbahnviadukten und ähnlichen Bauten mittels lotrechter Ankerstangen und wagerechter Splinte mit den gemauerten Pfeilerfundamenten verbunden, damit sie bei starkem Windstoß nicht umgestürzt werden können. Schlaudern (Fig. 17) sind Verankerungen, die ein dünnwandiges Bauwerk (z. B. Schornsteine, Öfen) außen zusammenbinden.

Im Maschinenbau heißen A. die zur Befestigung einer Maschine oder eines Maschinenteils auf dem Fundament oder einem andern Mauerkörper benutzten Bolzen. Deren eines Ende legt sich mit Kopf, Querkeil oder Schraubenmutter gegen die in das Mauerwerk eingelassene, meist gußeiserne Ankerplatte, während das andre Ende mittels Schraubenmutter den Maschinenteil faßt. In der Physik nennt man A. das Stück weichen Eisens, das an die Pole eines Hufeisenmagnets angelegt wird; in der Elektrotechnik den rotierenden Teil einer Dynamomaschine oder eines Elektromotors. – Der A. ist allgemein das Sinnbild der Marine und hier in verschiedenen Formen Rangabzeichen (s. Abzeichen, militärische), dann Sinnbild der Hoffnung u. der Standhaftigkeit; bei den alten Indern war er das Friedens- u. Heroldszeichen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 536-538.
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