Telegraph

Telegraphenapparate I.

Die Wahl des zum Betriebe zu benutzenden Telegraphenapparatsystems hängt davon ab, ob die Telegraphenleitung länger oder kürzer, ob sie oberirdisch, unterirdisch oder unterseeisch geführt, und wie sie belastet, d.h. wie stark der abzuwickelnde Verkehr ist.

1. Normalfarbschreiber für Morsebetrieb.
1. Normalfarbschreiber für Morsebetrieb.

Man benutzt für schwach belastete kürzere Leitungen jeder Art sowie für schwach belastete oberirdische Leitungen Morse- und Klopferapparate, für kurze Leitungen nach unbedeutenden Landorten Fernsprechapparate (s. Fernsprecher), für Stadtleitungen auch Ferndrucker (s. Börsendrucker), für stärker belastete oberirdische u. unterirdische Leitungen Hughes- und Baudotapparate, für sehr stark belastete längere oberirdische Leitungen Maschinentelegraphen, insbes. den Wheatstone-, vereinzelt auch den Murray- und Rowlandapparat, für kurze Seekabel den Undulator, für lange Seekabel den Heberschreiber in Verbindung mit automatischen Sendern.

2. Morsetaste.
2. Morsetaste.

Als Morseapparat benutzt die deutsche Reichspost den Normalfarbschreiber (Fig. 1). Durchfließt ein Gleichstrom den Elektromagneten E, so ziehen die Polschuhe, von denen in der Figur nur einer (U) sichtbar ist, den im Hebel H1 senkrecht zu diesem gelagerten Anker K an. Der Hebel H4 hebt das Farbrädchen O3 aus dem Farbgefäß F gegen den Papierstreifen, der von den Walzen O1 und O2 über r3, x und t oberhalb des Farbrädchens vorbeigeführt wird. Wird an dem Knickhebelsystem H4 F2 H1 die Schraube s gelockert, so hebt sich H4, wenn sich H1 senkt, der Apparat ist auf Arbeitsstrom eingestellt, d.h. die Zeichengebung erfolgt durch Stromsendung. Wird s angezogen, so hebt sich H4, wenn sich H1 hebt, der Apparat spricht auf Ruhestrom an, d.h. die Zeichengebung erfolgt durch Stromunterbrechung. Das Senden (Schließen) und Unterbrechen (Öffnen) des Stromes geschieht mit der Taste (Fig. 2). Beim Drücken auf den Knopf O wird der Kontakt R/s3 gelöst und T/s1 hergestellt. Wegen der Stromanzeiger s. Galvanoskop.

3. Plattenblitzableiter.
3. Plattenblitzableiter.

Bei dem Plattenblitzableiter (Fig. 3) liegen im Rahmen R gegenseitig isoliert die mit den Leitungen und Apparaten verbundenen quergereifelten Messingplatten P1 und P2. Der längsgereifelte Messingdeckel d steht mit der Erdleitung an der Klemmschraube k in Verbindung. Die atmosphärische Elektrizität aus der Leitung springt nach d über und fließt zur Erde, ohne die Apparate zu treffen.

4. Endamt in einer Arbeitsstromleitung.
4. Endamt in einer Arbeitsstromleitung.
5. Endamt in einer Ruhestromleitung.
5. Endamt in einer Ruhestromleitung.

Die Verbindung der Apparate etc. ergibt sich aus den Stromläufen, Fig. 4 und 5 (T Taste, A Schreibapparat, G Galvanoskop, B Blitzableiter, LB Batterie, E Erdleitung und L Leitung).

6. Klopferapparat.
6. Klopferapparat.

Beim Klopfer, der nur hörbare Zeichen gibt, wird der Hub des um o drehbaren Ankerhebels h (Fig. 6) nach oben durch c1, nach unten durch die im Hebel selbst sitzende Schraube c2 begrenzt. Die Schrauben m und b regeln die Stärke, mit welcher der Anker angezogen wird. Fließt Gleichstrom durch den Elektromagneten e, so wird der an h sitzende Anker k angezogen; durch Aufschlagen von c2 auf die Messingbrücke d entsteht ein bestimmter lauter Ton, beim Rückgang von h nach c1 ein andrer Ton, wodurch die Länge der Stromsendung (Punkt oder Strich) leicht abgehört werden kann. Zum Verstärken der Töne wird der Klopfer in eine Schallkammer gesetzt. Zur Stromsendung dient die Klopfertaste (Fig. 7).

