Ehe

[1640] Ehe, eher, ein Umstandswort der Zeit, welches im Positive eh, ehe, und zuweilen auch eher, im Comparative eher, und im Superlative aufs eheste, am ehesten, lautet. Es wird,

1. Eigentlich, von einer Zeit oder Begebenheit gebraucht, welche vor einer andern vorher gehet.

1) Im Positive. Ich sahe ihn, ehe ich ihn noch hörte. Er kam zu mir, ehe ich ihn darum gebethen hatte. Denn ehe der Herr Sodom und Gomorra verderbte, war sie wasserreich, 1 Mos. 13, 10. Ich will hin und ihn sehen, ehe ich sterbe, Kap. 45, 48. Er kam, ehe man es sich versah. Ich merkte es, ehe du noch anfingest zu reden. Das denn oder als dem ehe noch beyzufügen ist unnöthig, ja unrichtig, weil solches eigentlich für den folgenden Comparativ gehöret; obgleich solches so wohl im gemeinen Leben, als in der Deutschen Bibel häufig geschiehet. Ehe als man sichs versiehet. Ehe als er kam. Ehe denn der Bothe kam, 2 Kön. 6, 32. Ehe denn ein König regierete, 1 Chron. 1, 43. Ehe denn die Sonne kommt, Hiob. 8, 16. Ehe denn ich hingehe, Kap. 10, 21; und an andern Orten mehr. Eh für ehe ist nur im gemeinen Leben üblich, doch pflegen es auch die Dichter zu gebrauchen, besonders wenn ein Vocal folget. Im folgenden werden einige Beyspiele vorkommen. Im Oberdeutschen macht man mit diesem ehe viele Zusammensetzungen, ungeachtet es in denselben eine bloß verstärkende Bedeutung hat. Dahin gehören, ehemöglichst, so sehr, oder so bald als möglich, ehebaldigst, so bald als möglich ist, ehenächstens, nächstens, ehevor, zuvor, ehegefälligst u.s.f.

2) Im Comparative. Wer eher kommt, mahlt eher, nehmlich als der andere. Je eher je lieber. Je eher je besser. Ein Paar Tage eher oder später kommen bey einer so wichtigen Sache in keine Betrachtung, Weiße. Warum bist du nicht eher gekommen? Besonders mit dem Wörtchen als. Er hat mir eher geschrieben als du. Ich hörete ihn eher, als ich ihn sahe. Er kam eher, als alle andere. Welches auch wohl ausgelassen wird. Lottchen will nichts eher sagen, bis Herr Damis wieder kommt, Gell. Ehedem war dieser Comparativ auch als ein Adjectiv üblich. Thi ererun ziti, die vorigen Zeiten, Ottfried. Ererun lustani, die vorigen Vergnügungen, Notker. Unser Frauen Tag der ehern oder erren, in den Urkunden der mittlern Zeiten, das Fest der Himmelfahrt Mariä, zum Unterschiede unserer Frauen Tages der letztern, wodurch das Fest der Geburt Mariä angedeutet wurde. Doch in dieser Gestalt ist es im Hochdeutschen längst veraltet.

3) Im Superlative, in welcher Staffel es zuweilen noch als ein Adjectiv vorkommt. Auf das eheste, mit dem ehesten, auf das geschwindeste, mit der ersten Gelegenheit. Am ehesten. Ich fühle dieses Unglück am ehesten, eher als irgend jemand.[1640] Mit ehester Gelegenheit. Ehester Tagen, so bald als möglich. Doch ist dafür der andere Superlativ erste beynahe üblicher. Denn dieses Wort hat einen doppelten Superlativ, eheste und erste, wovon der letzte aus eherste zusammen gezogen, oder auch unmittelbar von dem alten Positive ar, er abgeleitet ist. Ehest wird, wie jetzt gedacht worden, bloß von der Zeit, erst aber so wohl von der Zeit, als dem Orte und der Ordnung gebraucht. S. dieses letzte an seinem Orte besonders.

2. In etwas weiterer Bedeutung wird ehe und eher in der Sprache des täglichen Umganges auch absolute von einer bereits verflossenen Zeit gebraucht, für ehedem, vormahls.


Da must ich uuerben bas den e,

König Wenzel.


Besonders mit einem schwachen Nebenbegriffe der Wiederhohlung. Er hat wohl ehe einen Reichsthaler an die Armen gegeben. Ich weiß wohl eher, daß sie mir eine finstere Miene gemacht haben, es ist nicht das erste Mahl, daß sie mir eine finstere Miene machen. Ich habe es wohl eher gesehen, daß du hast gehen wollen, Gell.

3. Figürlich, für lieber, vielmehr, in welchem Verstande oft ehe, noch besser aber eher gebraucht wird. Wir wollen ehe sterben, denn etwas wider unser väterlich Gesetz handeln, 2 Macc. 7, 2. Die Zöllner und Hurer mögen wohl eher in das Himmelreich kommen, denn ihr, Matth. 21, 31. Die Besatzung wollte eher Hungers sterben, als die Stadt aufgeben. Ingleichen mit Verdoppelung des ehe oder eher. Ehe sie den kleinen Fischbeinrock fahren ließe, ehe bestätigte sie die Unschuld dieser Sitten mit dem Tode, Gell. Ehe er dich zur Frau bekommen soll, ehe will ich selbst ins Consistorium gehen, ebend. Ehe sie sich in ihrer Andacht stören läßt, eher läßt sie Herrn Simon wieder fortreisen, ebend.


Eh ich mich von euch rühmen höre,

Eh wollt ich noch gescholten seyn,

Hall.


Der Superlativ ist in dieser Bedeutung nicht üblich.

Anm. Dieses Wort lautet im Nieders. eer, im Engl. ere, im Isländ. aer, im Angels. aere, im Holländ. eer, und gehöret vermuthlich zu dem Goth. Air, im Schwed. Ar, im Griech. ƞρ, frühe, der Anfang, S. Jahr. Es ist, wenigstens im Alemannischen, von den ältesten Zeiten an in einer doppelten Gestalt üblich gewesen, indem es so wohl eh, bey dem Willeram e, im Compar. eher, und im Superl. ehest, als auch er, ar, im Compar. erer, erre, erero, und im Superl. erist, herist, errist, zusammen gezogen erst, lautete. Daher kommt es vermuthlich, daß ehe und eher noch jetzt sehr oft verwechselt, und eher häufig für den Positiv ehe gebraucht wird. Ehedem war es auch eine Präposition, welche vor bedeutete, in welcher Gestalt es aber veraltet ist. Éhender für ehe, eher, in allen Bedeutungen dieses Wortes, ist Oberdeutsch. In einigen Alemannischen Mundarten ist für ehe auch eb üblich. S. auch Erst, Vor und Ehre.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1640-1641.
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