Blendgläser

[80] Blendgläser dienen zur Blendung der Fernrohrbilder bei Zielungen nach sehr intensiv beleuchteten Gegenständen, vor allem nach der Sonne.

Während man zum Betrachten der Sonne mit freiem Auge schon frühzeitig berußte und farbige Gläser benutzte, hat man bei Anwendung des Fernrohrs anfänglich sich mit den natürlichen Abschwächungen des Sonnenlichts durch Nebel, lichte Wolken, mächtige Luftschichten (bei tiefgehender Sonne) begnügt, und erst Scheiner, einer der ersten Beobachter der Sonnenflecken, hat farbige Blendgläser vor dem Objektiv angebracht. An Meßinstrumenten, die nur Horizontal- oder Höhenwinkel oder Positionswinkel für den Sonnenrand liefern sollen, ist diese Methode der Einschaltung farbiger Gläser jetzt die allein gebräuchliche; nur setzt man die Blendgläser wegen der Gefahr der Ablenkung des Lichtstrahls infolge eines kleinen prismatischen Fehlers des Glases bei diesen Instrumenten, d.h. beim Theodolit, Universalinstrument, den Durchgangsinstrumenten und den Spiegelinstrumenten (hier die eine Hauptblende), nicht mehr vor das Objektiv, sondern vor das Okular des Fernrohrs, indem man sie auf das gerade Okular einfach aufsteckt oder aufschraubt oder zum Vorklappen vor das Prismenokular einrichtet, vgl. die schematische Fig. 1. Wenigstens zwei verschieden dunkle Blendgläser zu haben, ist dabei zweckmäßig, vgl. Fig. 2. Ost sind auch vier, selbst sechs verschiedenfarbige und verschieden dunkle Blendgläser vorhanden, und zwar in einer Revolverblende vereinigt, vgl. Fig. 3 [1].

Die Farbe der Blendgläser ist vielfach grau (Rauchgläser); besser sind für Universalinstrumente u.s.w. blaue Gläser in verschiedener Tiefe oder auch dunkelgrüne Gläser; rote Sonnengläser sind für kräftigere Fernrohre auszufließen, weil sie zu viel Wärme strahlen durchlasen, wie denn auch bei Fernrohren größerer Instrumente die Oeffnung des Objektivs oft durch einen vorgesetzten, zentrisch durchbrochenen Schirm stark eingeschränkt werden muß, um zu große Erhitzung im Fokus des Fernrohrs zu vermeiden. An den Spiegelinstrumenten (s.d.) sind stets mehrere Blendgläser an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Farben vorhanden, zum Vorstecken oder Vorschrauben vor das Okular und zum Blenden jedes einzelnen der zwei Strahlen, die im Fernrohr vereinigt werden und die (meist) von verschieden intensiv beleuchteten Gegenständen ausgehen. Die Blendgläser sind meist licht- und dunkelgrün und licht- und dunkelrot; am Sextanten z.B. sind außer den verschieden starken Okularblenden, die beide Strahlen gemeinschaftlich dämpfen (übrigens in verschiedenen Beträgen, je nachdem das Fernrohr »hoch« oder »tief« geschraubt wird), solche Blendgläser vorhanden hinter dem nicht[80] belegten Teil des kleinen Spiegels zur Schwächung des direkten Strahls und zwischen dem kleinen und großen Spiegel zur Dämpfung des doppelt reflektierten Strahls. Diese Gläser müssen streng auf etwaige »prismatische Form« (nicht parallele Lage von Vorder- und Rückfläche) untersucht werden, oder man muß durch Drehung der Blenden in ihrer Fassung oder Umsetzung den Fehler eliminieren können. Sie haben die für Sextantenmessung wichtige Aufgabe, die zwei Bilder von (meist) sehr verschiedener Intensität des Lichts (z.B. Sonne und Mond) ungefähr auf dieselbe Helligkeit zu bringen. – Rote Blendgläser verwendet man oft auch zur Regulierung der Beleuchtung des Fadenkreuzes bei Sternbeobachtungen (vgl. den Art. Fadenkreuz, Beleuchtung) [2].