7. Klopfertaste.
7. Klopfertaste.

Der 1867 von Wheatstone angegebene Schnellschreiber, der Wheatstoneapparat für Morseschrift gehört zu den Maschinentelegraphen, die mit Doppelstrom arbeiten, d.h. bei denen jedem Zeichenstrom bis zum nächsten Zeichenstrom ein entgegengesetzter Trennstrom folgt. Der Trennstrom fließt also während der Zwischenräume zwischen den Zeichen. In einem Papierstreifen werden die Punkte und Striche durch Löchergruppen Telegraph, mittels der drei Tasten eines Handlochers dargestellt. Die obern Löcher dienen zum Senden der Zeichen-, die untern für die Trennströme, die mittlern zur Führung des Streifens und zur Darstellung der Zwischenräume zwischen den Zeichen und Wörtern auf dem Streifen. Lochmaschinen (nach Art der Schreibmaschinen) von Buckingham in New York und andern liefern auf einen Tastendruck ganze Morsebuchstaben etc.

8. Wheatstone-Sender.
8. Wheatstone-Sender.

Der Sender (Fig. 8) enthält ein Uhrwerk, dessen Geschwindigkeit durch den Hebel H durch Verstellen einer Friktionsscheibe reguliert wird und das die Stößer b und b1 hebt und senkt sowie das Sternrad x dreht. Das Rad x schiebt den Papierstreifen, den die Rolle r herunterdrückt, vorwärts. Der mit dem Hebel d drehbar verbundene Stößer b tritt durch die Löcher der obern Reihe, der mit d1 verbundene Stößer b1 durch die untern Löcher. Die auf dem Hebel d und d1 liegenden Stifte befinden sich an einem um eine horizontale Achse schwingenden Balken (in Fig. 8 nicht sichtbar). Bei jeder Schwingung wird erst b, dann b1 gehoben; dabei wirken sie mittels der Hebel h und h1 sowie durch die an ihnen befindlichen Schubstangen auf die rechts liegende Kontaktvorrichtung, die nach Art einer Doppeltaste beim Hochgang von b Zeichen- und beim Hochgang von b1 Trennstrom sendet. Trifft ein Stößer auf ungelochte Stellen des Papiers, so setzt sich der zuletzt gegebene Strom, sei es nun Zeichen- oder Trennstrom, fort. Beim Punktgeben findet der gegen b versetzt angebrachte Stößer b1 infolge des Verschiebens des Papiers sofort ein Loch, beim Strichgeben dagegen erst etwas später, so daß der längern Stromsendung ein längeres Zeichen im Empfangsapparat (Fig. 9) entspricht.

9. Wheatstone-Empfänger.
9. Wheatstone-Empfänger.

In diesem läuft der Papierstreifen aus dem Schlitz a des Kastens K über den Stift t und zwischen den beiden Rollen r1 und r2 hindurch, letztere wird vom Uhrwerk des Apparats gedreht und schiebt das Papier vorwärts. Mit dem Hebel H wird die Geschwindigkeit des Uhrwerks reguliert. In der Blechhaube g befindet sich das Schreibrädchen, dessen Achse gleichfalls vom Uhrwerk gedreht wird. Diese Achse ist mit dem polarisierten Anker des hinter der Platte P angeordneten Elektromagnetsystems so verbunden, daß es sich auf ankommenden Zeichenstrom mit seinem Rand gegen den Papierstreifen legt und dadurch die Zeichen aufschreibt.

10. Hughesapparat.
10. Hughesapparat.

Die Farbe wird ihm von einem größern, in einem Farbbehälter laufenden Rade kapillarisch zugeführt.

