Homer

[338] Homer, das Heldenbuch der Hellenen, dessen 2 auf uns gekommene Hauptgesänge, die Iliade u. Odyssee, die größte nationale Unternehmung der griech. Vorzeit, die 10jährige Belagerung und die Zerstörung des asiat. Troja, die Tugenden und Schicksale der Helden und die Götter verherrlichen, welche als verkörperte Idole des griech. Volksgeistes im unmittelbarsten Verkehr mit den Menschen leben. Mit vollem Rechte lassen Polybius u. Strabo dieser Heldensage Wahres zu Grunde liegen, doch der histor. Kern und geschichtl. Verlauf ist so unbekannt, daß Neuere dahin kommen konnten, zu vermeinen, es handle sich in der Ilias um eine Mondsfinsterniß od. um den Kampf des Winters gegen die Erde, in der Odyssee um ein Erdbeben, die Helden seien Seeräuber, Odysseus ein bankerotter Kaufmann u. dgl. gewesen. Nicht minder unbekannt ist der Dichter H. selber, der zwischen 1000–900 v. Chr. gelebt haben und ein wandernder Sänger (Rhapsode) gewesen sein mag. Wie noch heute in Servien die Person der [338] Volksdichter wenig gilt, die Volksgesänge gleichsam als Naturproducte betrachtet werden u. von ein u. derselben Welt- und Lebensanschauung durchweht sind, ähnlich verhält es sich mit H. und den h.ischen Gesängen. Erst in späterer Zeit stritten sich 7 Städte (Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Argos. Athen), von denen Smyrna u. Chios die meisten Ansprüche haben, um die Ehre, Geburtsort des H. gewesen zu sein und lieferten die Schriftsteller eine Menge Notizen über H. Gewiß aber bleibt, daß die h.ischen Gesänge für die Hellenen annähernd die Bedeutung einer Bibel erlangten, den meist uneinigen Völkerschaften Jahrhunderte hindurch die Erinnerung an gemeinsame Abstammung und an die Heldenthaten der Väter auffrischten u. daß sie endlich eine unerschöpfliche Quelle für spätere Dichter u. Schriftsteller blieben. Ferner hat die neuere Forschung seit F. A. Wolf immer überzeugender dargethan: 1) die beiden Heldengedichte seien ursprünglich kein Ganzes gewesen, sondern hätten sich aus einzelnen Volksgesängen nur allmälig zu einem Ganzen gestaltet; sie seien von der Zeit des Pisistratus an bis auf Zenodot gesammelt, geordnet u. erweitert u. von den alexandrin. Grammatikern, namentlich von Aristarch, in ihre gegenwärtige Gestalt gebracht worden; 2) beide entbehrten der Einheit; in der Iliade sei die eigentl. Einheit, der Zorn des Achilles mit Episoden zusammenhanglos umwoben (z.B. der Schiffskatalog im 2. B.), beide seien an geleimten Fugen n. Widersprüchen reich; 3) die Iliade sei von einem andern u. ältern Dichter als die Odyssee, jene, wie Göthe schrieb. ein kriegerisches, diese ein bürgerliches Gedicht. das sogar den Bettler in seinen Lumpen veredle. – Ueber andere Gedichte des H. s. Homeriden. – Schon bei den Alexandrinern wurde kein Dichter fleißiger bearbeitet als H., ihre Scholien sammelte Villoison, Venedig 1788; der beste Commentator des Mittelalters war Eustathius (s. d.); gute Wörterbücher zu H. sind die alten von Seber und Damm, die besten Ausgaben die 1. von Chalcondylas, Florenz 1448, spätere von Clarke, Ernesti, Villoison, F. A. Wolf: Heyne, Baumgarten-Crusius, die neueste von Fäsi (Leipz. 1850. 2. Aufl. 1852); die Einzelausgaben sammt lat. u. deutschen Uebersetzungen sind unübersehbar; von letztern nennen wir die von H. Voß, sowie die prosaische von Zauper (3. Aufl. Prag 1852–54) und die neueste von Minckwitz (Leipzig 1854 ff.).

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1855, Band 3, S. 338-339.
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