Auch für geodätische Instrumente sind Blendgläser in manchen Fällen nützlich, z.B. ist bei Ablesung auf einer grell von der Sonne beschienenen Nivellierlatte leichte blaue Abblendung vor dem Okular zweckmäßig; seiner wird bei der Winkelmessung im Netz I. oder II.O. das auf kurze Entfernungen (z.B. 15 oder 20 km) meist zu grelle Licht der Heliotrope neuerdings nicht mehr nach Verständigung mit dem Heliotropisten auf dem Zielpunkt, sondern am Theodolit auf dem Standpunkt geblendet, allerdings nicht durch Gläser, sondern durch vor das Objektiv gebrachte seine Musselingewebe; diese Blendung ist auch bei astronomischen Instrumenten im Gebrauch, besonders beim Heliometer (s.d.), wo verschieden enge »Gitter« vor die eine Hälfte des Objektivs vorgesetzt werden können.

Die letzte Bemerkung führt noch auf kurze Erwähnung der Vorrichtungen, die zur Dämpfung des Sonnenlichts bei Beobachtungen über die physische Sonnenoberfläche dienen, wobei es also u.a. auf Erhaltung der natürlichen Farben ankommt und wobei trotz genügender Blendung möglichst viele Einzelheiten auf der Sonnenscheibe sichtbar bleiben sollen, so daß die einfachen farbigen Gläser (die W. Herschel durch eine Flüssigkeitsschicht, mit Wasser verdünnte Tinte, ersetzte, während sein Sohn zwei verschiedenfarbige Blendgläser zusammen benutzte) wenig brauchbar sind. Man nennt solche Vorrichtungen, die nun eigentlich nicht mehr zu den Blendgläsern im gewöhnlichen Wortsinn gehören, aber, wie bemerkt, doch im Zusammenhang mit diesen erwähnt sein mögen, Helioskope, weil sie eben das Beschauen der Sonne ermöglichen sollen. Dove u.a. haben die äußere Fläche des Objektivglases mit einer dünnen Silberschicht überfangen, wodurch der Zweck erreicht werden kann (wenn auch Regulierung der Dämpfung nicht möglich ist), jedoch das Fernrohr zu allen andern Beobachtungen, die nicht die Sonne betreffen, untauglich wird. Die helioskopischen Fernrohrokulare von Porro in Mailand, von Merz in München, von Grubb u.a. sind Reflexions- oder Polarisationshelioskope, indem sie die Abschwächung des Lichts zum Teil durch mehrfache Reflexion, zum Teil durch Polarisation (womit dann eine einfach durch Drehung zu bewerkstelligende Regulierung der Blendung gegeben ist) herstellen [3]. Noch andre Konstruktionen von Okularen zur Sonnenbeobachtung rühren her von Dawes (Löcher in einem Elfenbeinplättchen im Fokus des Objektivs mit Durchmessern bis zu 1/100 englische Zoll herunter, wobei diese engen Diaphragmen das Gesichtsfeld beliebig zu verkleinern gestatten; dazu kommen noch nach Bedarf Blendgläser in einer Revolverblende, die sich über der das Augenglas enthaltenden Platte drehen läßt [4]); von Secchi (eines der wichtigsten Polarisationshelioskope), Erck [5], Hilger (Licht- und Wärmeabschwächung durch ein Kanadabalsamprisma neben dem Glasprisma [6]) u. v. a. Ueber die Helioskope vgl. z.B. das populäre [7] oder [8].

Anmerkungen und Literatur: [1] Nach Breithaupt in Kassel, Wanschaff in Berlin u.s.w. – [2] Bruhns, Astron. Nachrichten, Nr. 1505 (1864). – [3] Vgl. z.B. Wolf, Handbuch der Mathematik u.s.w., Zürich 1872, Bd. 2, S. 290 ff. u.s.w. – [4] Monthly Notices, Bd. 12, April 1852, S. 167. – [5] Monthly Notices, Bd. 37, Januar 1877, S. 128. – [6] Monthly Notices, Bd. 45, Nov. 1884, S.59. – [7] Klein, Führer am Sternenhimmel, Leipzig 1903, S. 52–57, über Secchi S. 56/57. – [8] Ambronn, Handbuch der astron. Instrumentenkunde, Bd. 1, Berlin 1899, S. 360–364.

Hammer.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 2 Stuttgart, Leipzig 1905., S. 80-81.
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