Hameln

[137] Hameln, hannöversche Stadt, an der Weser mit 5400 Ew., Fabriken, lebhafter Schifffahrt, berühmtem Lachsfang, Bierbrauereien etc. – Diese Stadt ist besonders durch die alte Sage vom Rattenfängerbernberühmt. Ihr zu Folge kam nämlich den 26. August 1284 ein Rattenfänger dorthin und machte sich anheischig, [137] gegen eine Summe Geldes alle Ratten und Mäuse aus der Stadt zu vertreiben. Man versprach ihm den Lohn, er ging durch die Straßen, blies auf einer Pfeife und alle Ratten und Mäuse kamen aus ihren Schlupfwinkeln, folgten dem Pfeifer, der sie bis in die Weser lockte, wo sie sämmtlich ertranken. Aber die Bürger der Stadt einmal von ihrer Hausplage befreit, spürten keine Luft, dem Pfeifer seinen Lohn zu bezahlen. Dafür rächte er sich auf folgende Art. Am nächsten Sonntage, als die Hameler in der Kirche waren, zog er durch die Stadt, blies eine andere Weise und alle Kinder stürzten aus den Häusern und folgten ihm. Er ging mit ihnen bis zu dem nahen Kuppelberge, dieser öffnete sich und der Rattenfänger sammt den Kindern ging hinein. Hinter ihnen schloß sich der Berg. Nur eins von den Kindern, welches sich verspätet hatte, eilte zurück und verkündete die traurige Mähr in der Stadt. So unglaublich das ganze Mährchen ist, so spricht doch für ein Ereigniß der Art der Umstand, daß man von da an in Hameln ein doppeltes Datum wählte: Eins nach Christi Geburt, das andere nach dem Verschwinden der Kinder im Berge. Die Sage setzt noch hinzu, der Rattenfänger sei nach einiger Zeit in Siebenbürgen wieder zum Vorschein gekommen und habe dort mit ihnen die ungarische Kolonie der Sachsen gegründet. Unerklärlich bleibt es immer, wie glaubwürdige Chronisten jener Zeit dieses Mährchen als Thatsache erzählen konnten. Man hat die Fabel vielfach zu erklären gesucht. So hieß es, daß der Bischof von Minden, dann wieder ein Rattenfänger die hameler Kinder geraubt habe, um eine Kolonie zu stiften, dann wieder, daß sie bei einem Volksfeste durch einen Bergsturz zu Grunde gegangen seien. Letztere ist von allen Auslegungen die wahrscheinlichste.

4.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 5. [o.O.] 1835, S. 137-138.
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