Weber, Johann Jakob

[1025] Weber, J. J. Der Begründer der weltbekannten »Leipziger Illustrierten Zeitung« Johann Jakob Weber wurde am 3.4.1803 als Sohn unbemittelter Eltern in Basel geboren. Den Buchhandel erlernte er bei E. Thurneysen ebenda und war dann als Gehilfe in Paris, dann bei Breitkopf & Härtel in Leipzig und Herder in Freiburg tätig. 1830 übernahm er als Geschäftsführer die Zweigniederlassung des Pariser Hauses Bossange Père in Leipzig und rief in dieser Stellung nach dem Vorbilde des von Charles Knight in London begründeten Penny Magazine das deutsche »Pfennigmagazin« ins Leben, das infolge seines tatkräftigen Vertriebs bald eine Auflage von 60000 Exemplaren erreichte (vergl. Artikel Bossange).

Dieser großartige Erfolg gab bei Weber den Anstoß zur Begründung der eigenen Selbständigkeit, die er ins Werk setzte, als ihm die Firma Bossange Père eine Anzahl Verlagsartikel überließ, so daß er mit diesem Grundstock am 15.8.1834 die Firma J. J. Weber in Leipzig eröffnen konnte. Einige der ersten Weberschen Verlagswerke, Miquels Geschichte der französischen Revolution (1835) und Sporschills Napoleonsche Kaiserchronik (1837), waren noch mit französischen Stahlstichen ausgestattet; dagegen wiesen Sporschills Schweizerchronik und Th. v. Kempis Nachfolge Christi bereits deutsche Arbeiten auf. Mit der Herausgabe der von H. Vernet illustrierten Geschichte Napoleons (1839) vollzog Weber den bedeutsamen Uebergang vom Stahlstich zum Holzschnitt, der nunmehr dominierend bei Weber blieb. Fz. Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen (1840), das berühmte Werk, das A. Menzel mit 500 Illustrationen schmückte, leitete als deutsches Original-Holzschnitt-Werk eine neue Epoche ein.

Am 1. Juli 1843 erschien die erste Nummer der »Illustrierten Zeitung« mit dem Programme, »die innige Verbindung des Holzschnittes mit der Druckpresse zu benutzen, um die Tagesgeschichte selbst mit bildlichen Erläuterungen zu begleiten und durch eine Verschmelzung von Bild und Wort eine Anschaulichkeit der Gegenwart hervorzurufen, von der zu hoffen ist, daß sie das Interesse an derselben erhöhen, das Verständnis erleichtern und die Rückerinnerung[1025] um vieles reicher und angenehmer machen wird«. Waren in der ersten Nummer auch nur 5 deutsche Originalholzschnitte enthalten, so änderte sich dies doch bald, nachdem Weber sich die deutschen Kräfte heranzuziehen gewußt hatte. Die überwiegend im Interesse der Firma J. J. Weber begründete xylographische Anstalt von Eduard Kretzschmar in Leipzig ging nach dem Tode des Inhabers ganz in den Besitz Webers über. Gedruckt wurde die Zeitung anfänglich auf einer großen Handpresse bei F. A. Brockhaus in Leipzig, welche Firma neben der bekannten Offizin von Fischer & Wittig in Leipzig bis zur Begründung der eigenen Weberschen Druckerei (1860) auch die Verlagswerke Webers herstellte. Seit 1866 leitete die Redaktion der »Ill. Zeitung« Franz Metsch (der erste Redakteur war Doktor H. Schellwitz) und gelegentlich des Erscheinens der ersten Nummer des 50. Bandes (1868) brachte die Vorrede folgende charakteristische Ausführungen: »Das Unternehmen führte mit seinem Entstehen in die periodische Presse Deutschlands einen neuen Zweig, die illustrierte Literatur, ein und ist, nicht ohne schwere Opfer, bahnbrechend für alle Zeitschriften ähnlicher Art geworden, dabei jedoch immer bemüht gewesen, an der Spitze der Entwickelung in literarischer und der Vervollkommnung in künstlerischer Hinsicht zu bleiben. Das 1843 Versprochene haben wir nicht nur erfüllt, sondern nach dem Urteil unserer Leser aller Stände und ganz besonders der kompetenten Kritiker übertroffen. In Kürze gesagt, ging unser Vorsatz dahin, die Kultur in weitere Kreise zu tragen und die Bekanntschaft mit den Ereignissen im Staats- und Völkerleben, mit Kunst und Natur, überhaupt mit allen bemerkenswerten Vorgängen deutlicher und fruchtbringender zu machen. Die eingehendsten Schilderungen werden nur halb verstanden, ohne das Bild der Oertlichkeit, wo sie sich zutrugen, vor Augen zu haben. Nur wenn man Karten, Pläne, Landschaften, Kunstwerke, Maschinen, Geräte, mit einem Worte die beschriebenen Gegenstände in treuem Bilde vor sich sieht, wird die Kenntnis der Dinge klar und haftet fest in der Vorstellung und in der Erinnerung. Selbst die Persönlichkeiten, deren biographische Skizzen wir bringen, werden dem Leser vertrauter, wenn er zugleich ihre Porträts betrachtet. Das Erscheinen der »Illustr. Zeitung« wurde zwar freudig begrüßt, allein man hielt den Plan der Zeitschrift für zu umfassend, zu weit ausgedehnt und stellte seiner Ausführung ein trübes Horoskop. Dem Unternehmen traten viele Schwierigkeiten entgegen, sie sind jedoch alle glücklich überwunden worden.« –

