Mann, der

[52] Der Mann, des -es, plur. die Männer, Diminut. das Männchen, (im Plural auch wohl Männerchen,) Oberd. Männlein, welche Verkleinerungen aber nur in einigen Bedeutungen üblich sind. Es ist eines der ältesten Wörter nicht nur der Deutschen sondern aller Europäischen und vieler Asiatischen Sprachen. Es bedeutete,

I. Einen Menschen, ohne Unterschied des Geschlechtes, in welcher Bedeutung Man von des Kero Zeiten an vorkommt.

1. Überhaupt. Thaz uuort th' ist man uuorten, heißt es bey dem Ottfried, für, das Wort ist Mensch geworden. Fehes inti mannes, Menschen und Vieh, ebend. Parn manno sind[52] bey dem Kero Menschenkinder. Das alte Gothische Manna, das Angels. Man, Monn, Mon, das Bretagnische und Englische Mon, Man, das Wallisische Myn und Mon, das Dänische Mand, das Isländ. Madr, und andere mehr haben diese allgemeine Bedeutung gleichfalls noch. Ein Mann in den folgenden Bedeutungen hieß daher im Angels. Waerman, eine Jungfer Maedeman, und eine Frau Wifman, bey den ältern Schweden Quindismadr, und noch bey den heutigen Isländern Kuenman. So gar im Hoch-Malabarischen bedeuten Manden und Mander Menschen. Morhof, Ihre und andere haben weitläufig gezeiget, daß die zweyte Sylbe in den Lat. Homo, (bey den ältern Lateinern Hemon, Homon, Humon,) in humanus, nemo, und immanis, unmenschlich, nichts andres als unser Mann ist. Ho, Hu in Homo ist der alte morgenländische Artikel, welcher in nemo, niemand, dem alten Semo für Semihomo, und immanis, unmenschlich, wieder weggefallen ist. Im Deutschen ist es in dieser Bedeutung veraltet, seit dem das davon abgeleitete Mensch üblicher geworden ist. Indessen sind doch noch das unbestimmte Fürwort man, und die Zusammensetzungen jedermann, niemand, jemand, und vielleicht auch männiglich, Beweise davon. Auch Kundmann, Währmann und einige andere Zusammensetzungen dieser Art, werden von beyden Geschlechtern gebraucht. Zwar gibt es noch verschiedene Fälle, wo das Wort Mann menschliche Individua beyderley Geschlechtes bezeichnet. Der gemeine Mann, gemeine Leute beyderley Geschlechtes. Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, Jac. 1, 1, 3. So jemand ist ein Hörer des Wortes und nicht ein Thäter, der ist gleich einem Mann u.s.f. V. 23. In welchem Falle es nur im Singular allein üblich ist. Allein es scheinet hier vielmehr eine Figur der folgenden zweyten Hauptbedeutung zu seyn, weil das männliche Geschlecht von je her als der vornehmste Theil des menschlichen angesehen worden.

2. In engerer Bedeutung, eine Person, gleichfalls nur im Singular allein, und nur noch in einigen Redensarten des gemeinen Lebens und der vertraulichen Sprechart. Die Heirath ist durch den dritten Mann verabredet worden, durch die dritte Person, auch wenn sie weiblichen Geschlechtes ist. Es fehlet uns zum Spiele noch der dritte Mann, die dritte Person. Soll ich in dem Streite den dritten Mann abgeben? kann auch ein Frauenzimmer fragen. Eine Waare an den Mann bringen, sie verkaufen. Wenn die Noth an den Mann geht. Ich kenne meinen Mann, die Person, mit welcher ich zu thun habe. Die ganze weibliche Gesellschaft beschloß Mann für Mann, es nicht zu bewilligen, einmüthig. Ich halte mich an meinen Mann, an die Person, von welcher ich es empfangen oder erfahren habe. In welchen und andern ähnlichen Arten dieses Ausdruckes das Wort entweder gleichfalls noch ein Überbleibsel der vorigen allgemeinen Bedeutung, oder auch eine Figur der folgenden engern Bedeutung ist, wenigstens in denjenigen Fällen, wo sich ein Nebenbegriff der Herzhaftigkeit, Gegenwehr u.s.f. mit einschleicht; wie in den Ausdrücken, er wird schon seinen Mann an mir finden, an den unrechten Mann, an den rechten Mann kommen u.s.f.

