Flußdeiche

[104] Flußdeiche sind bereits in dem Art. Deich erwähnt und in Hauptdeiche (Winterdeiche), Sommerdeiche, geschlossene und offene Deiche geschieden worden; ihr Zweck ist Schutz gegen das Hochwasser der Flüsse. Rückstau- oder Rückdeiche werden an den Ufern des Nebenflusses von seiner Mündung in den Hauptfluß so weit stromaufwärts geführt, daß dessen Hochwasser die Niederung des Nebenflusses nicht mehr zu überfluten vermag. Flügel- oder Schenkeldeiche werden im Anschluß an den Hauptdeich hergestellt und dienen verschiedenen Zwecken, von denen die hauptsächlichsten folgende sind: a) Verhinderung zu starker Durchströmung tief gelegener Flächen des Vorlandes, auf das der in geringer Höhe ausgeführte Flügeldeich geführt wird; b) Verhinderung des Versandens und schädlicher Rückstaubildung bei Vereinigung zweier Flüsse unter spitzem Winkel, indem an der Vereinigungsstelle ein Flügeldeich angelegt wird (Fig. 1); zum Schütze vorspringender Deichecken, von denen aus sie – gewissermaßen als Buhnen – bis zum Vorlande herabgeführt und an der oberen Seite abgepflastert werden, um den Stoß des Eises auszuhalten; c) als Frontdeiche zum Anschluß des Hauptdeiches an hochwasserfreie Höhen. – Liegt ein Deich hart am Flüsse, ist er also der Strömung unmittelbar ausgesetzt, so heißt er Schaar- oder Gefahrdeich; seine Sicherung erfordert dann besondere Sorgfalt, namentlich auch durch Deckung der im Angriff liegenden Uferstrecke. – Tritt ein neuer Deich an Stelle eines alten, so wird dieser zum Schlafdeich, der auch wohl Sturmdeich genannt wird, wenn man ihn der Sicherheit wegen beibehält. Zum Schütze von Ortschaften und Gehöften, die innerhalb einer gar nicht oder unzureichend eingedeichten Niederung liegen, dienen Ringdeiche.

Erst durch Eindeichung der Täler und Niederungen der Flüsse ist deren geregelte Bewirtschaftung unabhängig von dem jeweiligen Wasserstande geworden, und ihr allein verdanken wir den blühenden Kulturzustand, in dem sich die durch die Anschwemmungen des Flusses fruchtbar gewordenen Gebiete befinden. Diesen Vorteilen stehen indes erhebliche Nachteile gegenüber, die sich im Laufe der Zeit (die ersten größeren Eindeichungen stammen in den Niederlanden aus dem 12., im Weichseldelta aus dem 13. Jahrhundert) immer mehr verstärkt haben. Dahin gehört die Hebung des Wasserspiegels infolge der Einschränkung des Hochwasserbettes, die bei der unregelmäßigen Anlage der Deichlinien in früheren Zeiten oft eine sehr beträchtliche ist. Sie wird noch verstärkt durch die fortdauernde Ablagerung der Sinkstoffe auf dem Vorlande der Deiche und oft auch auf der Sohle des Flusses, während die eingedeichten Flächen, die ohnedies durch die Kultur schon eine Senkung erfahren haben, von dieser Ablagerung frei bleiben. Dadurch wächst die notwendige Höhe der Deiche; zugleich vermindert sich die Fruchtbarkeit der eingedeichten Gebiete, und es wird immer schwieriger, ihnen eine geregelte Vorflut durch natürliches Gefälle zu verschaffen. So kommt es, daß[104] manche Flußniederungen – beispielsweise am Rhein und an der Weichsel – bereits unter dem gewöhnlichen Wasserspiegel der Flüsse und teilweise unter dem des Meeres liegen und somit auf künstliche Entwässerung angewiesen sind.

