Helena, die griechische

[234] Helena, die griechische, das Urbild der Schönheit, welches den blutigen trojanischen Krieg entzündete, gefeiert von Homer, nach der Mythe die Tochter Jupiter's und der Leda. Schon in zarter Jugend war das herrliche Mädchen vom König Theseus entführt worden. Ihre Brüder Kastor und Pollux (s. d.) ereilten den Räuber und zwangen ihn, die schöne Beute herauszugeben. Griechenlands erste Fürsten buhlten nun um ihre Hand; denn der Ruf ihrer Schönheit hatte sich nicht nur durch das Land verbreitet, sondern war weit über das Meer geflogen. Auf Odysseus Rath mußten alle Freier schwören, Nichts gegen denjenigen zu unternehmen, welchen Helene aus ihrer Mitte zum Gatten wählen wurde. Helene erkor Menelaos, den Bruder Agamemnon's, und dieser wohl ahnend, daß ihm ein neidisches Geschick das schönste Weib der Erde rauben würde, schloß mit allen frühern Bewerbern ein Schutzbündniß, dem zu Folge sie sich verpflichteten, im Falle ihm die Gattin geraubt würde, ihm mit aller Macht beizustehen. – Eris hatte den goldenen Zankapfel in den Göttersaal zwischen Juno, Minerva und Venus geworfen. Die Schönste sollte ihn besitzen; eine jede der Göttinnen machte Anspruch darauf. Paris, der Hirte und Königsohn von Troja, sollte Schiedrichter sein. Er sprach ihn der Aphrodite zu und diese verhieß ihm zum Lohne das schönste Weib der Erde. Mit ihrer Hilfe gelang es ihm, die schöne Helena nebst vielen Schätzen zu rauben. Die Entführung der reizenden Frau empörte ganz Griechenland, um so mehr, da Paris als Gastfreund bei Menelaos erschienen war. Ihr Gemahl machte seine Schmach zur allgemeinen Angelegenheit der Griechen. Ihrem Eide treu rüsteten die Fürsten und ehemaligen Bewerber Helena's um[234] das Jahr 1000 vor Chr. Geb. ein Heer von 100,000 Mann und 1200 Schiffe aus. So entstand die Belagerung Troja's und der zehnjährige trojan. Krieg; die erste große historische Weltbegebenheit und die Ursache zur Gründung Roms. Jene Kämpfe, Siege und Niederlagen hat nun Homer in seinen eben so einfachen als herrlichen Gesängen gefeiert Helena war während dessen gezwungen, des Paris Gattin, dem sie auch mehrere Kinder gebar; doch soll sie auch inzwischen mit den Troja belagernden Griechen im Einverständniß gewesen sein und ihnen durch Rath beigestanden haben. Durch List fiel Troja nach zehnjähriger Belagerung; vergebens blutete Hector, vergebens weissagte Kassandra (s. d.), das hölzerne Pferd brachte die Belagerer in die Stadt – sie wurde verbrannt und zerstört. Die Einwohner klagten: Fuimus Troes, fuit et Ilion, d. h. wir waren Trojaner, es gab voreinst ein Ilium. – Menelaos erhielt nach zehnjähriger Trennung seine Gattin wieder; sie war während der letzten Jahre des Krieges von Paris nach Aegypten gebracht worden, wo sie ihr rechtmäßiger Gatte nach beendigtem Kampfe zu Memphis wieder fand. Ueber ihre letzten Lebensjahre lauten die Nachrichten widersprechend. Nach Einigen soll sie nach des Menelaos Tode von ihren Stiefsöhnen aus Sparta vertrieben und auf Rhodos, wohin sie geflohen, von Polyro, der Witwe des vor Troja gefallenen Tlepolemos, erhängt worden sein. Nach Andern ging sie mit Menelaos nach Taurika, der heutigen Krimm, und wurde dort der Artemis geopfert. Nach einer dritten Sage ward sie von Apollo entführt und unter die Sterne versetzt, als Orest und Pylades sie tödten wollten. Ihr Gestirn galt den Schiffern für unheilbringend. – Sie erscheint in der ganzen Sage, welche noch tief in die Mythe hineinspielt, als ein schönes, aber schwaches Weib, das ohne Absicht treulos wurde, als geschickte Spinnerin und Weberin. Ihre Schönheit war ihr Unglück! – Die Rhodiser weihten ihr einen Tempel, der langst zerfallen ist; aber Homer's Gesange, welche das reizende Weib feiern und die[235] Kämpfe, welche ihre Schönheit veranlaßt, leben noch fort und werden ewig leben! – Wie Petrarca's Laura ist sie durch den Mund des Dichters unsterblicher geworden, als durch Thaten und Monumente! –

–n.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 5. [o.O.] 1835, S. 234-236.
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