Der Hughesapparat (Fig. 10), auch kurzweg Hughes genannt, ist ein Typendrucktelegraph, der lateinische Letternschrift auf einen fortlaufenden Papierstreifen druckt. Geber (Zeichenstromsender) und Empfänger sind zu einem Apparat vereinigt; beim Telegraphieren erscheint das Telegramm außer auf der Empfangsstation auch auf dem Streifen des gebenden Apparats. Gegen ein rasch umlaufendes, mit Farbe gespeistes Stahlrad (Typenrad) A (Fig. 10), auf dessen Rand die telegraphischen Zeichen aufgraviert sind, wird in dem Augenblick, in dem das zu telegraphierende Zeichen dem Papierstreifen P P gegenübersteht, der letztere gehoben und, während er in der Drehrichtung des Typenrads vorgeschoben wird, gegen den Radrand gedrückt, so daß, obgleich das Rad sich weiterdreht, der Abdruck unverwischt im Fluge erfolgt. In den beiden durch eine Telegraphenleitung verbundenen Hughesapparaten drehen sich die beiden Typenräder und die beiden Zeichenstromsender, Kontaktschlitten genannt, sowie die zugehörigen Achsen (Typenrad- und Schlittenachsen) mit gleicher Winkelgeschwindigkeit (Gleichlauf). Entweder wird durch ein Uhrwerk mit Gewichtsantrieb (Fig. 10) die Typenrad- und von dieser Schlitten- und Schwungradachse oder bei den neuesten Apparaten (Fig. 11) durch einen kleinen Elektromotor die Hauptachse (Schwungradachse) und von dieser die Schlitten- und Typenradachse angetrieben. Der mit der Schlittenachse w (Fig. 10) sich drehende Schlitten ist eine Kontaktvorrichtung, deren äußerstes Ende c (die Lippe) über den Randlöchern einer Platte N schwebt. Unter der Platte befindet sich eine Büchse mit Kontaktstiften: die Stiftbüchse. Drückt man auf der Klaviatur z.B. die Taste W, so tritt aus dem Loch L ein Kontaktstift hervor; mit diesem macht die Lippe c beim Umlauf Kontakt und sendet dadurch einen Batteriestrom in die Leitung. Das Typenrad des Hughesapparats am Empfangsort ist so eingestellt, daß daselbst das Zeichen W dann dem Streifen gegenübersteht, wenn durch die Wirkung des Stromes, der infolge des Niederdrückens der Taste W ankommt, der Streifen gegen den Typenradrand gehoben wird. Der ankommende Strom schwächt den Magnetismus des polarisierten Elektromagnetsystems E, der abschnellende Anker löst einen Mechanismus aus, der eine sonst stillstehende Achse, die Druckachse, mit der in Umlauf begriffenen Schwungradachse kuppelt, so daß die Druckachse an der Umdrehung teilnimmt und dabei mit einem Vorsprung, dem Druckdaumen, die Gabel D und mit dieser den Papierstreifen hochhebt. In gleicher Weise werden auch alle übrigen Zeichen gedruckt; ist auf dem Typenrad kein Zeichen aufgraviert, sondern eine Vertiefung, so entsteht ein Zwischenraum zwischen den Zeichen. Die Klaviatur (Tastenwerk) hat 28 Tasten, von denen 26 mit doppelten Zeichen versehen und 2 unbeschrieben (weiß, blank) sind, während das Typenrad 52 Zeichen und 4 Vertiefungen hat. Beim Niederdrücken der einen weißen Taste (Buchstabenblank) werden die Typenräder beider Ämter so verschoben, daß sie Buchstaben drucken, beim Niederdrücken des Zahlenblanks drucken sie Zahlen und sonstige Zeichen. Diese Einstellung der Typenräder geschieht durch den »Figurenwechsel« genannten Mechanismus und durch das Korrektionsrad, das gleichzeitig zur Berichtigung der Einstellung des Typenrades während des Umlaufs dient.