Was den übrigen Verlag Webers betrifft, so wurde derselbe bald in umfangreicher Weise ausgedehnt. 1846-81 erschien in 36[1026] Jahrgängen der »Illustr. Kalender«, ein Jahrbuch der Ereignisse, Künste und Gewerbe – mit engem Anschluß an die »Illustr. Zeitung«. 1851 eröffnete Weber die Sammlung seiner heute bis auf 258 Bände angewachsenen »Illustrierten Katechismen«, die eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis der Zeitgeschichte und für die Fortschritte auf allen Gebieten des Lebens, Wissens und Könnens darstellten. Von theoretisch und praktisch bewährten Aerzten verfaßte Belehrungen über den gesunden und kranken Menschen boten die seit 1869 erschienenen 27 Bände der »Illustr. Gesundheitsbücher«. Größten Beifall fanden auch die illustr. Kriegschroniken der Feldzüge 1864, 1866, 1870-71. Ferner verdienen hier genannt zu werden: Klemke, Mikroskopische Bilder, 1853; Illustr. Lexikon der Verfälschungen der Nahrungsmittel, 1858; Hirzel, Toilettenchemie, 1857; Johnstons chemische Bilder aus dem täglichen Leben, 1855; Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiama, 3 Bde. 1847-48; Biedermann, Deutschland im 18. Jahrh., 4 Bde. 1854-80; die von Hch. Kurz herausgegebene »Deutsche Bibliothek«. Von Richard Wagner erschien 1863 im Weberschen Verlage »der Ring der Nibelungen« und 1868 »Deutsche Kunst und deutsche Politik«. Von Zeitschriftenunternehmungen sind hier folgender zu gedenken: der Latomia, einer freimauerischen Publikation, die von 1842-73 erschien, und der Leipziger Allgem. Zeitung für Buchhandel und Bücherkunde bezw. Allgem. Preßzeitung (her. von J. E. Hitzig) 1838-43. Der alte Verlag der Firma aus den Jahren 1834-44 kam 1845 an den bisherigen Teilhaber und Prokuristen Carl B. Lorck und C. F. Wiedemann in Leipzig.

J. J. Weber starb am 16. 3. 1880; das umfangreiche Geschäft kam dadurch in den Besitz der drei Söhne Johannes Konrad Weber, Georg Hermann Weber und Dr. Felix Karl Reimund Weber (geb. 18. 1. 1845, gestorb. 20. 8. 1906).

J. K. Weber, geb. 1838, gest. 9. 11. 1889, widmete sich vornehmlich der »Ill. Zeitung« und gab die Anregung zu der 1884 begründeten Zweigniederlassung der Firma in Berlin. – G. H. Weber, geb. 23. 8. 1842, gest. 19. 10. 1889, ließ es sich in erster Linie angelegen sein, die Buchdruckerei auf der Höhe zu halten. Daneben widmete er sich dem Bücherverlag und war hier vornehmlich bemüht, den reichen Schatz künstlerisch ausgeführter Holzschnitte, den die Zeitung darbot, in Prachtwerken zu erhöhter Geltung zu bringen. Unter diesen Unternehmungen stehen obenan die 1879 erstmals erschienenen »Meisterwerke der Holzschneidekunst«, in ihrer Folge eine Glanzleistung deutscher Holzschneidekunst und Typographie; ferner sind aus dem Illustrationsschatze der Zeitung hervorgegangen: Bilder[1027] für Schule und Haus, mit Text von A. Richter und E. Lange, 2 Bde; Galerie schöner Frauenköpfe, 1884; Meisterwerke der christlichen Kunst, 1886; Album für Jagdfreunde, 1887 usw. 1886 begann die bis auf 24 Bände angewachsene »Novellenbibliothek der Illustr. Zeitung« zu erscheinen, denen sich die prächtigen Kunstmappen der »Illustrierten« sowie die Einzelkunstblätter anschlossen.

Der Verlag hat weiterhin durch Dr. F. Weber, unterstützt von seinem Neffen Johann Jakob Weber (geb. 14. 4. 1873, gest. 21. 4. 1906), die sorgsamste Pflege gefunden. Der 1879 bei Gelegenheit der goldenen Hochzeit des deutschen Kaiserpaares erschienenen Festnummer der »Ill. Zeitung« haben sich im Laufe der Jahre mehr als 120 Sonderhefte angeschlossen. Seit 1895 verwendet die »Ill. Zeitung« neben ihren Holzschnitten auch Aetzungen, je nachdem sie dem Zwecke angemessen erscheinen, was mehr oder weniger mit einer Konzession an den Zeitgeschmack zusammenhängt. Ferner nennen wir hier von neueren Verlagswerken: den seit 1898 erscheinenden »Deutschen Seefischerei-Almanach«; Dittmer, Handbuch der Seeschiffahrtskunde, 1894; Webers Universallexikon der Kochkunst, 7. Auflage; Ehrenbergs Handbuch der Kunstgeschichte, 6. Auflage; die bau- u. gartentechnischen Bücher von Haenel-Tscharmann und Lange-Stahn; F. Webers Gastronomische Bilder; Hamms Weinbuch; E. von Hesse-Warteggs geograph-völkerkundliche Schriften; ferner die Werke von Roderich Benedix, Samuel Smiles, S. H. Mosenthal u. Hch. Laube; das deutsche Bäderbuch usw.

Quellen: Börsenblatt f. d. deutschen Buchhandel 1873, 1880, 1889, 1893, 1896; Illustrierte Zeitung Nr. 2584, 2758; Zeitschrift für Bücherfreunde, August- u. Septemberheft 1901; Verlagskataloge; Nachrufe an J. K. Weber u. J. J. Weber, Leipzig 1906.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 6. Berlin/Eberswalde 1908, S. 1025-1028.
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