Baumwolldruck

[589] Baumwolldruck fleht in einem gewissen Gegensatz zur bedeutend älteren Glattfärberei, sofern er dazu bestimmt ist, eine oder mehrere Farben nach einem gegebenen Muster über Garne (s. Flammieren), hauptsächlich aber über Gewebe stellenweise zu verteilen, während der Baumwollgarn- und -stückfärberei (s.d.) die Aufgabe zufällt, auf der Oberfläche des Stoffs eine einzige,[589] durch kein Weiß oder sonstige Farbtöne unterbrochene, gleichmäßige, glatte Farbe herzustellen.

Der Baumwolldruck begann im Abendland mit dem Wachs- oder »Porzellandruck«, den die Franzosen in ihren ostindischen Kolonien vorfanden und im 17. Jahrhundert benutzten, um zunächst den weißblauen Leinenartikel zu erzeugen. Das Leinengewebe wurde anfänglich mit einer in der Hauptsache aus Wachs bestehenden Schutzmasse oder Reserve (s. Reservage) bemalt und dann in lauwarmer Waidküpe blau gefärbt, wobei die mit Wachs bedeckten Stellen keine Farbe annahmen und nach Entfernung des Wachses »porzellanweiß« erschienen. Das Verfahren wurde gleichzeitig auf die ebenfalls aus dem Orient eingeführte Baumwolle übertragen und nicht bloß in der Indigo-, sondern auch in der Krappfärberei benutzt, um dieselben weißen Figuren in braunem, schwarzem oder rotem Grund zu erhalten. Diese primitive Fabrikation besteht heute noch im Orient und wird sogar von europäischen Druckereien zu imitieren versucht. Die Frauen der Malaien zeichnen mit kunstfertiger Hand die Reserven für ihre Batticks (Hüften- und Kopftücher) in Form eines geschmolzenen Gemenges von Wachs und Harz auf das Baumwollgewebe, wobei sie die flüssige Masse aus einem kleinen, warmen Topf mit hervorstehender Schnauze auf den Stoff auftragen. Nach dem Trocknen der Wachsreserve an der Luft werden die Baumwollstoffe in Indigo, Katechu oder Krapp gefärbt, dann in Aschenlauge gekocht, um das Wachs zu entfernen und das Weiß unter ihm erscheinen zu lassen. Wie die französischen Handdrucker im 17. Jahrhundert für ihren Porzellandruck bald den ebenfalls dem Orient entlehnten Holzmodel einführten, so benutzen die Malaien, wenn sie die Muster nicht in angegebener Weise aufmalen, einen aus China flammenden Model, um ihre Batticks von Hand zu drucken (Battickdruck). Es ist leicht begreiflich, daß dieser Druck in jeder Beziehung unvollkommen ist, aber die heutigen Druckereien der Schweiz und Hollands, die der Industrie der Eingeborenen auf dem Markt des Malaiischen Archipels Konkurrenz machen, sind gezwungen, die Unvollkommenheiten mit ihren modernen Verfahren möglichst treu nachzuahmen, wenn sie für ihre Batticks im Osten Abnehmer finden wollen. In Holland hat man zu diesem Zweck sogar direkt auf den sonst völlig aufgegebenen Walkdruck zurückgegriffen. Noch auf eine andre Weile wurden und werden von den Färbern des Ostens plumpe Druckeffekte erreicht. Sie pressen oder binden die aufgerollten Baumwolltuche an einzelnen Stellen fest zusammen und gehen dann mit ihnen in die Farbflotte (meistens Indigoküpe), wo sich die unterbundenen Stellen nicht oder unvollkommen anfärben. Auch diese primitive Druckerei hat in europäischen Fabriken Nachahmer gefunden, und es ist sogar einem Engländer (D.V. Hulme in Sulford) ein Apparat patentiert worden, um derartige grobe, unregelmäßige, geschmierte oder gekleckste Muster für den Markt im fernen Osten naturgetreu herzustellen. – Nachdem die Franzosen den Modeldruck eingeführt und angefangen hatten, außer der Wachsreserve auch verdickte Beizen auf Leinwand und Baumwolle