Umkehrung

[1200] Umkehrung. (Musik)

Dieses Wort hat in der Musik verschiedene Bedeutungen. 1. Das, was wir an verschiedenen Stellen dieses Werks die Verwechslung eines Accords genennt haben, wird auch Umkehrung desselben genennt. Davon sprechen wir in einem besondern Artikel.1 2. Durch die Umkehrung eines Intervalls verstehet man die Versezung eines der beyden Töne um eine Octave höher, oder tiefer, wodurch die Natur des Intervalls verändert wird. Durch diese Umkehrung wird die Octave zum Unisonus, die Terz zur Sexte, die Quinte zur Quarte, und die Septime zur Secunde u.s.f. wie aus dieser Vorstellung zu sehen ist.

Umkehrung

Hierauf gründen sich die Regeln von der Veränderung der Intervalle, die durch den doppelten Contrapunkt entstehen.2

3. Bisweilen werden ganze melodische Säze so umgekehrt, daß von zwey Stimmen die obere zur untern, und die untere zur obern wird. Dieses sind die Umkehrungen der melodischen Säze durch den doppelten Contrapunkt, davon von zwey Stimmen eine um eine Octave, Decime, Duodecime u.s.f. höher, oder tiefer gesezt, und also gegen die andere umgekehrt wird, wie an den in dem Artikel Nachahmung gegebenen Beyspiehl3 zu sehen ist, wo die untere Discantstimme des ersten Sazes (a) bey b durch die Umkehrung, oder Versezung der ganzen Stimme in die Octave, zur obern wird: bey c ist die untere Stimme des ersten Sazes um eine Terz erhöhet, und bey d durch Heraufsezung um eine Octave wieder zur obern Stimme gemacht. In diesen Umkehrungen der Stimmen besteht die ganze Kunst des doppelten Contrapunkts.

4. Einzele kleine melodische Gänge werden auch so umgekehrt, daß eben die Töne, die in dem einen Saz auf- oder absteigend auf einander folgen, im andern in umgekehrter Bewegung folgen, wie in diesem Beyspiehle:

Umkehrung

Durch dergleichen Umkehrungen wird fürnemlich in contrapunktischen Stüken, wo oft nur ein einziger kurzer Saz ausgeführet, oder zu jeder Note des Choralgesanges angebracht wird, Mannigfaltigkeit in der Melodie gebracht, die sonst sehr arm und mager klinget. Sie müssen aber von der Art seyn, daß der Gesang dadurch nicht unförmlich werde.

In Singstüken sind dergleichen Umkehrungen, fürnämlich über die nämlichen Worte, allezeit von schlechtem Erfolg, weil sie eine falsche Deklamation der Worte verursachen. Der berühmte Buononcini hat ein Singstük über die Worte: Wer sich selbst erhöhet, soll erniedriget, und wer sich selbst erniedriget, soll erhöhet werden, gemacht, wo diese Art der Umkehrung des Thema sehr glüklich angebracht ist.

Man findet ganze Stüke von großen Contrapunktisten, die auf diese lezt angezeigte Art umgekehrt werden können. Diese werden nach den Regeln des doppelt- verkehrten Contrapunkts gemacht, die in Marpurgs Abhandlung von der Fuge angezeiget stehen.

Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 1200.
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