Tschitral

[779] Tschitral (engl. Chitral), Gebirgsstaat im äußersten Nordwesten von Britisch-Indien (s. Karte »Ostindien«), unter der Oberhoheit von Kaschmir, grenzt im N. an das Pamir, im W. an Afghanistan, im S. an die Nordwest-Grenzprovinz und Dardistan, begreift das Tal des obern Kunar von dem Kamm des Hindukusch bis zu den kleinen Fürstentümern Asmar und Dir im S. und mißt 59,000 qkm mit 480,000 Einw. Das fruchtbare, hoch gelegene Tal hat ein gesundes, sehr regenreiches Klima und erzeugt viel Weizen, Gerste, Obst und Wein (»Afrasiabs Weinkeller«). Die Bewohner gehören zur kaukasischen Rasse und sind teils Mohammedaner (Schiiten und Sunniten), teils Heiden (heilige Steine fast in jedem Orte), die sich gegenseitig fortwährend bekämpfen. Sie scheiden sich in zahlreiche Klassen bis zu den Sklaven herunter, deren Verkauf eine der vornehmsten Einnahmequellen des Herrschers (Mihter oder Badschah) ist. Der 3000 Einw. zählende Hauptort T., 1518 m ü. M., zieht sich als eine Folge von Dörfern 6 km weit am Kunar hin. Ein zweiter bedeutender Ort ist Mastudsch. Auch leben hier viele Darden und Afghanen. Letztere besorgen fast allein den Handel (Tauschhandel) zwischen Peschawar, Swat, Dschellalabad im S. und Badachschan, Kundus, Balch, Jarkand im N. Als Kaschmir 1846 in ein Vasallenverhältnis zu Britisch- [779] Indien trat, wurde auch T., das an den Maharadscha jährlich einen Tribut von Hunden, Pferden und Falken schickte, in dies Verhältnis einbezogen; 1893 gab auch der Emir von Afghanistan dazu seine Zustimmung. Ausbrechende Thronstreitigkeiten nötigten im Frühjahr 1895 zu einer Expedition zum Entsatz der im Fort von T. belagerten kleinen englischen Garnison, der nach vieler Mühe gelang. Vgl. Robertson, Chitral, story of a minor siege (2. Aufl., Lond. 1899).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 779-780.
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