aufzudrucken und im Krappbade bunt auszufärben, war der Grund für eine ansehnliche Druckindustrie in Frankreich gelegt. Da trieb die Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) eine Menge Flüchtlinge ins Ausland, darunter manche Industrielle, die mit der Kunst des Leinwand- und Baumwolldrucks vertraut waren. So entstanden die Baumwolldruckereien in Neufchâtel (1689), Richmond (1690), ferner in Bromley Hall, Essex, Surrey und in Augsburg (1698). Mit dem Anfang des 18. Jahrhunderts erhielt sodann der Baumwolldruck, vornehmlich der Blaudruck, durch Einführung des wiederum aus Indien flammenden Pinselblau oder Schilderblau und durch die zufällige Erfindung des Berlinerblau (1704) eine wesentliche Bereicherung. Aber von weit größerer Bedeutung für den Blaudruck und die Blaufärberei der Baumwolle war die um die Mitte desselben Jahrhunderts bekanntgewordene kalte Vitriolküpe. Die bisherige Summe von Erfindungen, Verbesserungen und Erfahrungen in der gesamten Baumwollfärberei, die Echtheit, Dauerhaftigkeit und Vielseitigkeit des Fabrikats machten den gesamten Baumwollartikel immer beliebter, so daß der Reihe nach neue Druckereien errichtet wurden: in Berlin (1741), in Mülhausen i.e. die Indiennefabrik von Köchlin, Cabendzer und Dollfus (1746), in Bamber Bridge bei Preston (1764), in Augsburg die Schülesche Fabrik (1765), in Josefsthal-Kosmanos die Leitenbergersche Druckerei u.a.m. Das Jahr 1770 brachte dem seit 1754 begonnenen und ausschließlich mit Handdruckmodeln ausgeführten Tücheldruck die Plancheplatte als exakt arbeitende Vordruckmaschine. Dann folgte ein an wichtigen Entdeckungen und Erfindungen überreicher Zeitabschnitt. Beils Walzendruckmaschine, die 1785 in Lancashire eingeführt wurde, legte den Grund zum heutigen Rouleauxdruck. Anfangs der neunziger Jahre erhielt das giftige Pinselblau einen mehr als vollwichtigen Ersatz durch das Fayenceblau, das gleich dem etwas späteren (1805) Lapisartikel und dem ersten Aetzdruck (s. Aetzfarben) in englischen Fabriken eingeführt wurde. Während der für die deutschen und französischen Druckereien ungemein günstigen Zeit der Kontinentalsperre fanden diese englischen Errungenschaften der Reihe nach ihren Weg nach dem Festland. Hingegen wurde das Gegenstück des Aetzdrucks, das Reservieren von Küpenblau mit Hilfe von Kupferoxydsalzen, das zugleich als Ausgangspunkt für die andern Reservagen (s.d.) gelten kann, 1812 in Frankreich erfunden, während wiederum die dem amerikanischen Banknotendruck entlehnte Stahlmolette von einem Engländer in das Graveuratelier der Indiennefabriken übertragen wurde (1808). Der Bisterartikel (s. Manganbister), das Seitenstück des älteren Eisenchamois, ist eine Elsässer Erfindung aus dem Jahre 1815, in welches Jahr überdies die erste Anwendung des Cachous (in Augsburg) fällt. Damit war zugleich, nach Einführung des Chromkalis in die Druckerei (1819), der Grund für den später so wichtig gewordenen Chromartikel gelegt. Der Schüleschen Druckfabrik in Augsburg verdankt man ferner den ersten Dampfartikel (s. Dampffarben) auf Baumwolle (1820), nachdem die Befestigung von Farblacken auf schafwollenen Geweben, einige Jahre zuvor an verschiedenen Orten eingeführt, den Weg hierzu gewiesen hatte. Der baumwollene Dampfartikel erhielt sodann 1830 von Frankreich aus einen[590] Zuwachs durch die Albuminfarben (s.d.) und spielte nunmehr auf Kosten der echten Fabrikation längere Zeit eine große Rolle im Baumwolldruck. Unterdessen wurde (1826) in England das Fayenceblau