Mauer [1]

[446] Mauer, aus natürlichen oder künstlichen Steinen ohne oder mit Bindemittel (Mörtel) hergestellter Baukörper. Mauern ohne Mörtel heißen Trockenmauern. Grund- oder Fundamentmauern haben die ganze Gebäudelast auf den Baugrund zu übertragen. Um den Bau vor Senkungen zu schützen, läßt man die Grundmauern bis auf den guten Baugrund (s. d.), mindestens aber bis zu frostfreier Tiefe (0,75 m in den gemäßigten Klimaten) reichen. Beim Gebäude bilden Umfangs- oder Umsassungsmauern die Außenwände im Gegensatz zu den Innenmauern, die, je nachdem sie einen Teil der Dach- und Deckenlast tragen oder nicht, in Haupt- oder Mittel-, bez. Scheidemauern zerfallen. Die Stärke (Dicke) der Mauern hängt von ihrer Art und Größe, von ihrer Belastung sowie von der Festigkeit der Mauermaterialien ab und wird in größern Städten zum Teil durch baupolizeiliche Vorschriften bestimmt. Die Stärke der Grundmauern richtet sich nach der für die Flächeneinheit des Baugrundes zulässigen Belastung. Diese beträgt für gewöhnlichen guten Baugrund, d. h. festliegenden Sand, bei regelrecht tiefliegender Grundmauersohle 7–8 kg auf 1 qcm; in Berlin wird nur eine Inanspruchnahme bis zu 2,5 kg auf 1 qcm gestattet. Die Stärke freistehender Mauern wird allein gegen Winddruck berechnet. Empirisch wird sie je nach der Güte des Materials = 1/8-1/12 der Mauerhöhe gemacht, wobei die M. doppelt so lang als hoch sein kann. Wird sie länger, so muß sie Verstärkungspfeiler erhalten. Die mittlere Stärke geradlinig begrenzter, geböschter, nicht zu hoher Futtermauern nimmt man erfahrungsmäßig[446] = 1/4-1/3 der Mauerhöhe an, bei Futtermauern ungewöhnlicher Art, ebenso wie bei Stützmauern, d. h. Futtermauern, bei denen das Erdreich über der Mauerkrone nicht wagerecht abgeglichen ist, sondern, eine Böschung bildend, höher liegt, muß besondere Berechnung eintreten. Dasselbe gilt von der Stärkebestimmung der Widerlagsmauern. Nur für gewöhnliche im Hochbau vorkommende Bogen und Gewölbe geringer Spannweite kann man für diese sich mit empirischen Regeln begnügen. Nach letztern erhalten die Widerlager, je nachdem sie nicht, resp. geringer oder stärker belastet sind, folgende Bruchteile der Spannweite s zur Stärke: 1) Gurtbogen: a) halbkreisförmige 1/4 s, b) überhöhte oder spitzbogige 1/5-1/6 s, c) gedrückte (bis 1/8 Pfeil) 1/4-1/3 s, d) segmentförmige (bis 1/12 Pfeil) 1/2 s, e) scheitrechte 2/3 s; 2) Tonnengewölbe: a) in Halbkreisform 1/4-1/5 s, b) gedrückte je nach ihrer Pfeilhöhe 1/4-2/7 s, c) überhöhte 1/6-1/7 s etc. Frontmauern erhalten bei einer Geschoßhöhe bis zu 4,2 m im obersten Stock 11/2 Stein, in jedem tiefer liegenden Geschosse 1/2 Stein mehr Stärke; bei Vorhandensein von Scheidewänden in Abständen gewöhnlicher Zimmerbreiten können die Umfassungsmauern je zweier Stockwerke gleiche Stärke erhalten, bei größern Stockwerkshöhen tritt entsprechende Verstärkung (nach Berechnung) ein. Für Umfassungswände bei kleinen einstöckigen Wohngebäuden würde statisch 1 Stein Stärke genügen, man macht sie aber, um den Witterungseinflüssen zu begegnen, gern 11/2 Stein stark oder blendet der 1 Stein starken M. innen unter Belassung einer schmalen Luftisolierschicht eine 1/2 Stein starke Wand vor, wobei besonders stark beanspruchte Punkte (Pfeiler, Ecken etc.) voll gemauert werden. Freistehende Giebel erhalten im Dachraum 1 Stein Stärke mit 1/2 Stein starken Verstärkungspfeilern, darunter die Stärken der Frontmauern. Nicht freistehende Giebelmauern werden im Dachboden 1 Stein stark gemacht (die Stiele der Dachstühle können sogar eingebunden werden) und nehmen in immer zwei nach unten folgenden Geschossen um je 1/2 Stein an Stärke zu. Für Pultdachwände gelten die gleichen Erfahrungsregeln. Balkentragenden Mittelwänden gibt man in den vier obern Stockwerken 11/2, in den beiden untern Geschossen (6 Geschosse im ganzen vorausgesetzt) 2 Stein Stärke. Scheidewände werden durch alle Geschosse 1/2 Stein massiv, bei großer Geschoßhöhe besser in Fachwerk hergestellt, doch macht man gern in gewissen Abständen eine derselben 1 Stein stark. Brandmauern sind immer wenigstens 1 Stein stark zu machen; ebenso Treppenhauswände, die auf mindestens 11/2 Stein zu