11. Hughesapparat mit Elektromotorantrieb.
11. Hughesapparat mit Elektromotorantrieb.

Außerdem sind erforderlich: zur Erhaltung des Gleichlaufs bei ältern Apparaten ein horizontales konisches Pendel (P1 Fig. 10) mit Bremsring, bei den neuern Apparaten ein Bremsregulator (P1, Fig. 11); zur Fortschiebung des Papiers ein Papierführungs- und Bewegungsmechanismus; zur Ausrückung des Typenrades aus dem Laufwerk zwecks Einstellung ein Einstellhebel (U1; Fig. 10 u. 11); zur Richtungsänderung des Telegraphiestromes ein Stromwender U, Vorrichtungen zum Anhalten des Laufwerks V in Fig. 10, A1 in Fig. 11 und ein Schalter X zum Ein- und Ausschalten des Apparats in die Leitung.

12. Elektromagnetsystem und Verkuppelung des Hughesapparats.
12. Elektromagnetsystem und Verkuppelung des Hughesapparats.

Das Elektromagnetsystem (Fig. 12) enthält zwei auf einem Dauermagneten sitzende Elektromagnetrollen E, deren Eisenkerne den Anker E2 angezogen halten. Sobald ein Strom bestimmter Richtung die Rollen umfließt, schnellt der Anker unter dem Druck der Federn e (s. auch Fig. 10) gegen den Auslösehebel G. Dadurch wird der mit der Druckachse d verbundene Ansatz F2 freigegeben und die Sperrklinke n fällt unter dem Druck der Feder f in das auf der Schwungradachse sitzende Sperrrad z ein, so daß die Kuppelung beider Achsen hergestellt ist. Nach einer vollendeten Umdrehung tritt durch Hinaufgleiten der Sperrklinke n auf die schiefe Ebene m die Entkuppelung der beiden Achsen ein. Die Exzentrik F1 führt den Auslösehebel und damit den Anker in die Anfangslage zurück. Kuppelungen anderer Art sind von Siemens & Halske, bez. von Stock & Komp. konstruiert.

13. Typenradachse des Hughesapparats.
13. Typenradachse des Hughesapparats.

Die Typenradachse W4 (Fig. 13) wird durch Trieb Q3 vom Uhrwerk angetrieben. Rad R4 treibt die Schwungradachse, R5 die Schlittenachse. A ist das Typen-, B das Korrektions- (s. auch Fig. 14) und B1 das Friktionsrad, das durch die federnde Messingscheibe M so fest gegen Buchse B2 gedrückt wird, daß es sich mit W4 zusammendreht.

14. Korrektionsrad mit Figurenwechsel.
14. Korrektionsrad mit Figurenwechsel.

Rad A, Buchsen a1 und a2 sowie Hebel hh1 (s. auch Fig. 14) sind miteinander verbunden und auf W4 leicht drehbar. Auf Buchse a2 ist Rad B leicht drehbar. Greift die Klinke (Fig. 14) in den gezahnten Rand von B1 (Fig. 13), so drehen sich alle drei Räder zusammen. Durch Niederdrücken des Einstellhebels U1 (Fig. 10 u. 11) wird k1 (Fig. 14) aus B1 (Fig. 13) herausgehoben, dann stehen A und B still, und zwar steht stets dieselbe Vertiefung von A dem Papierstreifen gegenüber. Ein an der Druckachse befindlicher Stift, Korrektionsstift, greift, je nachdem eine bestimmte Taste im Geber gedrückt wird, auch in eine bestimmte Zahnlücke des Korrektionsrades B (Fig. 14), und zwar in die von v1 verdeckte Lücke Z b, wenn Zahlenblank, in B b, wenn Buchstabenblank gedrückt wird. Greift er in Z b, so schiebt der um s drehbare Wechsel w den Hebel h h1 aus Lücke y in Lücke x, damit dreht sich das Typenrad um eine Typenbreite, so daß nunmehr Zahlen gedruckt werden. Sind Geberschlitten und Empfangstypenrad genau im Gleichlauf, so geht der Korrektionsdaumen frei durch die Lücke des Korrektionsrades, andernfalls schiebt er durch Stoßen gegen die Zahnflanken das Rad B etwas vor oder zurück und berichtigt dadurch die Typenradstellung.


