Chor

[449] Chor, im allgemeinen der östliche Teil der christlichen Kirchen. Der Name stammt aus altchristlicher Zeit, und zwar aus dem Gebrauch, während der Messe den Chorgesang anzustimmen.

Dies geschah durch die niedere Geistlichkeit, die sich in der Mitte des Querschiffes befand und zwar von Marmorschranken umgeben, die an beiden Seiten Ambonen (Kanzeln) zum Ablesen der Evangelien und Episteln besaßen (Fig. 1), deshalb hieß zunächst dieser Teil der Chor. Als dann in der romanischen Periode der Grundplan der Kirche eine Umgestaltung erfuhr, nannte man die Apsis mit dem unmittelbar daran anstoßenden Quadrate den Chor (Fig. 2); die großen rheinischen und andern Bischofskirchen erhielten Doppelchore, d.h. einen Ost- und Westchor,[449] die erhöht über einer Krypta (s.d.) lagen (vgl. Basilika, Fig. 6). In gotischer Zeit erhielt der Grundriß der Kirche zwar wesentliche Bereicherungen, aber die Lage des. Chores änderte sich wenig; immer hieß der Teil, der sich in östlicher Richtung an das Querschiff anlegte und den Hauptaltar, Hochaltar oder Choraltar enthielt, der Chor. Selbst als später zum Teil der Chorgesang; und die Kirchenmusik an das entgegengesetzte Ende der Kirche verlegt wurde, und zwar an die Stelle, die sich über dem Hauptportal befindet, behielt der obenerwähnte östliche Teil bis auf unsre Zeit den Namen Chor, während die weltlich gelegene Galerie, welche die Orgel enthält auch heute noch der Orgelchor genannt wird. Der Chor pflegte um einige Stufen höher zu liegen als der übrige Teil der Kirche und durch Chorschranken (Cancelli) von diesem getrennt zu sein, zuweilen erfolgte die Trennung durch einen förmlichen Querbau mit einem Lesepult (Chorpult), der Chorbühne oder dem Lettner (s.d.). Außerdem enthielt der Chor, auch Chorhaus oder Altarhaus genannt, an den beiden Langseiten der Wände Sitze für die Geistlichkeit. Diese hießen Chorstühle oder das Chorgestühl. Im hohen Chor hing die Chorglocke, welche die nötigen Signale für den Chordienst zu geben hatte; sie war zuweilen auch in einem besonderen Türmchen untergebracht, das als Dachreiter (s.d.) konstruiert erschien. Nach Osten zu endete der Chor stets in eine Chornische oder Apsis, die in romanischer Zeit die Form eines Vierteiles einer hohlen Kugel annahm und Chorgewölbe, Nischengewölbe oder Halbkuppel genannt wurde (vgl. Fig. 2). In der gotischen Periode wurde die Chornische stets polygon gebildet und mit einem Gewölbe versehen, das aus Rippen bestand, die sich in einen gemeinschaftlichen Schlußstein vereinigten, und aus dazwischen eingewölbten Kappen (Fig. 3). Die Gestaltung und namentlich die Endigung des Chores heißt der Chorschluß. Im romanischen Stile erhält er die in Fig. 2 angegebene Gestalt; die Apsis nimmt die Form eines Halbkreises an, und häufig in bloß eine einzige Nische vorhanden. In der gotischen Periode haben wir den deutschen[450] und französischen Chorschluß zu verzeichnen. Die deutsche einfachere Chorbildung besteht darin, daß das Hauptschiff sich jenseits des Querschiffes in zwei oder mehreren Gewölbjochen fortsetzt und dann gerade oder mit einer großen polygonen Apsis schließt; eine ähnliche Fortsetzung und Endigung zeigen die beiden Seitenschiffe (vgl. Fig. 3). Der französische Chorschluß, der namentlich bei den großen fünfschiffigen Kathedralen in Frankreich, aber später auch in Deutschland vielfach angewendet wurde, besteht zunächst darin, daß die beiden inneren Seitenschiffe um den Chor herumlaufen und den Chorumgang bilden, während sich die äußeren Seitenschiffe in eine ungerade Zahl von Chorkapellen auflösen, die Kapellenkranz genannt werden (Fig. 4).

Weinbrenner.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Fig. 4.
Fig. 4.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 2 Stuttgart, Leipzig 1905., S. 449-451.
Lizenz:
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449 | 450 | 451
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