II. Mit dem Nebenbegriffe der Stärke, der Herzhaftigkeit, Tapferkeit, des gesetzten Muthes und Betragens.

1. Eine Person männlichen Geschlechtes, in der weitesten Bedeutung ohne Unterschied des Alters; im Gegensatze des Wortes Frau in seiner alten weiten Bedeutung. Ottfried nennt Christum, da er als ein Knabe in dem Tempel war, den liobon man. Das Bretagnische und Wallisische Man, Mon, Myn, das Ulphilanische Manna, das Isländ. Madr, das Angels. Man, Mon, das Engl. Man haben gleichfalls diese Bedeutung. Daß[53] das Lat. Mas nur in der Ableitungssylbe verschieden ist, erhellet aus dem Finnländ. Mies, Esthländischen Mes und Russischen Musch, welche gleichfalls diese Bedeutung haben, welches s in Maris, Maritus, maritare in das verwandte r übergehet. Im Deutschen ist es in dieser weitesten Bedeutung wenig mehr gebräuchlich, indem man dafür Mannsperson oder von vornehmen Personen Herr gebraucht. Es waren drey Mannspersonen in der Gesellschaft (im gemeinen Leben auch wohl drey Männer) und vier Frauenspersonen, oder Frauenzimmer; von Vornehmern, drey Herren und vier Frauenzimmer oder Damen. Doch pflegt man wohl noch im Scherze Kinder männlichen Geschlechtes im Diminutivo Männchen zu nennen.

Eben dieses Diminut. Männchen, Oberd. und in der edlern Schreibart der Hochdeutschen Männlein, wird in noch weiterm Verstande auch von Thieren gebraucht, ein Individuum des männlichen Geschlechtes derselben zu bezeichnen, im Gegensatze des Weibchen, wofür im gemeinen Leben die Ausdrücke Er und Sie und von Vögeln Hahn und Henne, oder Hahn und Sieke üblich sind. Am häufigsten gebraucht man es von kleinern Thieren, oder von Thieren überhaupt, ohne Rücksicht auf ihre Größe. Und du sollt in den Kasten thun allerley Thiere und von allem Fleisch, je ein Paar, Männlein und Fräulein, 1 Mos. 6, 19. Von größern Thieren gebraucht man es nicht gern mehr, weil die meisten derselben eigene Nahmen haben, oder doch durch die männliche und weibliche Endung unterschieden werden können. So wird man für 2 Mos. 12, 5: ihr sollt aber ein solch Lamm nehmen, da kein Fehler an ist, ein Männlein und eines Jahres alt, lieber sagen, ein Böckchen oder Bocklämmchen. Auch von menschlichen Individuis ist es in dieser Bedeutung nicht mehr üblich. Der Tag müsse verloren seyn, da ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: es ist ein Männlein empfangen, Hiob 3, 3; wofür es bey Michaelis dem heutigen Sprachgebrauche gemäßer heißt: es ist ein Sohn empfangen. Ingleichen 1 Mos. 1, 27: und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, – und er schuf sie ein Männlein und Fräulein; und Gott schuf den Menschen – einen männlichen und eine weiblichen Geschlechtes, Michael. S. Entmannen.

2. In engerer Bedeutung, eine Person männlichen Geschlechtes nach zurück gelegtem Jünglingsalter, da sie ihr völliges Wachsthum, ihre völlige und beste Stärke erlangt hat.

1) Überhaupt, zum Unterschiede von einem Knaben und Jünglinge. Dreyßig Jahr ein Mann, d.i. im dreyßigsten Jahre ist ein menschliches Individuum männlichen Geschlechtes ein völliger Mann, ob man gleich das männliche Alter schon von dem zwanzigsten Jahre an zu rechnen, und eine männliche Person zwischen dem 20sten und 30sten Jahre wenigstens aus Achtung gleichfalls schon einen Mann, oder doch einen jungen Mann zu nennen pflegt. Ein ehrlicher, rechtschaffener Mann. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind – da ich aber ein Mann ward, thät ich ab was kindisch war, 1 Cor. 13, 11. Ein kluger, erfahrner, gelehrter, geschickter Mann. Ein frommer, tapferer Mann. Ein alter, betagter Mann. Ein vornehmer, ansehnlicher Mann. Ein armer Mann. Ein Mann von Geschäften, ein Hofmann, Landmann u.s.f. So wird der Mann von Geschmacke in den Künsten ein Mann von Lebensart, Gell. Ein armer Mann, ein gemeiner Mann. Sich Mann für Mann schlagen. Es wird in dieser Bedeutung bald ohne allen Nebenbegriff gebraucht, bald mit einem Nebenbegriffe der Achtung, der Würde, bald aber auch mit einem verächtlichen Nebenbegriffe, oder doch dem Nebenbegriffe des Gemeinen. Wenn man z.B. sagt, es ist ein fremder Mann draußen, so bezeichnet man damit eine männliche Person geringern[54] Standes; indem man eine bessern Standes lieber eine fremde Mannsperson, und eine vornehmern Standes einen fremden Herren nennet.