Telegraphenapparate II.

Die Tastenhebel der Klaviatur haben ihren Drehpunkt in Achsen, die an der untern Fläche der Eisenplatte P1 (Fig. 15) befestigt sind. Wird eine Taste T gedrückt, so hebt das durch einen Einschnitt in die Stiftbüchse P eingreifende freie Tastenhebelende den darüber ruhenden Kontaktstift S aus der Platte N und bringt ihn in den Weg des um die Achse w sich drehenden Schlittens. An dieser Achse w (Fig. 16) ist eine Stahlbuchse B mit vorspringenden Rändern aufgeschoben und das gabelförmig ausgeschnittene Messingstück G befestigt.

15. Stiftbüchse des Hughesapparats.
15. Stiftbüchse des Hughesapparats.

G trägt am mittlern Teil das geschweifte Stahlstück R1, den sogen. Stößer, der dazu dient, die Kontaktstifte nach außen zu drängen, um ein zu frühes Zurückziehen der Stifte durch die Feder f (Fig. 15) zu verhindern.

An G (Fig. 16) ist auch der Hebel g1 mit der Lippe c drehbar befestigt. Wird die Lippe c durch Auflaufen auf einen gehobenen Kontaktstift gleichfalls gehoben, so zieht der an g1 befindliche Stahlstift a die Buchse B und damit den Hebelarm H1 nach unten, während der Hebelarm H mit der Blattfeder F1 sich an den Batteriekontakt c1 legt und dadurch über den Körper und die Elektromagnetrollen des gebenden Hughesapparats Strom in die Leitung sendet. Bei den Apparaten mit mechanischer Auslösung des gebenden Hughesapparats wird durch eine an dem Hebel H1 H angebrachte Hebelübertragung der Auslösehebel G (Fig. 12) mechanisch nach unten gezogen (ausgelöst). Wegen der sonstigen Einzelheiten des Hughesapparats vgl. ›Beschreibung der in der Reichs-Telegraphenverwaltung gebräuchlichen Apparate‹ (Berl. 1899).

16. Schlitten des Hughesapparats mit seitlichem Kontakt.
16. Schlitten des Hughesapparats mit seitlichem Kontakt.

Kabeltelegraphie. Beim Betriebe langer Unterseekabel werden die Zeichen dadurch dargestellt, daß am Empfangsort eine Magnetnadel oder eine Drahtspule (Solenoid) aus der Ruhelage (Nullinie) durch einen vom Senderort abgehenden positiven Strom nach links (gleichbedeutend mit einem Morsepunkt) und durch einen negativen Strom nach rechts (Morsestrich) abgelenkt wird.

17. Kabeltaste (Doppeltaste).
17. Kabeltaste (Doppeltaste).

Drückt man an der Kabeltaste (Doppeltaste, Fig. 17) die rechte Taste nieder, so fließt positiver Strom in das Kabel; umgekehrt ist es bei der linken Taste. Ströme wechselnder Richtung werden verwendet, weil der die Zeichen gebende ankommende Strom (Zeichenstrom) von nur 0,2 bis 0,5 Milliampere so langsam steigt und fällt, daß, wollte man bei jedem Punkt und Strich den Beharrungszustand des Stromes, bez. dessen Verschwinden, abwarten, nur ganz langsam telegraphiert werden könnte. Aber selbst bei Anwendung von Strömen wechselnder Richtung müssen oft zur Darstellung der Buchstaben mehrere Ströme gleicher Richtung hintereinander gegeben werden, wobei, da das Kabel nicht genügend entladen wird, jede folgende Ablenkung sich von der Nullinie weiter entfernt (wandernde Nullinie). Die Ablenkungen muß man daher zügeln (engl. to curb), weshalb jedem Zeichenstrom zur Beschleunigung der Entladung des Kabels ein kürzerer entgegengesetzter Strom (Kurbstrom) nachgesandt wird. Die Telegrammübermittelung geschieht jetzt allgemein durch automatische Geber (Kurbautomaten), die viermal soviel leisten wie Handtasten.