Diesen sich allmählich immer stärker ausprägenden Nachteilen stehen wirklich durchführbare Verbesserungsvorschläge nur in geringem Umfange gegenüber. Die Zurückhaltung des Hochwassers an den Stellen seiner Entstehung, also insbesondere in den Quellgebieten, und sein allmähliches Ablassen würde zwar das Uebel an der Wurzel treffen, doch stellen sich einer solchen Ansammlung des Wassers große Schwierigkeiten entgegen, abgesehen davon, daß die Kosten ganz bedeutend sein würden. Die vorgeschlagene Vergrößerung der bewaldeten Flächen, deren Streudecke dann die Versickerung begünstigen soll, kann in unsern dicht bewohnten Kulturländern nur noch in ganz mäßigem Umfange zur Ausführung kommen. Für die Anlage von Sammelbehältern, die das Wasser zur Zeit der Schneeschmelze aufnehmen, sind nur teilweise geeignete Oertlichkeiten vorhanden; zugleich wird aber ihre Ausführung auch bei günstigen örtlichen Verhältnissen sehr teuer. Die Ansammlung von 1 cbm Wasser in Staubecken erfordert nur selten weniger als 35 Flußdeiche Anlagekapital; soll beispielsweise auch nur ein Drittel des Hochwassers eines Stromes, der 5 Tage lang sekundlich 4000 cbm führt, aufgespeichert werden, so würde bei obigem Preise hierzu ein Aufwand von mehr als 200 Millionen Mark erforderlich werden. Demgemäß sind die eifrigen Fürsprecher dieses Vorschlages, die sich früher namentlich in Frankreich fanden (gelegentlich der Erörterung der Mittel zur Beseitigung der verheerenden Loire-Ueberschwemmungen), allmählich verstummt; es wäre aber verkehrt, ihn vollständig zu verwerfen, da sich durch passende Anwendung des Gedankens doch vieles erreichen läßt und auch manche sonstigen volkswirtschaftlichen Vorteile durch Gewinnung von Wasserkräften und Wasser zu Versorgungszwecken damit verbunden sind. Hand in Hand müßte eine gute Uferunterhaltung auch der kleineren Wasserläufe gehen, damit der Uferabbruch möglichst verhindert und so die Menge der Sinkstoffe auf das geringste Maß beschränkt wird.

Ein andrer Gedanke ist der, die bestehenden Winterdeiche in Sommerdeiche umzuwandeln, damit das befruchtende Winter- und Frühjahrshochwasser für die eingedeichten Flächen nutzbar gemacht werden kann, oder Einlaufschleusen und besondere Ueberlaufdeiche (s.d.) anzulegen. Die Ortschaften wären bei dieser Anordnung mit hochwasserfreien Ringdeichen zu umgeben oder auf wasserfreien Hügeln zu errichten; um ein starkes Durchströmen des Tales zu vermeiden, müßten hochwasserfreie Querdämme geschüttet werden. Dieser Vorschlag hat auf den ersten Blick vieles für sich, ist aber in dicht bevölkerten Marschen schwer ausführbar. Der ganze Wirtschaftsbetrieb ist so sehr auf die Fernhaltung der Hochfluten eingerichtet, daß ihr ungehinderter Zutritt auf die außerhalb der Ringdeiche belegenen Flächen zahlreiche Nachteile und Lasten mit sich bringen würde. Zu diesen gehört z.B. neben der Verzinsung der Anlagekosten für die neuen Deiche und neben ihrer Unterhaltung das Aufgeben aller in Geländehöhe liegenden Verbindungswege während der Ueberschwemmung. Die Durchführung einer solchen Umwandlung innerhalb eines vorhandenen Deichverbandes, sei es auch zunächst nur in der Form der Aufstellung eines Entwurfs mit Kostenanschlag, würde wahrscheinlich ergeben, daß die neu zu tragenden Lasten sehr beträchtlich sind, ohne daß ihnen besondere Vorteile gegenüberstehen. Der gegenwärtigen Bevölkerung aber könnte man es nicht verdenken, wenn sie sich weigert, diese Lasten zum Wohle der künftigen Geschlechter auf sich zu nehmen.

Wie oben erwähnt, ist jede Eindeichung gleichbedeutend mit einer Einschränkung des Hochwasserquerschnitts, hat also eine Hebung des Hochwasserspiegels zur Folge. Diese läßt sich annähernd folgendermaßen berechnen:

Für die sekundlich abfließende Wassermenge hat man Q = F v, wenn F den Querschnitt, v die mittlere Geschwindigkeit des Hochwassers bezeichnet. Nennt man α das Gefälle der Strecke, t die mittlere Tiefe, b die Breite des Flußbettes bei Hochwasser, so ist F = b t und annähernd


Flußdeiche

also:


Flußdeiche

wenn c einen Koeffizienten bezeichnet, der bei dieser vorläufigen Untersuchung unveränderlich angenommen werden kann. Dann wird nach Ausführung des Deiches (Fig. 2).


Flußdeiche

also:


Flußdeiche

Der so ermittelte Näherungswert dient zur Grundlage der genaueren Berechnung, bei der eine Trennung des eigentlichen Flußschlauches von dem Vorlande angenommen und demgemäß auch c für beide Abschnitte gesondert bestimmt wird (am besten nach Kutter). Im übrigen erfährt durch die Eindeichung auch die sekundlich abfließende Wassermenge eine Erhöhung, indem die Flächen kleiner werden, auf denen das Hochwasser sich ausbreiten und aufspeichern kann; doch ist diese Erhöhung meistens nicht erheblich.

Bei Festlegung der Deichlinien ist tunlichst der Abstand B innezuhalten und darauf zu sehen, daß stets Vorland von genügender Breite zum Schütze des Deichfußes und behufs Entnahme der erforderlichen Bodenmenge vorhanden ist. Auch muß die Deichlinie zur Vermeidung von Strömungsangriffen dem Hochwasserstrich möglichst parallel laufen; doch sind niedrige Stellen und solche mit schlechtem Boden möglichst zu vermeiden und die Kolke an der Außenseite zu belassen, damit sie allmählich verschlicken können. Starke Krümmungen sind nicht zu sehr abzuschneiden, damit das Hochwasser nicht das Bestreben erlangt, einen Durchbruch herbeizuführen. Betreffs Herstellung der Deiche sei den im Art. Deich gemachten Ausführungen noch folgendes hinzugefügt:[105]

Nach Schelten soll der Sandgehalt des zur Erstellung eines Deiches verwendeten Bodens mindestens 15% und nicht über 45%, die Druckfestigkeit in trockenem Zustande, die einen Maßstab für die Zähigkeit des tonigen Bindemittels gibt, mindestens 20 kg für den Quadratzentimeter betragen. Humoser Boden und Gartenerde sind auszuschließen, da sie nicht dicht sind und Mäuse oder Maulwürfe anlocken; Moorboden ist schon des geringen Gewichtes wegen nicht zu gebrauchen. Ist der Boden sehr sandhaltig, so ist der Deich durch Anlage flacher Böschungen zu verstärken und die Außenseite mit einer 0,3–1 m starken Schicht tonhaltigen Bodens zu bekleiden, die sich bei sehr lockerer Beschaffenheit des Deichkörpers auch auf Binnenseite und Krone zu erstrecken hat. Die Entnahme der Deicherde erfolgt vom Vorlande her entweder aus tiefen Gruben, zwischen denen Querwände stehen bleiben, um das Zuschlicken zu befördern, oder es wird das Vorland nur so tief abgegraben, daß es noch als Weide dienen kann, nachdem die obere Humusschicht wieder aufgebracht ist. Das Binnenland darf nur im äußersten Notfall zur Gewinnung der Deicherde herangezogen werden.

Das Schütten der Deicherde erfolgt gleichmäßig in der ganzen Deichlinie in geneigten oder flach gewölbten, nur mäßig feuchten Lagen von 20–40 cm Stärke, die durch Stampfen (unter Mithilfe der Wagenräder und Zugtierhufe beim Anfahren des Bodens) gut festgelagert werden. Durch gleichzeitige Inangriffnahme der ganzen Deichstrecke erhält die Niederung schon einigen Schutz, auch wenn die Arbeit vor Winter nicht ganz fertig werden sollte. Muß man diese von vornherein auf mehr als ein Baujahr verteilen, so ist es besser, eine Strecke ganz fertig zu schütten und das unfertige Ende mit flacher Neigung in das Gelände verlaufen zu lassen.

Die Abdeckung der Erdoberfläche geschieht durch Rasen; auf der Außenböschung sowie bei Ueberläufen und Sommerdeichen durch quadratische Deckrasen von 7–10 cm Stärke und 0,25–0,30 m Seitenlänge. Läßt starke Strömung heftige Angriffe befürchten (namentlich bei Gebirgsflüssen) oder muß wegen ungenügenden Vorlandes eine steile Böschung gewählt werden, so wird die Außenseite mit Pflaster versehen, das auch bei Sanddeichen Anwendung findet, sofern Tonboden zur Bekleidung nicht in genügender Menge zur Verfügung steht. Der Unterbettungskies muß zur Verhütung von Ausspülungen ziemlich grobkörnig sein; noch besser ist es, das Pflaster in Mörtel zu verlegen. Bei Gebirgsflüssen sucht man das Vorland der Deiche mit Gesträuch zu bepflanzen, um die Stärke der Strömung zu mäßigen. – Das Schwindmaß der Deiche beträgt bei festem Untergrund etwa 1/12 der Höhe, kann sich aber bei weichem Boden bis auf 1/4 der Höhe steigern.

Bei Durchschreitung eines alten Flußarmes wird unter der Außenberme (bei sehr weichem Boden auch wohl unter der Binnenberme) ein Faschinendamm hergestellt und in seinem Schütze die Deichsohle geschüttet; doch darf der eigentliche Deichkörper nicht auf Faschinen liegen. Beim Durchschreiten einer Strecke mit weichem Untergrund (Moor) ist es am sichersten (wenn auch meist am kostspieligsten), den Damm bis auf den festen Boden durchzuschütten.

Für Unterhaltung der Flußdeiche ist es wichtig, daß die Rasendecke sich stets in gutem Zustande befindet. Es sind deshalb alljährlich Disteln und größere Unkräuter zu entfernen; Bäume und Gesträuche sind nicht zu dulden, weil ihre Wurzeln Tiere anlocken und bei starkem Winde den Boden des Deiches lockern. Beweidung macht den Rasen dichter und widerstandsfähiger und hat zugleich das Zutreten der Maulwurfs- und Mäuselöcher zur Folge; jedoch sind Schweine und Federvieh stets fernzuhalten, auch dürfen neue Deiche im Anfang nicht mit Großvieh beweidet werden. Durch Hitze, trocknende Winde oder Frost entstandene Risse sind sorgfältig auszufüllen, die bei Hochwasser gebildeten Ausspülungen auszubessern und mit Grassamen anzusäen.


Literatur: [1] Dumas, Etudes sur les inondations; Causes et remèdes, Paris 1857. – [2] Dupuit, Des inondations; examen des moyens proposés pour en prevenir le retour, Paris 1858. – [3] Storm-Buysing, Waterbouwkunde, Breda 1864. – [4] Westerhoff, Geschiedenis van ons dijkwezen, Groningen 1865. – [5] Kletke, Deichwesen des preußischen Staats, Berlin 1868. – [6] Comoy, Mémoires sur les ouvrages de défense contre les inondations, Paris 1868. – [7] Rust, Deichwesen der unteren Elbe, Berlin 1870. – [8] Belgrand, Etüde hydrologique sur le bassin de la Seine, Paris 1872. – [9] Hagen, Handbuch der Wasserbaukunst, Bd. 4. – [10] Garbe im Handbuch der Ingenieurwissenschaften, Bd. 3, 2. Abt., 1. Hälfte, 3. Aufl. 1900. – [11] Gerson, Wie es hinter unsern Deichen aussehen sollte, Berlin 1888. – [12] Freerksen, Beitrag zur Geschichte des ostfriesischen Deichwesens, Emden 1892. – [13] Schlichting, Ueberschwemmungen und Deiche, Deutsche Bauztg. 1888, S. 197. – [14] Geschäftsanweisung für Hochwasser- und Deichverhältnisse in Preußen, Zentralbl. d. Bauverw. 1889, S. 33 und 123. – [15] Keller, H., Die Hochwasser der norddeutschen Ströme, ebend. 1896, S. 521. – [16] Müller, Fr., Das Wasserwesen der niederländischen Provinz Zeeland, Berlin 1898. – [17] Tenge, Der Jeversche Deichverband. Geschichte und Beschreibung der Deiche, Uferwerke und Siele, Oldenburg 1898, 2. Aufl. – [18] Kolossváry, Les traveaux de régularisation et d'endiguement en Hongrie, Budapest 1900. – [19] Artikel »Deichwesen« im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Jena 1900, Bd. 3, 2. Aufl.

Frühling.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 4 Stuttgart, Leipzig 1906., S. 104-106.
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