Das Diminut. Männchen, Oberd. Männlein, gebraucht man in der vertraulichen Sprechart theils von einem Manne von kleiner Statur, theils aus vertraulicher Zärtlichkeit von einem lieben werthen Manne; dagegen der verkleinernde Plural Männerchen gemeiniglich nur aus Verachtung gebraucht wird.

Hierher gehören auch noch einige figürliche Arten des Gebrauchs. Der alte Mann ist im Bergbaue das ausgehauene und wieder mit Schutt voll gefüllte Feld. Den alten Mann finden, auf den alten Mann kommen, wenn man in ein solches Feld geräth. In den alten Mann bauen, in den ehedem weggestürzten Schutt bauen. Der arme Mann ist gemeinen Leben einiger Gegenden in Butter geröstetes Brot, vermuthlich weil es von armen Leuten anstatt des Fleisches gegessen wird; dagegen bey den Müllern das Diebesloch, wohin sie das entwendete Getreide zu stecken pflegen, das arme Männchen genannt wird. Der Hase, das Kaninchen macht ein Männchen, wenn sie sich auf die Hinterbeine setzen, wo es ein Überbleibsel der ersten allgemeinen Bedeutung eines Menschen zu seyn scheinet. Bey den Buchdruckern wird ein Buch Männchen auf Männchen abgedruckt, wenn ein schon gedrucktes Buch aufs neue so abgedruckt wird, daß die Seiten und Spalten beyder Auflagen genau auf einander treffen, wo es aber zu einem andern Stamme zu gehören scheinet; so wie im Bergbaue, wo der silberne Mann ist, wenn durch die Zusammenkunft mehrerer Gänge ein weiter reichhaltiger Raum, oder wie man auch sagt, ein Bauch entstehet, wo es zu dem Geschlechte des Wortes Mund und Mand zu gehören scheinet. Bey den Jägern heißt der geschränkte Gang des Hirsches, welchen er nur nach erreichtem völligen Wachsthume hat, der volle Mann, oder der volle Schrank, entweder so fern Mann hier figürlich einen ausgewachsenen Hirsch bedeutet, oder auch von dem alten mahnen, ziehen, führen, (S. dieses Zeitwort,) so daß Mann hier den Gang oder Schritt bedeuten würde. In der Seefahrt heißt ein Schiff, welches vor einem andern segelt, dessen Vormann, so wie das Schiff, welches hinter dem andern segelt, der Hintermann oder letzte Mann genannt wird; da es denn im Plural die Männer hat. Ja man hat Spuren, daß Mann ehedem auch überhaupt ein Ding bedeutet habe, S. Haarmann. Im mittlern Lateine ist Mannus ein Pferd.

2) In engerer Bedeutung, wo der Nebenbegriff der Stärke, des Muthes, der Tapferkeit auf eine herrschende Art hervor sticht.

(a) Ein ernsthafter, gesetzter Mann, ein Mann von entschlossenem Muthe und gesetztem Betragen. Ein großer Mann, ein solcher Mann von großen Verdiensten, der nicht eben ein großer Herr seyn darf, so wie große Herren nur selten große Männer sind. David sagte zu seinem Sohne Salomo: ich gehe hin den Weg aller Welt. So sey getrost und sey ein Mann, 1 Kön. 2, 2. Ein Mann der alles so kaltblütig dulden kann, ist in meinen Augen kein Mann. In dem Schooße des Glückes ist noch selten ein Mann erzogen worden, Dusch. Bin ich nicht Mannes genug, ihm einmahl alles zu ersetzen? Less. in welchem Verstande auch mehrere Personen in der einfachen Zahl sagen können, sind wir nicht Mannes genug, u.s.f. Ich bin dir Mann dafür, d.i. stehe dafür, leiste dafür Gewähr, Bürgschaft; in welchem Falle der Plural gleichfalls nicht üblich ist.