vom Solidblau (s. Blaudruck) abgelöst und im gleichen Jahre auch das Aetzen von Küpenblau in Angriff genommen (s. Aetzfarben), woraus sich später ein wichtiger Zweig des Baumwolldrucks entwickelte. Von besonderer Wichtigkeit, vor allem für den gesamten Blaudruck, wurden um diese Zeit die Erfindungen mehrerer Modeldruckmaschinen, von denen die aus Frankreich (1834) flammende Perrotine (s. Druckmaschinen) große Verbreitung fand. Sie zeigte sich jedoch späterhin, als der Zug der Zeit mehr und mehr auf die Massenproduktion der Druckwaren gerichtet war, der Konkurrenz der älteren, rasch arbeitenden Rouleauxdruckmaschinen nicht gewachsen und ist fast nur noch in den Blaudruckereien im Gebrauch. Die längst in Angriff genommenen Krappstudien und die Versuche, den reinen Krappfarbstoff aus der Wurzel zu ziehen, führten zunächst zur Darstellung einer Anzahl von Krapppräparaten (s.d.), die dazu bestimmt waren, die Fabrikation des wegen seiner Echtheit beliebten Krappartikels zu vereinfachen und zu beschleunigen. Das erste im Handel vorkommende Krapppräparat kam 1839 in einigen nordfranzösischen Druckereien mit Erfolg zur Verwendung. Um dieselbe Zeit wurden in den chemischen Laboratorien auch die Ferrocyanverbindungen gründlich studiert, um die belle Zusammensetzung für ein Dampfblau auf Baumwolle zu finden. Eine Frucht der fortgesetzten Arbeiten war (1841) das Bleu de France (s. Dampffarben), das vermöge der Lebhaftigkeit und Reinheit seiner Nuance bis weit in die Zeit des Anilinblau hinein in den Farbküchen der Baumwolldruckereien sich zu behaupten verstand. Es beginnt nunmehr eine für die theoretische wie für die angewandte Farbenchemie gleich fruchtbare Zeit, in der die berühmtesten Namen und die bedeutendsten Laboratorien ihre Tätigkeit auf das Untersuchen der natürlichen und das Auffinden künstlicher Farbstoffe konzentrierten, die glänzende Zeit der Teerprodukte, der Anilinfarbstoffe (1857), des Anilinschwarz (1863), des Alizarins (1868), dem als letztes Krapppräparat das Extrait Pernod (1867) vorausgegangen war, und sämtlicher Alizarinfarbstoffe, zuerst 1876 das Alizarinorange. In welchem Maße gerade das Anilinschwarz und das Alizarin (letzteres namentlich seit dem Hinzukommen des Türkischrotöls 1875) die Musterkarten der Baumwolldruckereien umgewandelt und verschönert haben, wie sie die ganze Fabrikation vereinfacht, verbilligt, beschleunigt und echter gemacht haben, ist bei den betreffenden Kapiteln zur Genüge hervorgehoben worden. In den letzten Jahren hat die Chemie der Azofarbstoffe dem Baumwolldruck die neue, sensationelle Errungenschaft gebracht, die darin besteht, daß gewisse Azofarbstoffe, ähnlich und doch wieder grundverschieden vom Anilinschwarz, auf der Baumwollfaser entwickelt, also nicht fertig von den Farbenfabriken geliefert werden. Das sogenannte Entwicklungsverfahren hat in der Baumwolldruckerei und Färberei seit mehreren Jahren im großen Anwendung gefunden und wird sich für manche Artikel, bei denen es auf allseitige Echtheit nicht ankommt, dauernde Geltung verschaffen. Das auf der Baumwolle ohne Beize entwickelte Rot, Braun, Bordeaux u.s.w. ist samtweich im Vergleich zu den weniger glänzenden kompakten, mit Metallbeizen verkörperten Alizarinfarben.


Literatur: Witt, O.N., Chem. Technologie der Gespinstfasern, Braunschweig 1888. – Prometheus, Jahrgang 1891.

(Kielmeyer) R. Möhlau.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 589-591.
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