Hufkrankheiten

[602] Hufkrankheiten sind sehr zahlreich, da der Huf als das den Erdboden berührende Gliedmaßenende sehr vielen schädigenden Einwirkungen ausgesetzt ist. Sehr häufig ist eine stellenweise Entzündung der Huflederhaut. Diese verursacht starke Schmerzen, Lahmheit, führt zu entzündlicher Ausschwitzung und oft zur Eiterbildung. Ihre Ursachen sind namentlich folgende: 1) Quetschungen der Sohle, durch Steine oder fehlerhaften Beschlag. Das Horn an der gequetschten Stelle wird durch die Ausschwitzung verfärbt, wachsartig, blutig; diese Flecke heißen Steingallen (blaue Mäler). 2) Vernagelung entsteht beim Beschlag, wenn ein Nagel zu tief eingetrieben wird, so daß er nicht bloß das Horn, sondern die Fleischwand durchdringt. 3) Als Nageltritt bezeichnet man es, wenn das Pferd sich irgend einen spitzen Gegenstand (besonders häufig Nägel, aber auch starke Glasscherben etc.) in die Sohle eintritt. Bei plötzlichem Lahmgehen oder auch nur Aufzucken sollte stets die Hufsohle nachgesehen werden, da sich der Fremdkörper dann oft noch herausziehen läßt, während er beim Weitergehen immer tiefer eingetrieben wird. Besonders oft haften Nägel etc. in der Strahlfurche und nehmen hier die Richtung nach dem Hufgelenk, das sie direkt erreichen können. – Entstehende Eiterung ist sehr schmerzhaft und macht das Pferd schwer lahm. Der Sitz des Eiters unter dem Horn ist meist nicht augenfällig, zeigt sich aber, wenn ein starker Druck die Stelle trifft, indem das Pferd zusammenzuckt. Man tastet daher den Huf mit einer besondern Visitierzange ab, die man an den verschiedenen Stellen ansetzt und zusammendrückt. Ist die kranke Stelle gefunden, so muß das Horn ausgeschnitten und dem Eiter Abfluß verschafft werden. Auch bei nicht eiternden Steingallen muß das verfärbte Horn entfernt werden. Wird der Eiter nicht abgelassen, so zerstört er große Teile der Huflederhaut (s. auch unten: Ausschuhen), bahnt sich, da er das Horn nicht durchbrechen kann, schließlich einen Weg nach dem Kronenrand und bricht hier hervor. Oberhalb der Trachten ergreift die Eiterung den Hufknorpel und bildet hier eine (sehr langwierige und meist nur operativ heilbare) Hufknorpelfistel. Auch kann der Eiter ins Hufgelenk eindringen, woraus meist, ebenso wie bei direkter Verletzung des Gelenkes durch Nageltritt, ein tödliches Leiden entsteht. Eine schleichende Entzündung am Hufgelenk mit allmählicher Zerstörung des Strahlbeines ist die chronische Hufgelenklahmheit oder Strahlbeinlahmheit (meist in den Vorderhufen), die unheilbar ist. Das betroffene Pferd kann jedoch noch einige Jahre brauchbar bleiben, wenn man das Schmerzgefühl und die damit verbundene (nicht starke) Lahmheit aufhebt durch den Nervenschnitt (s. d.). Die dadurch eintretende Empfindungslosigkeit bewirkt aber auch, daß das Pferd es später nicht fühlt, wenn es sich eine Hufverletzung (Nageltritt etc.) zuzieht; die eintretende Eiterbildung bleibt dann unbemerkt, und der Eiter kann die Huflederhaut so gänzlich zerstören, daß der Hornschuh abfällt. Dieses Ausschuhen bedingt den Tod des Pferdes. Hufknorpelverknöcherung hebt die Elastizität im hintern Teil des Hufes auf[602] und macht das Pferd lahm (Behandlung operativ). Sie macht sich als harte Austreibung über den Trachten bemerkbar. Eine ringförmige ebensolche Austreibung oberhalb des Hufes (Ringbein, Schale, s. d.) betrifft das Kronbein. Eine Entzündung der Ballen, wie sie auf langen harten Wegen, namentlich bei fehlendem Beschlag etc., entstehen kann, heißt Verbällung. Eine schwere, mit erheblicher allgemeiner Gesundheitsstörung verbundene Hufkrankheit ist die rheumatische Huflederhautentzündung, Rehe (Rhehe) oder Verschlag. Dieselbe entsteht durch Erkältung, aber auch durch fehlerhafte Fütterung, besonders mit frischem Roggen. Sie befällt meist beide Vorderfüße, seltener alle vier Gliedmaßen. Im letztern Falle können die Pferde überhaupt nicht stehen, im erstern Falle schieben sie die Hinterbeine unter den Leib und die Vorderfüße weit vor, um letztere zu entlasten. Die Schmerzen sind sehr groß. Schnelle energische tierärztliche Behandlung ist sehr wertvoll (bis zur Ankunft des Arztes hungern