18. Vergleichung der Rekorderschrift mit der Morseschrift.
18. Vergleichung der Rekorderschrift mit der Morseschrift.

In Fig. 18 sind die zur Darstellung des Wortes »post« angekommenen Ströme in Kurvenform aufgeschrieben. Ein positiver Strom lenkte das Solenoid aus der Nullinie nach links, ein nachfolgender Kurbstrom gab ihm einen Stoß nach rechts; ohne daß das Solenoid in der Nullinie verharrte, lenkte es ein negativer Zeichenstrom nach rechts (Morsestrich), es folgte ein Kurbstrom und wieder ein negativer Zeichenstrom etc. Folgt einem Kurbstrom kein Zeichenstrom, so kehrt das Solenoid in die Nullinie zurück.

19. Locher.
19. Locher.

Zur automatischen Versendung wird das Telegramm mittels eines Lochers (Fig. 19) in einen Papierstreifen (Fig. 20) gestanzt. Durch Drücken der Taste a werden die obern Löcher (für Punkte), durch c die untern Löcher (für Striche), durch b Führungslöcher hergestellt. Der gelochte Streifen gelangt in den elektrisch angetriebenen automatischen Geber, z.B. den Kurbautomaten von Muirhead (Fig. 21), unter die Walze a; ein unter der Walze liegendes Sternrädchen greift in die Führungslöcher und schiebt den Streifen vorwärts.

20. Lochstreifen.
20. Lochstreifen.
21. Automatischer Geber (Kurbautomat).
21. Automatischer Geber (Kurbautomat).

Der Stift S bewegt sich nach oben, sobald in der obern Lochreihe ein Loch vorbeigeht, ebenso der Stift S1 hinsichtlich der untern Löcher. Jeder Stift sitzt an einem dreiarmigen Hebel L, dessen rechter Arm beim Hochgehen des Stiftes einen der Hebelarme L2 (Fig. 22) gegen den Kontakt x legt. B1 ist die Zeichen-, B2 die Kurbbatterie. Während des Bestehens des Kontaktes L2/x dreht sich die exzentrische Scheibe C einmal herum und bewirkt durch die Hebelarme G3 und L3 den Kontakt L3/K1 (Zeichenstrom) mit nachfolgendem Kontakt L3/K2 (Kurbstrom). Andre Kurbautomaten sind der von der Commercial Gable Co. benutzte Automatic Transmitter von Wilmot und der von Cuttriss.

22. Kontaktwerk des Kurbautomaten von Muirhead.
22. Kontaktwerk des Kurbautomaten von Muirhead.

Früher wurden die Zeichen mittels Sprechgalvanometers, das ein vereinfachtes Thomsonsches Spiegelgalvanometer (s. Galvanometer) ist, empfangen. Das durch eine Sammellinse konzentrierte Licht einer Petroleumlampe fiel auf den die Magnetnadel tragenden Galvanometerspiegel, der das Licht auf einen Schirm warf; auf diesem wurden die Ablenkungen des Lichtscheins vom Nullpunkt nach rechts und links abgelesen.

23. Heberschreiber.
23. Heberschreiber.

Jetzt wird allgemein der 1867 von William Thomson erfundene Heberschreiber (Siphon recorder, Fig. 23) benutzt. Die Teile des Heberschreibers sind: Schreibvorrichtung A mit dem rechts von B liegenden Magnetsystem, Gestell G mit den das Papier fortschiebenden Walzen, die vom Motor C mittels Schnurübertragung angetrieben werden, der Unterbrecher u, der den Vibrator V in zitternde Bewegung setzt. Das leicht bewegliche Solenoid, ein rechteckiges Rähmchen R (Fig. 24) mit vielen Umwindungen aus isoliertem Kupferdraht, schwebt zwischen (in Fig. 24 nicht gezeichneten) starken Magneten und dem Eisenstück E.