Zu viel! Fast sank der Mann zum feigsten Wurm in mir,

Weiße.


O weiche Söhne tapfrer Franken, sprechet

Helvetien um Männer an!

Raml.


[55] S. Männlich, Ermannen, Übermannen. Ehedem bedeutete es auch einen ehrlichen, so wie Unmann einen ehrlosen Mann; daher noch die R.A. ein Wort, ein Wort, ein Mann, ein Mann, d.i. ein ehrlicher Mann hält sein Wort.

(b) Ein tapfrer Mann, eine Bedeutung, welche ehedem üblicher war, als sie es jetzt ist. Schwed. Man. Sie ist, so fern sie von der vorigen Bedeutung noch unterschieden ist, nur noch in einigen einzelnen R.A. übrig, in welchen es größten Theils nur allein im Singular vorkommt. Er wehrte sich als ein Mann. Sie wehrten sich als Männer. S. Mannhaft. Sie stehen alle für Einen Mann. Ich stehe meinen Mann, d.i. ich werde mich möglichst tapfer vertheidigen; bey dem Opitz, seinen Mann wehren:


Also ritterlich

Ich meinen Mann gewehrt.


In noch engerer Bedeutung bezeichnete es ehedem einen Ritter, ingleichen einen adeligen Vasallen, der sein Lehen durch Kriegsdienste verdienen mußte; in welchem Verstande es in den mittlern Zeiten sehr häufig vorkommt, da es denn im Plural nach Oberdeutscher Art Manne hatte. Die Churfürsten führeten zu diesen Zeiten mehrmahls den Nahmen der Reichsmanne. Nachmahls gebrauchte man es von einem Lehensmanne und Vasallen, so wie das Schwed. Man, und mittlere Lat. Homo, und dessen Ableitungen Homagium und Hominium. Ja endlich wurde ein jeder Knecht und Leibeigener ein Mann genannt, in welchem Verstande man jetzt noch zuweilen die Wörter Kerl und Leute gebraucht. Das Latein. Homo und Griech. ανθρωπος wurden auf eben dieselbe Art gebraucht, und dem Hesychius zu Folge bedeutete μανα bey den ältern Griechen einen Knecht.

(c) Ein Soldat, ein streitbarer Mann, als eine Fortsetzung der vorigen Bedeutung, in Rücksicht entweder auf die Tapferkeit, oder auf die Dienstleistung, wenn es anders hier nicht die bloße Bedeutung der Person hat. Es wird in diesem Verstande sehr häufig von gemeinen Soldaten gebraucht. Das Regiment hat in der Belagerung nicht einen Mann verloren. Einen Mann stellen. Wenn es ein Zahlwort vor sich hat, bleibt es im Plural unverändert, so wie Pfand, Loth, Jahr, Maß, Faß u.s.f. Zwanzig tausend Mann zu Fuß, 1 Chron. 19, 4. Vierzig tausend Mann zu Fuß, Kap. 20, 18. Es sind nicht mehr als sechs Mann geblieben. Das Regiment stehet drey Mann hoch. Die Compagnie hat hundert und zehen Mann. So auch mit zählenden Beywörtern. Mit wie viel Mann kamen sie? So viel Mann haben in dem Dorfe nicht Raum.

Der Plural Männer ist in dieser Bedeutung nicht üblich, sondern man gebraucht dafür, wenn er stehen sollte, das Wort Leute; woraus zu erhellen scheinet, daß Mann hier so viel als einen Knecht bedeutet, welches Wort ehedem in diesem Verstande gleichfalls üblich war.

Die obige Art des Ausdruckes mit dem Oberdeutschen Plural Mann und einem Zahlworte ist nicht bloß von Soldaten üblich, sondern überhaupt von männlichen Personen, wenn sie in einer gewissen Ordnung da sind oder handeln, besonders von männlichen Personen geringerer Art, z.B. von Bürgern, bey bürgerlichen Aufzügen, im Jagdwesen, von Arbeitsleuten u.s.f. Die Bürger gingen sechs Mann hoch, d.i. es gingen ihrer sechs in jeder Reihe. Mann bey Mann, einer an dem andern. Den Stein konnten zehen Mann kaum bewegen. Zu dieser Arbeit sind sechs Mann hinlänglich. Es scheinet, daß hier die allgemeine Bedeutung eines Menschen oder einer Person zum Grunde liege. S. Bemannen.

