Stein der Weisen

[727] Stein der Weisen (Philosophischer Stein, Lapis philosophicus), seit Aristoteles, vorzüglich nach dem 5. Jahrh., nach der Meinung der Alchemisten u. Kabbalisten eine Materie (Materia prima), od. ein allgemeines Auflösungsmittel (Menstruum universale), welches den Urstoff aller Dinge enthalten, Alles in seine Bestandtheile auflösen, alle Krankheiten entfernen, die Menschen verjüngen u. unsterblich machen u. die unedlen Metalle in Gold verwandeln sollte, weshalb auch das Gold oft der s.d. W. genannt wird, s.u. Alchemie. Der s.d. W. zweiter Ordnung sollte die unedlen Metalle in Silber verwandeln. Die Orientalen fabeln viel von ihm, so wird in Indien erzählt, daß einst bei einem Elephanten des Schir Schah, welcher durch den Fluß Soang in Indien gegangen war, die Fußkette desselben sich in Gold verwandelt habe. Man sagte sogleich, daß die Kette den s.d. W. berührt haben müßte, u. das ganze Heer hielt an u. brachte jeden Stein mit Eisen in Berührung, doch ohne Erfolg. Ein Grasschneider fand aber endlich den s.d. W. wirklich, denn augenblicklich wurde das mit ihm in Berührung gebrachte Eisen Gold, aber eben so schnell flog der s.d. W., Fisch geworden, wieder ins Wasser; der erzürnte Sultan aber ließ den Grasschneider hinrichten. Natürlich war dieser Stein Geheimniß, u. zwar wegen seiner Wichtigkeit das größte (daher Secretum secretorum), auf dessen Aufsuchung von Vielen Lebenszeit u. Lebensgut gewendet wurde, ohne daß er gefunden worden wäre. Der Wahn entstand wahrscheinlich aus der Einbildung, daß in den Steinen geheime Kräfte schlummern, wie es schon von dem Pseudo-Orpheus ein Gedicht (Lithika) über diese Kräfte gibt. Vgl. Krug, Vorlesungen über den s.d. W., in seinen universalphilosophischen Vorlesungen 1831.[727]

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 727-728.
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