verstärken sind, wenn sie die Treppenkonstruktion tragen sollen. – Werksteinmauern können etwa um 1/4 schwächer als Ziegelmauern, lagerhafte Bruchsteinmauern müssen um etwa 1/5 stärker, Mauern aus unregelmäßigem Geschiebe fast doppelt so stark gemacht werden. Zu den Umfangsmauern von Gebäuden, die stets trocken, im Sommer kühl, im Winter warm sein sollen, verwendet man häufig hohle Backsteine (Lochsteine), oder man stellt diese Mauern aus zwei eine lotrechte Luftschicht einschließenden, parallelen, mittels zahlreicher Durchbinder vereinigten Teilen her. Um Mauern aus minderwertigem Material ein besseres Ansehen zu geben und sie widerstandsfähiger gegen Witterungseinflüsse zu machen, ohne ihre Kosten allzusehr zu erhöhen, verblendet man ihre Außenseite mit bessern Backsteinen (Verblendern). Werksteinmauern pflegen eine Hintermauerung aus Backsteinen zu erhalten der Kostenersparnis wegen und um trockne Räume zu erzielen. Im weitern Sinne rechnet man zu den Mauern solche aus Stampf- oder Gußmassen, Lehm-Pisé, Kalk-Pisé, Beton-, Rabitz-, Monier-Konstruktionen u. dgl. (s. die betreffenden Artikel). Über den Verband der Mauersteine s. Steinverband. Um Mauern vor aufsteigender Feuchtigkeit zu schützen, bringt man wagerechte Isolierschichten (s. d.) in den untersten Mauerteilen an.

In den ältesten Zeiten errichtete man Mauern aus großen unbehauenen Steinen, legte diese ohne alle Verbindungsmittel übereinander und füllte die Zwischenräume mit kleinern Steinen aus (Trockenmauern, kyklopische Mauern s. Tafel »Architektur III«, Fig. 1 u. 3). Später ebnete man die ungleichen Seiten der rohen Steine und bemühte sich, sie entweder polygon oder lagerhaft so glatt zu behauen, daß sie beim Auflegen auseinander paßten. Zusammengehalten wurden sie ohne Mörtel bloß durch ihre eigne Schwere. Überbleibsel von solchen alten steinernen Gebäuden findet man in den meisten alten Kulturländern. Auf diese Art waren z. B. die Mauern um Korinth, um Eretria in Euböa, zu Mykenä und zu Ostia in Epirus gebaut. Durch regelmäßiges rechteckiges Behauen der Steine gelangte man später zu den Quadermauern, und zwar führte man solche als Trockenmauern entweder in gleichen Schichtenhöhen und aus gleichgroßen Quadern in regelmäßigem Fugenwechsel (isodomum) oder in ungleich hohen Schichten und aus ungleichen Quadern (pseudisodomum) aus. Schwache Mauern wurden vollständig aus Quadern erbaut, dickere erhielten nur Quaderverblendung (emplekton), die mit Bindern (diatonoi) in die Hintermauerung eingriff. So waren z. B. die Stadtmauern von Agrigent gebaut. In Gegenden, denen es an natürlichen Steinen fehlte, baute man schon frühzeitig Backsteinmauern mit einem Bindemittel, wozu die Babylonier außer Kalkmörtel auch das in ihrem Lande häufig vorkommende Erdpech benutzten. Auch im alten Griechenlanb findet sich häufig Backsteingemäuer, so in Mantineia, Athen etc. Bei den Etruskern und Römern wurden in früher Zeit, wie bei den Griechen, kyklopische Mauern ausgeführt, doch ist das Mauerwerk hier lagerhafter. Bemerkenswerte Reste bieten die Stadtmauern von Volterra, Cortona, Fiesole, auch der Kapitolunterbau und die Cloaca maxima in Rom (s. Tafel »Architektur IV«, Fig. 5) sowie andre Baureste der etrurischen und frühen römischen Zeit. Bruchsteinmauerwerk aus kleinern Steinen wurde in Mörtel ausgeführt. Vitruv nennt es opus incertum oder antiquum und unterscheidet es von dem opus reticulatum, einem Mauerwerk, das aus viereckig gehauenen Steinen bestand, die nicht wagerecht, sondern so übereinander lagen, daß ihre Fugen diagonal verliefen, wodurch die M. ein netzförmiges Ansehen erhielt (s. Netzwerk; auch Opus). Unter Opus spicatum verstanden die Römer ein Mauerwerk, bei dem die Steinschichten wie die Körner einer Ähre zueinander lagen. Außerdem führten schon die Römer, wie später auch das Mittelalter, Füllmauern aus, d. h. Mauern, bei denen nur die Außenseiten von Werksteinen oder Ziegeln ausgeführt, das Innere aber mit Steinbrocken oder Scherben in Mörtel angefüllt war. Vgl. Debo, Lehrbuch der Mauerwerkskonstruktionen (Hannov. 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 446-447.
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