(d) Ein Reiter, nur in einigen Arten des Ausdruckes, im Gegensatze seines Pferdes; wo gleichfalls die allgemeine Bedeutung[56] eines Menschen hervor zu stechen scheinet. Wenigstens ist der Plural Männer auch hier nicht üblich. Mann und Roß hat er ins Meer gestürzt, 2 Mos. 15, 21. Das Pferd hat seinen Mann abgeworfen. Von der ganzen Eskadron ist weder Mann noch Pferd davon gekommen.

3) In einer andern Einschränkung bedeutet Mann einen Ehemann, eine verheirathete Person männlichen Geschlechtes, im Gegensatze der Frau oder des Weibes. Bey dem Ottfried schon Man, im Schwed. Man, im mittlern Lat. Homo. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, und an seinem Weibe hangen, 1 Mos. 2, 24. Dein Wille soll deinem Manne unterworfen seyn, Kap. 3, 16. Einen Mann nehmen, haben, bekommen. Seiner Tochter einen Mann geben. Die Frau ist ihrem Manne entlaufen. Freylich bist du älter als deine Schwester, und solltest auch eher einen Mann haben, Gell. Es ist in diesem Verstande besonders so wohl in der ernsthaften Schreibart, als auch im gemeinen Leben und im vertraulichen Umgange üblich. Wenn man Ursache hat mit Achtung zu sprechen, so gebraucht man dafür im gemeinen Leben das Wort Liebster, in der anständigern Sprechart Gatte und Ehegatte, und von vornehmern Personen Gemahl. Siehe Mannbar.

Im Scherze wird es auch wohl von Thieren männlichen Geschlechtes gebraucht. Seht wie der Mann der Herde den Morgen fühlt, Haged.

Anm. 1. Fast in allen den Bedeutungen, in welchen jetzt dieses Wort gebraucht wird, war ehedem auch das Wort Kerl üblich. Das weibliche Hauptwort Männinn S. an seinem Orte besonders.

Anm. 2. Die meisten der obigen Bedeutungen kommen auch in den Zusammensetzungen vor, wo dieses Wort, wenn es voran stehet, bald Mann – bald Manns – bald aber auch Männer – lautet. Die meisten Zusammensetzungen der mittlern Art sind niedrig. In den meisten Fällen, wo Mann hinten stehet, bedeutet es eine Person männlichen Geschlechtes, besonders eine erwachsene Person dieser Art, welche durch die erste Hälfte näher bestimmt wird, da denn das Fämininum am häufigsten auf -frau in einigen auch auf -männin gemacht wird, S. Männinn. In einigen wenigen ist die allgemeine Bedeutung eines Menschen noch vorhanden, wie in Kundmann, welches daher auch von beyden Geschlechtern gebraucht wird. Noch mehrere, welche aber nur im gemeinen Leben üblich sind, bedeuten eine männliche Person, welche mit etwas handelt; wie Obstmann, Holzmann, Kräutermann, Biermann u.s.f. Im Schwed. bedeutet es auch eine wirkende Ursache; Saramadr, derjenige, welcher verwundet.