24. Schreibvorrichtung des Heberschreibers.
24. Schreibvorrichtung des Heberschreibers.

Der zwischen V und Z gespannte Platindraht i trägt den Aluminiumsattel S, auf den der Glasheber H aufgeklebt ist. F1, F2 u. F3 sind Seidenfäden. Fließt Strom durch das Solenoid, so dreht es sich, die Drehung wird durch F2 und F3 auf den Heber H übertragen, der aus Gefäß K (Fig. 23) Anilinblaulösung angesaugt hat und die Farbe infolge der Erschütterungen von V auf den an der Heberspitze vorüberziehenden Papierstreifen als Rekorderschrift (Fig. 18) auftupft. Bei dem Elektro-Kapillarrekorder von J. Armstrong und A. Orling werden die Solenoidablenkungen durch die Schwankungen einer Quecksilbersäule in einer Kapillarröhre ersetzt.

Bei sonst gleichen Kabeln verhalten sich die Sprechgeschwindigkeiten umgekehrt wie die Quadrate der Kabellängen: über 1000 m Kabel telegraphiert man viermal so schnell wie über 2000 km. Auf Zwischenstationen müssen die Telegramme mittels Lochers vom Rekorderstreifen abgeschrieben und automatisch weitergegeben werden. Deshalb versuchte man, in lange Kabel, soweit sich Landungspunkte boten, Relaisübertragungen einzuschalten. Aber erst 1902 gelang es S.G. Brown, ein brauchbares Kabelrelais, das auf die schwachen Rekorderströme sicher anspricht, zu konstruieren. Kabeltelegramme von England nach Alexandria in Ägypten, die früher in Gibraltar umtelegraphiert werden mußten, können jetzt nach Einschaltung einer Übertragung mit Brownschen Trommel-Kabelrelais in Gibraltar, unmittelbar von England nach Ägypten mit nicht verminderter Geschwindigkeit durchtelegraphiert werden. In Fig. 25, die das Prinzip des Brownschen Relais darstellt, schwebt, wie beim Heberschreiber, ein Solenoid a im Felde des Magneten M (N Nord- und S Südpol). Das leichte Gestell f ist durch die Fäden F1 und F2 mit a verbunden und folgt den Drehungen von a; an f sitzt der durch ein feines Glasröhrchen versteifte Phosphorbronzedraht p mit Iridiumspitze, die im Ruhezustand auf der silbernen 0,8 mm breiten Mittelscheibe der Trommel D ruht. Die Silberscheiben d1 und d2 sind von der Mittelscheibe isoliert; die Rolle dreht sich minutlich 150mal. Geht die Iridiumspitze auf d1, so spricht das Relais R1 an und sendet einen Punktstrom; geht sie auf d2, so sendet R2 einen Strichstrom. Der durch a fließende ablenkende Strom, dessen Stärke durch den Nebenschluß L von hoher Selbstinduktion geregelt wird, ist so schwach, daß die Iridiumspitze sich nicht bewegen würde, wenn die Trommel still steht. Durch die Drehung der Trommel werden der Reibungswiderstand und die Neigung zum Zusammenbacken (Kohärerwirkung im Kontakt) so verringert, daß die Spitze den Drehungen von a folgt und sichern Kontakt mit den Silberscheiben d1 und d2 macht, wozu auch, in bisher wissenschaftlich noch nicht aufgeklärter Weise, die Kondensatoren S1 und S2 beitragen. (Varley hat schon 1862 ohne ausreichenden Erfolg rotierende Kontakte angewendet.) An den Relaiskontakten C1 und C2 liegt eine von Brown »lokale Korrektur« genannte Apparatanordnung, die aus 2 Batterien, 3 Widerständen, einem Kondensator und einer zweiten auf dem Empfangssolenoid a befindlichen Wickelung besteht und die dazu dient, die Veränderlichkeit der Nullinie zu beseitigen. An den Relaiskontakten C3 und C4 liegen Elektromagnete, durch deren Betätigung die Ströme in das zweite Kabel gesandt werden oder der Interpolator ausgelöst wird. Der Interpolator, ein von einem Elektromotor angetriebener Hebelmechanismus, der mit derselben Geschwindigkeit wie der automatische Sender arbeiten muß, gibt mehrere hintereinander kommende Stromimpulse gleicher Richtung, z.B. bei Darstellung des Buchstabens s, während deren Eingang die Iridiumspitze auf derselben Silberscheibe ruhend bleibt, in Einzelimpulse zerlegt, weiter. Im übrigen haben die Rekorderbeamten eine solche Übung, daß sie, auch aus der unzerlegten Reihenfolge der als Kurve vom Heberschreiber aufgeschriebenen Stromimpulse, lediglich aus der Länge der Kurve (also ohne Interpolator) sofort wissen, ob es sich um 2, 3 oder 4 Punkte oder Striche handelt, da bei der automatischen Kabeltelegraphie auf jeden Strich und jeden Punkt dieselbe Zeit verwendet wird. Zur Fernhaltung der Erdströme und zur schärfern Ausgestaltung der Zeichen wegen des schnellern Steigens und Fallens der Stromwellen am Empfangsende dient der das Kabel C abschließende Kondensator K mit der Erdleitung E; dieser Abschlußkondensator kann bei der Anwendung des Brownschen Relais beibehalten werden, was der Hauptvorzug dieses Relais ist. K Kabel, C1 u. C2 Kondensatoren, R1, R2 u. R3 Rheostaten, T Doppeltaste, H Heberschreiber, k1 künstliches Kabel, B Batterie. Beim automatischen Betrieb tritt an Stelle von T der automatische Sender.

