Ehe

[274] Ehe ist nach dem Begriffe des Christenthums die lebenslängliche Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts. Zu gleicher Zeit Zweck und Mittel des Daseins findet sie schon in der Natur des sittlich unverdorbenen Menschen ihre Begründung. Der Trieb der Mittheilung, der Geselligkeit ist ihm angeboren, denn die Freuden des Lebens mag er allein nicht genießen; der schöne, erhabene Beruf der Freundschaft ist, die trüben Tage der Erdenpilgerschaft zu verklären. Jeder Bessere kennt eine solche Freundschaft, in dem Leben eines Jeden, auch des Freudenärmsten, glänzte ein Augenblick, wo er mit dem würdigen Sänger der Urania ausrufen mußte:

Getheilte Freud' ist doppelt Freude,

Getheilter Schmerz ist halber Schmerz!

Aber ein Höheres gibt es, wonach die heilige Sehnsucht entflammt, die Liebe! In dieser Sehnsucht erst, die ungekannt, unverstanden das Herz durchglüht, in ihr erst schließt eine neue Welt, ein lichteres Ziel, ein geläutertes Dasein dem Menschen sich auf; ein Ideal erblüht in unentweihter Tiefe und Klarheit und an das Eine sein ganzes Leben, die ganze Welt seiner Wonne, seines Schmerzes zu ketten mit einem Bande der süßesten, aber auch der heiligsten und dauerndsten Vereinigung, drängt es ihn allgewaltig. Der Glaube, die reine Naphtaflamme des Gemüths, die dankbare Regung, die eine gnädige Vorsicht tief im Herzen nährt, der Glaube, der Anker aller Hoffnungen und aller Stürme im Ocean des Lebens, der Glaube knüpft jenes Band. Es ist des Lebens wichtigster, entscheidendster Moment, wenn die Gefühle, die Wünsche, die Schwüre zweier Herzen, die sich in Liebe fanden, um vereinigt einer dunkel verhüllten Zukunft entgegen zu gehen, in einem Hauche auf die [274] Lippen treten, und das Wort »Ewig!« mit der unendlichen Schwere seiner Bedeutung für ein ganzes, weites, unbekanntes Dasein, in welches der Laut hinüberhallt, ausgesprochen wird. – Die Liebe, welche einen solchen Bund schließt, muß nothwendig, wenn sie die Zwecke der Erreichung dieses Bundes verbürgen soll, eine vollkommene sein, sie muß sich nicht nur auf einzelne Uebereinstimmung, sondern auf durchgängige wesentliche Gleichheit stützen. Achtung und Vertrauen, Achtung für den Gegenstand der Liebe, Vertrauen auf die Liebe selbst müssen die Grundpfeiler der Neigung sein; eine solche Liebe, die außerdem sich selbst das redliche Geständniß ablegen kann, in sich selbst das höchste Ziel gefunden zu haben, ist die wahre Liebe, dieses Ziel aber eine Gemeinschaft für die Ewigkeit, eine Vereinigung für alle Verhältnisse, alle Schicksale. – Es ist eine der schönsten Perlen in der Strahlenkrone christlicher Wahrheiten die Bestimmung, daß die Ehe der erhabenste, der einzige weibliche Beruf sei und ihren höchsten Zweck in der Verschmelzung der Eigenthümlichkeiten beider Geschlechter zu dem Einklange begründe, den das Band der Ehe vermittelnd und austauschend hervorbringt. – Eine geistreiche Schriftstellerin (K. v. Woltmann) sagt darüber: »Durch den Bund der Ehe gewinnt der Mann Theil an der Zartheit, Nachgiebigkeit, Beweglichkeit des weiblichen Wesens, das Weib Theil an der Kraft des Mannes. Durch ihn erhält die Selbstliebe des männlichen Herzens eine natürliche Ausbreitung, die Liebe des Frauengemüthes natürliche Schranken. Der männliche Geist hellt das weibliche Gefühl auf, den weiblichen Sinn; er wird erwärmt und geläutert durch beide, gewinnt dem Leben neue Seiten ab durch sie. An der Tugend entzündet sich die Tugend, kleine Vorzüge ähnlicher Natur strömen zusammen zu großen Trefflichkeiten, Anlagen bilden, Mängel gleichen sich wechselsweise aus; das Verlangen des gegenseitigen Glücks, der gegenseitigen Vollkommenheit löst sie, welche der einzelne Mensch schroffer als seine Vorzüge zu behaupten pflegt, wie Schnee vor[275] Frühlingssonne auf, sie in fruchtbare Tugenden umzuwandeln!« – Darum ist dieß der höchste Zweck der Ehe, und darum ist der Mann in der Besonnenheit der Kraft, darum die Jungfrau in der Anmuth des Wesens, welches nur ein Ahnen sein und keinen Stempel annehmen soll, außer dem vorbereitenden, naturverwandten, das höchste Ideal, nach dessen Besitze jener und diese streben kann. Die Ehe ist es, die in der Brust des Menschen eine Welt voll nie geahnter Gefühle der Liebe, des Wohlwollens, der Hingebung, der Aufopferung hervorruft; sie ist es, in der das Weib als die bindende Kette der großen Gemeinschaft erscheint, welche die gesammte Menschheit umfängt. Nur als Gattin flicht sie die schönsten, die duftigsten Blüthen in den Lebenskranz des Mannes, nur als Gattin vermag sie sein Wesen zu einer Sonnenhöhe zu erheben, die ihn mit Muth, Zuversicht und Ausdauer stählt; nur so schafft sie ihm ein Doppelleben, dessen zweite Hälfte ihm die theurere, schönere ist, für deren Seligkeit ihm kein Opfer zu hart, kein Kampf zu schwer dünkt. Der Segen des Himmels schirmt und eine herrliche Bürgschaft, das Band, das Kindesliebe festigt, beglückt die Ehe, die aus Liebe und Vertrauen hervorgegangen ist: Es prüfe, wer sich ewig bindet,

Ob sich das Herz zum Herzen findet.

Doch wo es sich gefunden, da wird die Erde ein Tempel, die Natur ein Abglanz, das Leben eine blumige Reise selbst über Klippen und Abgründe hm. Die Liebe, die reine und aufopfernde, des Weibes in der Ehe ist kein Rausch mehr, keine Leidenschaft, sie ist Tugend, Religion:

Feindlich ist des Mannes Streben,

Mit zermalmender Gewalt,

Geht der Wilde durch das Leben,

Aber Zufrieden mit stillerem Ruhme

Brechen die Frauen des Augenblicks Blume,

Und Nähren sie wachsam das ewige Feuer

Schöner Gefühle mit heiliger Hand.

X.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 3. [o.O.] 1835, S. 274-277.
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