Anm. 3. Der Plural dieser mit -mann zusammen gesetzten Wörter hat einige Schwierigkeiten, indem einige männer, andere -leute, und noch andere beydes zugleich haben. Ein Paar allgemeine Regeln werden hoffentlich auf die meisten Fälle passen. 1) Wo Mann einen Ehemann bedeutet, hat es im Plural nur allein Männer; Ehemänner, Tochtermänner, Wittmänner. 2) Der Plural auf -leute ist niedrig, zeigt wenigstens einen Mangel der Achtung an, daher man ihn nur von geringern Personen gebraucht, oder von solchen, denen man keine Achtung schuldig zu seyn glaubt, so wie man im gegenseitigen Falle ihn lieber auf -männer macht. Arbeitsleute, Bettelleute, Landleute, Edelleute, Fuhrleute, Kaufleute, Spielleute, Dienstleute, Zimmerleute, Miethleute, Schiedsleute, Schiffleute, Steuerleute, Bergleute, Hofleute, Lehensleute, Amtleute, Hauptleute u.s.f. Ist Achtung nöthig, wird man alle Mahl lieber Amtmänner, Hauptmänner, Landmänner,[57] Kaufmänner, Schiedsmänner, Steuermänner, Hofmänner, Lehensmänner u.s.f. sagen. Nur Edelmänner ist nicht üblich, welches Wort aber auch im Singular niedrig ist. In der Schweiz unterscheidet man die Landmanne, (der Oberdeutsche Plural für Landmänner,) oder die vornehmen Vasallen auf dem Lande, von den geringern Landleuten. Hierzu kommt noch, daß Leute als ein Collectivum kein bestimmtes Zahlwort vor sich leidet, daher, wo solches nöthig ist, auch der Plural auf -männer erfordert wird. Drey Lampenmänner, vier Bettelmänner, sechs Fuhrmänner. 3) Wenn zugleich der Nebenbegriff der Gesetztheit, der reifen Erfahrung, der Herzhaftigkeit mit eintritt, so lautet der Plural -männer. Staatsmänner, Kriegsmänner, Biedermänner, Rathsmänner oder Rathmänner, (Rathsleute ist gar nicht üblich,) u.s.f. 4) Leute ist unbestimmt, und bezeichnet so wohl Personen männlichen als weiblichen Geschlechtes. Ist daher eine Zweydeutigkeit zu besorgen, so macht man den Plural, wenn nur allein das männliche Geschlecht bezeichnet werden soll, auf -männer; Handwerksmänner, Miethmänner, Hausmänner, Trödelmänner u.s.f.

Anm. 4. Da in den meisten Bedeutungen dieses alten Wortes der Begriff der Stärke, des Muthes so deutlich hervor sticht, so haben die meisten Sprachforscher dasselbe von unserm Zeitworte mögen, Schwed. må, abgeleitet. Einige Oberdeutsche, z.B. die Steyermärker, sprechen Mann nur Ma aus, mit einem hellen a. Im Wendischen ist premaga praevalere, Motsch die Macht, und Mosch ein Mann, welches letztere mit dem Lat. Mas überein kommt. Hierzu kommt noch, daß im Hebr. ein Mann Geber heißt, gleichfalls von גבר, stark; anderer zu geschweigen. Für die engern Bedeutungen ist diese Ableitung sehr wahrscheinlich, weil der Mann der stärkere Theil des menschlichen Geschlechtes ist, obgleich Wachter es umkehret, und mögen, Macht, von Mann abstammen lässet. Nur in Ansehung der weitern Bedeutung eines Menschen will sich diese Abstammung nicht schicken. Denn glauben, die ersten Erfinder der Sprache hätten den Menschen um deßwillen Mann genannt, weil er das mächtigste unter den sichtbaren Geschöpfen ist, das hieße bey diesen rohen, ganz der sinnlichen Natur überlassenen Leuten, mehr Abstraction und Überlegung voraus setzen, als man mit Rechte bey ihnen voraus setzen kann. Mir scheinet es sehr wahrscheinlich, daß Mann und dessen Abkömmling Mensch zu dem Worte mein gehöret, oder vielmehr, daß es eigentlich eben dasselbe Wort ist. Mein, Persisch men, Griech. εμος, bey den ältern Lateinern mis, ist ein uraltes von der Natur selbst gelehrtes persönliches Fürwort, womit ein jeder sein eigenes Individuum bezeichnet, und welches so viel als ich bedeutet, ob es gleich jetzt nur noch in der zweyten Endung meiner üblich ist. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der bloß sinnliche erste Mensch, welcher die Sprache erfand, wenn er andere Individua seiner Art bezeichnen wollte, ihnen den Nahmen werde gegeben haben, mit welchem er sein eigenes Individuum ausdruckte, und so ward aus min, mein, Mann und endlich Mensch. Übrigens wurde dieses Wort ehedem häufig statt der männlichen Ableitungssylbe -er gebraucht; Betoman, Ottfried für Anbeter, und noch jetzt sagt man Kaufmann und Käufer, Handwerksmann und Handwerker, Kriegsmann und Krieger u.s.f. Der Plural lautet im Oberdeutschen, dieser Mundart gemäß, Manne für Männer. Das Wort Mansen, welches Stosch für einen besondern Plural von Mann hält, ist ein eigenes Hauptwort, S. Mannsen.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 52-58.
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