lassen, Einstellen der Füße in kaltes Wasser oder kalten Lehmbrei mit Essigmischung). Gelingt nicht bald eine völlige Beseitigung, so bleiben dauernde Veränderungen, die gewöhnlich wiederholte Reheanfälle veranlassen. Es erfolgt nämlich an der Zehe eine Trennung der Hornwand von der entzündeten Fleischwand. Das Hufbein sinkt dann vorn herunter und drückt mit seiner Spitze auf die Sohle, die abgeflacht wird. Die Fleischkrone sinkt ein, die Zehenwand wird konkav und verkürzt sich, wogegen die Trachtenwände hoch werden; in der Hornwand verlaufen horizontale Ringe, die (zum Unterschied von den einander parallelen, bedeutungslosen sogen. Futterringen) nach den Trachten zu divergieren (Rehhuf). Durch sorgfältige Pflege und Beschlag können Pferde mit Rehhuf noch brauchbar erhalten werden. Hochgradiger Rehhuf mit Vorwölbung der Sohle heißt Vollhuf oder Knollhuf. Bisweilen drückt sogar das Hufbein die Sohle durch und tritt hervor; auch Ausschuhen kann eintreten. Vollhuf kann übrigens auch durch fehlerhaften Beschlag flach er Hufe entstehen. Fehler oder Erkrankungen, die in erster Linie das Hushorn betreffen, sind ebenfalls sehr zahlreich, namentlich Zusammenhangstrennungen. Die Hornspalten sind Trennungen im Wandhorn in dessen Wachstumsrichtung (von der Krone nach dem Boden hin). Sie können sowohl vom Tragrand als vom Kronenrand, was schlimmer ist, ihren Ausgang nehmen und auch die Wand der ganzen Länge nach spalten (durchlaufende Spalten). Oft betreffen sie nur die oberflächliche Hornschicht, oft dringen sie bis auf die Fleischwand durch (durchdringende Spalten) und bedingen dann meist Lahmheit. Manche (spröde, zu trockne) Hufe sind zu Hornspalten disponiert. Die Heilung ist langwierig, weil sie nur dadurch möglich wird, daß von der Fleischkrone her ungespaltenes Horn nachwächst. Sie ist mit einem besondern Beschlag zu verbinden. Spröde Hufe müssen erweicht und gefettet werden. Hufe mit durchlaufenden Spalten in der Mitte der Zehenwand nennt man auch Ochsenklauen. Eine Hornspalte entsteht auch durch eine Verletzung der Fleischkrone (Zerstörung der Hornerzeugung an der verletzten Stelle); solche bringen sich Pferde häufig selbst bei, indem sie sich mit einem Fuß auf den andern treten, namentlich mit Stolleneisen. Ein solcher Kronentritt kann auch schwere Blutung erzeugen. Die Hornkluft ist eine quer oder schräg gestellte Trennung des Wandhorns, ebenfalls meist eine Folge von zeitweiligen Störungen der Hornproduktion an der Krone. Sie bedingt selten Lahmheit und verschwindet mit dem Herunterwachsen des Hufes von selbst. Hornsäulen sind federkielförmige krankhafte Hornwucherungen, die von der Krone nach dem Tragerand gehen und operativ entfernt werden müssen. Lose oder hohle Wand entsteht durch Ausbröckelung des Horns in der weißen Linie (zwischen Wand und Sohle) bei schlechten Hufen oder schlechtem Beschlag. Flache Ausbröckelungen sind unerheblich; hoch hinausreichende Trennung kann Lahmheit bedingen. Ebenfalls durch schlechte Haltung der Hufe (Nässe) wird die Strahlfäule bedingt. Der Strahl zerfällt in eine übelriechende Masse und verkümmert; im Anschluß daran entsteht oft fehlerhafte Hufform (Zwanghuf). Die Behandlung besteht neben trockner Haltung in austrocknenden Mitteln. Schlimmer ist der Strahlkrebs, eine bösartige Wucherung der Huflederhautpapillen, auf denen das Horn ebenfalls zu einer schmierigen Masse zerfällt. Die Heilung ist schwierig (schärfste Ätzmittel). Auf Verkümmerung des Strahles mit Einbiegung der Trachtenwände beruht der Zwanghuf, der meist durch Mängel in Pflege und Beschlag entsteht. Der Zwanghuf ist hinten zu eng, wodurch die Weichteile gequetscht werden und das Pferd, wie ein Mensch in zu engem Stiefel, »klamm« oder lahm geht. Passender Beschlag kann Besserung bringen. Wei allen Entzündungen innerhalb des Hufes pulsiert die große Fußarterie stärker, weshalb diese zu untersuchen ist. Man fühlt sie am Vorderfuß an der Innenseite der Beugesehnen, am Hinterfuß an der Außenseite des Fußknochens unterhalb des Sprunggelenkes.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 602-603.
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