25. Prinzip des Brownschen Kabelrelais.
25. Prinzip des Brownschen Kabelrelais.

Bei dem Kabelrelais von A. Muirhead werden die Drehungen des Solenoids auf eine Platinnadel übertragen, deren Spitze gegen eine dreiteilige Platte und zwar in der Ruhelage gegen das isolierende Mittelstück derselben stößt. Die Platte wird dauernd in Vibration erhalten, so daß der Kontakt stoßweise erfolgt; ein Kondensator verwandelt den dadurch entstehenden undulierenden Strom in Gleichstrom.

26. Gegensprechschaltung für sehr lange Seekabel.
26. Gegensprechschaltung für sehr lange Seekabel.

In sehr lange Unterseekabel werden am Anfang und Ende vor die Apparatsysteme stets Abschlußkondensatoren eingeschaltet. Zur bessern Ausnutzung dieser kostspieligen Kabel werden sie nach der Wheatstoneschen Brückenschaltung zum Gegensprechen (duplex), z.B. nach der Harwoodschen Schaltung (Fig. 26), eingerichtet. R1 und C1 sowie R2 und C2 bilden das eine Paar der Brückenarme, das Kabel K und das künstliche Kabel K1, das, aus Widerständen und Kondensatoren bestehend, dieselben elektrischen Eigenschaften wie das Kabel K hat, bilden das andre Paar. Am Senderort schreibt ein Orts-Heberschreiber (Direktschreiber) die abgehenden Telegramme behufs Prüfung auf Fehler mit; am Empfangsorte macht der Beamte die gelesenen Zeichen Zug um Zug mittels Klopfers einem zweiten Beamten hörbar, der sie mit der Schreibmaschine auf das Telegramm-Ankunftsformular schreibt.

Bis 800 km lange Kabel werden mit dem Undulator von Severin Lauritzen (Kopenhagen) betrieben. Zwei Stabmagnete, die in der Längsrichtung an gemeinsamer senkrechter Achse befestigt sind, werden von den vier Polen zweier Elektromagnete, je nachdem diese von positiven oder negativen Strömen durchflossen werden, nach rechts oder links gedreht; auf derselben Achse ruht ein Glasheberröhrchen, dessen ausfließende Tinte wie beim Heberschreiber Rekorderschrift liefern kann. Gewöhnlich dient der Undulator als Empfänger für den automatischen Sender von Wheatstone: die kürzem oder längern Abweichungen nach oben stellen die Punkte oder Striche, die Abweichungen nach unten die Zwischenräume der Morseschrift dar.


Karte des Welt-Telegraphen-Netzes.
Karte des Welt-Telegraphen-Netzes.
Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon