Gerbstoffe [1]

[400] Gerbstoffe. Gerbmaterialien im weitesten Sinne des Wortes sind alle Körper, die imstande sind, die tierische Haut (richtiger deren Cutis oder Lederhaut) in Leder (s.d.) zu verwandeln, d.h. die Cutis mehr oder weniger geschmeidig und weich, für Wasser impermeabel (Sämischleder ausgenommen), dauerhaft und gegen Fäulnis widerstandsfähig zu machen.

Sie können allen drei Naturreichen entflammen oder Produkte der chemischen Industrie sein. Das Mineralreich liefert als Gerbstoffe Kochsalz und Alaun, und die damit gegerbte Haut gibt das Alaun- oder weißgare Leder. Mit tierischem Fett (in Amerika nach alter Indianerweise mit dem Gehirn der Hirsche u.s.w.) behandelte Haut ist als Sämisch- oder Waschleder vielfältig im Gebrauch. Von chemischen Verbindungen sind die der Chromsäure und des Eisens zu nennen, die das chromgare und eisengare Leder ergeben. Chromgerbung, häufig in Verbindung mit vegetabilischer Gerbung, ist jetzt derart verbreitet, daß sie die Darstellung des seinen Schuhoberleders geradezu beherrscht. Besonders wichtig sind die vegetabilischen Gerbstoffe, welche die Haut in das meistverwendete braune bezw. gelbbräunliche lohgare oder rotgegerbte Leder umwandeln. In ihnen sind extrahierbare Stoffe, die Gerbstoffe im chemischen Sinne, die Gerbsäuren (s.d.), enthalten [1], [28].

I. Rinden. Die größte Bedeutung für die Lohgerberei haben die Stamm- und Astrinden verschiedener Bäume, da sie nicht nur ausgiebige Mengen von Gerbstoffen enthalten, sondern auch in genügenden Masten und mit Leichtigkeit zu beschaffen sind. Allen voran stehen die mitteleuropäischen Eichenrinden, die von vier Arten, der Traubeneiche (Quercus sessiliflora Salisb.), der Stiel- oder Sommereiche (Quercus robur L. = Quercus pedunculata Ehrh.), der Zerreiche (Quercus cerris L.) und der Weiß- oder Schwarzeiche (Quercus lanuginosa Lam. = Quercus pubescens Willd.), geliefert werden. Die beiden ersten Arten sind nicht nur wegen der gerbstoffreichen Rinden und der großen Verbreitung von Wichtigkeit, sondern auch deshalb, weil ihre Rinde bis zum 25. Jahre wenigstens stellenweise borkenfrei bleibt [2], [29] S. 263–270. – Der ungarische Schälbetrieb produziert über 300000 Meterzentner Eichenrinde; doch ist das Haupteichenland Europas Kroatien-Slawonien.

Die Sorten der Eichenrinden nach dem Alter sind: 1. Spiegel- oder Glanzrinde von [400] Stangen unter 10 cm Durchmesser; 2. rissige Stangen-, Raitel-, Raidel-, Rauhrinde oder Pfeifenborke von 10–20 cm dicken Stämmen; 3. rauhe Stammborke, rauhe Grobrinde und 4. geputzte Grobrinde (ohne Borke). Die ersten zwei Sorten zerfallen in Erd-, Mittel- und Gipfelgut, je nach der Region des Stammes; das Erdgut ist das hefte, gerbstoffreichste. Gute Glanzrinden dürfen nicht aufgesprungen sein, keine Borke besitzen, sollen sogenannte Pocken (Lenticellen) führen und guten Glanz haben. Die Außenseite ist silbergrau, die Innenfläche hellbraun oder braunrot, längsstreifig; die Rinde ist im Bruche bandartig-faserig, zähe, fast geruchlos, riecht im feuchten Zustand nach Lohe, ihr Geschmack ist stark zusammenziehend. Am Querschnitt steht man unter einem dünnen Kork eine grünliche Mittelrinde, die von der blaßrötlichen, von radial und tangential geordneten Bastfaserbündeln feingefelderten Innenrinde durch eine geschlossene, helle Steinzellenschicht getrennt ist. Eisenchlorid färbt die Schnittfläche schwarzblau. Ueber den mikroskopischen Bau s. [3], auch [7], [9], [29]. Die Unterscheidung der vier Eichenrindenarten ist nicht von erheblicher Bedeutung, da die Differenzen im Gerbstoffgehalt, gleiches Alter und beste Standorte vorausgesetzt, nur gering sind. Der mittlere Gehalt der Traubeneichenrinde beträgt 12%, der der Stieleiche 13,39% [4]. Nach Neubrand [5] sind die österreichischen und ungarischen Rinden weniger gut als die mitteldeutschen, während Wessely [10] die Gerbkraft der norddeutschen, mitteldeutschen und niederösterreichischen Rinde nach dem Verhältnis 4–5 : 5–5,5 : 6–7 feststellt, somit die letztgenannte den Vorzug verdient. Ueber die Gewinnung, den Schälwaldbetrieb u.s.w. s. insbesondere [2]. Eichenspiegelrinde enthält 8,5–19,02% Gerbstoff, ferner 1,59% Gallussäure, 58,23% Rohfaser, 8,33% Apfelsäure, Zucker und Extraktstoffe, 6,31% Harze und Fette, 2,34% Eichenrot, 6,77% Pektinsäure. Für schwere mehrsätzige Ledersorten ist Eichenrinde (meist gemischt mit Fichtenrinde) eines der geschätztesten Gerbmaterialien. Sie kommt in band- oder rinnenförmigen Stücken oder zerschnitten und gestampft im Handel vor.

Von den südeuropäischen, orientalischen und nordafrikanischen Eichenarten, die Gerbrinden liefern, sind zu nennen: Die Kermeseiche (Quercus coccifera L.), (Südeuropa und Nordafrika); sowohl die Stammrinde als auch die Wurzelrinde, Garouille oder Rusque genannt, werden im südlichen Frankreich, in Algier und Spanien verwendet [2]. Die Korkeiche (Quercus suber L., und Quercus occidentalis Gay); sie liefert in ihrer Außenrinde den bekannten Flaschenkork, in der Innenrinde, die in Spanien Alcornoque genannt wird, ein vorzügliches Gerbmaterial (13,69% Gerbstoff). Die Steineiche oder immergrüne Eiche (Quercus ilex) wird hauptsächlich in Algier und Südfrankreich auf ihre Rinde ausgebeutet. In Frankreich sind 400000 ha Steineichenwälder vorhanden, deren Betrieb nach Art des Schälwaldes vor sich geht. Man unterscheidet eine weiße, rote oder schwarze und eine gelbe oder graue Rinde, sie ist außen glatt, ohne Spalten, die Gerbstoff menge verschieden, von 6–11% [11]. – Ferner liefern noch Quercus Mirbeckii Dur., Quercus Tozzae Bosc. u.a. Gerbrinden. – Die nordamerikanischen Eichen liefern sehr gehaltreiche Rinden; die am häufigsten verwendete ist die Kastanieneiche (Chestnut-oak, Quercus Prinus L.), die (in der Rinde) nach Eitner 16,15% Gerbstoff enthält, in zwei Varietäten (Whit-Chestnut-oak und Rock-Chestnut-oak) auftritt und deren Rinde auch zu einem Extrakt mit 30% Gerbstoff verarbeitet wird. – Besonders wertvoll ist die Rinde der Spanish-oak (Quercus falcata Michx.), weil sie, obwohl gerbstoffarm (8%), fast gänzlich farbstofffrei ist.

Koniferenrinden. Zu diesen gehört das billigste, verbreitetste, in Mitteleuropa am allermeisten verwendete Gerbmaterial, die Fichtenrinde (Rottannenrinde, Picea vulgaris Link = Abies excelsa Poir.), die in Preußen, Sachsen, Württemberg, Bayern, im ganzen östlichen und nördlichen Deutschland und ganz besonders in Oesterreich-Ungarn entweder (wohl selten) für sich allein oder im Gemisch mit Eichenrinde, in Rußland auch mit Weidenrinde verwendet wird [12]. Die Rinde ist so billig, daß die Schälung sich nicht rentieren würde. In den Alpen werden aber die Fichten im Sommer gefällt, müssen daher (damit das Holz nicht flockig, fleckig und schimmlig wird) geschält werden, und so gibt diese Schälung gewaltige Quantitäten Rinde. Man trocknet dieselbe im Walde. Das fertige Produkt bildet 2–8 mm dicke bis 1 m lange und 5 dm breite, flache oder zusammengebogene Stücke, die außen hellbraun, mit Borke besetzt, innen hellgelb oder bräunlichgelb und glatt sind. Die Borke ist schuppig. Geruch harzig, Geschmack harzig-zusammenziehend. Der Gerbstoffgehalt ist nach der Güte der Rinde, die wieder vom Alter, Standort, Höhenlage u.s.w. abhängig ist, sehr verschieden; die Grenzzahlen sind 5–16%, der durchschnittliche Gehalt 8% [13]. Hampel fand sogar 24,6% als Maximum. Zur Verwendung wird die Rinde in Stampfen oder mittels des Dreschens in Lohe verwandelt. Gegenwärtig wird aus Fichtenrinde das Extrakt bereitet und in den Handel gebracht; es soll auch zum Gerben von Sohlleder geeignet sein. – Die nordamerikanische Weißfichte (Picea alba Mill., White Spruce) liefert eine unsrer Fichtenrinde gleichwertige Rinde; außen graubraun, 3–5 mm dick, Borkenschuppen klein. – Die Lärchenrinde von Larix decidua Mill., nur in den Alpen und Karpathen im Gebrauch, schon äußerlich (durch die grobrissige, dicke Borke) und mikroskopisch (durch die einzelstehenden verzweigten Steinzellen, sogenannten Spikularzellen) von der Fichtenrinde zu unterscheiden, hat einen Gerbstoffgehalt von 4–10%, nach Hampel [13] im Winter 0,1–3,9% (8 m über dem Boden besaß die Stammrinde 8,3%). Der Gerbstoff der drei angeführten Koniferenrinden ist eisengrünend. – Noch seltener wird die Tannenrinde von Abies alba Mill. (Abies pectinata Dc.) verwendet, und zwar im Gemisch mit Myrobalanen, Dividivi, Lärchenrinde [14], z.B. in Steiermark, in der Schweiz, in Rußland. Die silbergraue glatte und borkefreie Rinde mit Spikularzellen und großen Harzlücken (mit farblosem Balsam) ist leicht zu erkennen. Sie enthält 4–8% eisenbläuenden Gerbstoff, mitunter soll derselbe selbst über 19% betragen. – Eines umfangreichen Gebrauches erfreut sich die Rinde der Schierlings- oder Hemlocktanne (Abies canadensis Michx.) in Nordamerika sowohl direkt zum Gerben als auch zur Erzeugung des Hemlockextraktes (Millers Tannin). Die Hemlockrinde gleicht der unsrer Schwarzkiefer [2] und ist dadurch besonders ausgezeichnet, daß der Hauptsitz des Gerbstoffes die Borke und nicht die lebende Rinde (das »Fleisch« der Gerber) ist. Erstere hat 11,3%, letztere 7,7% Gerbstoff.[401] Das Extrakt soll wegen der großen Menge beigemengten Farbstoffes nicht empfehlenswert sein [14]. Für die Gerbindustrie der Mittelmeerländer ist die Rinde der Aleppokiefer (Pinus halepensis Desf.) von großer Wichtigkeit. Der Baum gedeiht besonders in Nordafrika (Algier, Tunis), kommt aber auch noch in Dalmatien, Istrien gut fort. Er liefert zwei Gerbmaterialien, die Snobar- oder Snoubarrinde, die nach Eitner [15] und v. Hoehnel [2] die von der Borke befreite Innenrinde ist, und Scorzarossa (Corteggiarossa oder Pinorossa), welche die Borke desselben Baumes ist. Die Snobarrinde wird von gefällten Bäumen gewonnen und von der Borke befreit (Algier), die Scorzarossa hingegen von lebenden Bäumen (Sizilien) vorsichtig, mit Erhaltung der lebenden Rinde abgenommen, so daß wieder neue Borke sich entwickeln kann [5]. Dalmatinische Scorzarossa hat aber auch »Fleisch« (Innenrinde). Diese wird auch in der häuslichen Industrie zum Färben der Fischernetze, von Frauenkleidern u. dergl. benutzt und kommt aus Dalmatien in 1500–3000 Meterzentnern nach Triest und Venedig zur Ausfuhr. 50 kg = 2–3 Kronen [2]. In Südfrankreich ist die Verwendung der Aleppokieferrinde sehr beträchtlich, das damit gegerbte Leder wird Cuir d'Alger genannt [11]. Die Snobarrinde besteht aus flachen oder konkaven, 1–8 mm dicken roten Stücken, die an der Außenseite muschelige Vertiefungen führen, innen glatt sind, einen spröden, ebenen, feinkörnigen Bruch haben und sich durch einen stark adstringierenden Geschmack auszeichnen. Gerbstoffgehalt 13–15%. Ueber andre verwandte Rinden s. [2]. Eine neuseeländische Koniferenrinde, Toa-toa oder Talcha genannt, flammt von Phyllocladus asplenifolia Hook, und Phillocladus trichomanoides Don. (Kiritoa-toa oder Tanehaki-bark), enthält 23% Tannin und kommt in flachen Rindenstücken oder auch feingemahlen als faseriges braunes Pulver zu uns.

Nur lokale Bedeutung für die Gerberei haben die Birken- und Erlenrinden. Dagegen sind für Europa noch die Weidenrinden wichtig, in Rußland selbst das wichtigste Gerbmaterial (6500000 kg pro Jahr). Obwohl die Rinde aller Weidenarten Verwendung findet, so werden in Rußland doch hauptsächlich nur die Sandweide (Salix arenaria) und die Fieberweide (Salix Russelliana) auf ihre Rinden ausgebeutet. Mit diesen Weidenrinden wird das russische Juchtenleder hergestellt. Nebenbei wird auch noch, die Sahlweidenrinde, von Salix caprea, ausgiebig verwendet, namentlich in Dänemark (Handschuhleder), in Württemberg, in manchen Gegenden Oesterreichs. Behufs Gewinnung der Rinde werden die im Februar geschnittenen Zweige, in Haufen gestellt, mit Erde bedeckt, dann im Frühjahr durch 8 Tage in Wasser gestellt und geschält. Weidenrinden sind außen graubraun oder grünlich, innen gelb, graugelb, bräunlich, zimtbraun, noch immer mit der Oberhaut versehen. Ueber ihren mikroskopischen Bau s. [2], wo auch eine Unterscheidung der einzelnen Arten versucht wird, ferner [3] und [9]. Die Angaben über den Gehalt an eisenbläuendem Gerbstoff lauten sehr verschieden, das Mittel ist mit 8% festzustellen.

Exotische Rinden. Durch die Weltausstellungen ist eine große Anzahl derselben bekannt geworden. Hervorgehoben zu werden verdienen die Rinde von Persea Lingue N. ab Es. und Persea Meyeniana N. ab Es. (Chile; sie liefert das wichtige Valdivialeder, 17–18%) [7], Bd. 1, S. 756, Weinmannia glabra L. fil. [16], [17], Rhizophora Mangle L. (Mangle colorado), in allen Tropenländern zum Gerben, Schwarz- und Braunfärben, enthält 22,5–33,5% Gerbstoff, daneben aber viel rotbraunen Farbstoff [2], [17], [30], [31], die Rinde verschiedener Proteaceen (Protea mellifera Thbg., der Sugarbush vom Kap, Leucadendron argenteum R. Br., der Silverboom mit 16% Gerbstoff), von Elaeocarpus dentatus Vahl (Kirihinaurinde von Neuseeland mit 21–22% Gerbstoff), von Malpighia punicaefolia L. (Nanciterinde von Westindien mit 21–23% Gerbstoff), von Oxalisarten (Churcorinde aus Chile mit 20–26% Gerbstoff), die Maletrinde von Eucalyptusarten, die Bankulrinde von Aleurites triloba Forst., die Rinde von Pithecolobium dulce (Kamaschilrinde, Afrika, Mexiko, 29% Gerbstoff) [35], die Acacia- bezw. Mimosarinden (in Australien Wattle-bark genannt), so namentlich von Acacia decurrens Willd. (30% Gerbstoff!), in Neusüdwales in Schälwaldbetrieb. Auch Mimosaextrakt wird dargestellt und ist sehr geschätzt. Ueber diese und ähnliche Rinden s. hauptsächlich [2], [7], Bd. 1.

II. Hölzer. Nur wenige Hölzer sind so gerbstoffreich, daß sie als Gerbmittel Verwendung finden können. Ein ziemlich gerbstoffreiches Holz liefert die edle Kastanie (Castanea vesca L.); es dient zur Bereitung eines Extraktes; das jetzt zur Erzielung eines hellbraunen Leders Verwendung findet; auch aus Eichenholz wird ein Extrakt dargestellt [18]. Sehr reich an Gerbstoff (10%) ist der Quebracho colorado, das Kernholz von Loxopterygium Lorentzii Griesch. (Anacardiacee im Staate Corrientes in Argentina [19], [20]), aus dem auch ein Extrakt dargestellt wird. Als Gerbhölzer werden noch genannt: Cedrela brasiliensis, Juglans nigra L. var. boliviana D. C, Zanthoxylon Coco Gill. u.a.

III. Unterirdische Pflanzenteile. Dieselben haben mit Ausnahme des Canaigre als Gerbmittel gegenwärtig keine Bedeutung. Die Canaigrewurzel von Rumex hymenosepalus Torren besitzt 23% Gerbstoff und kommt aus Nordamerika (Texas) zu uns; sie wird in neuerer Zeit viel verwendet [32], [33]. Einen sehr hohen Gehalt an Gerbstoff hat angeblich die Nelkenwurzel mit 30% (von Geum urbanum L) [3]; angeführt werden noch Statice coriaria Hoffm. (Rußland), Polygonum bistorta, Potentilla Tormentilla, Iris pseudacorus. In Aegypten dient die Wurzelrinde von Rhus oxycanthoides zum Gerben und Rotfärben [34].

IV. Blätter. Beblätterte Zweige, Kräuter sind wegen ihrer leichten Gewinnung und Verarbeitung noch immer geschätzte Gerbmittel. Unsre einheimischen Ericaceen, wie Ledum palustre L., Calluna vulgaris, Vaccinium myrtillus L, Vaccinium vitis idaea L., waren noch im 18. Jahrhundert in Gebrauch. Gegenwärtig werden die Molleblätter von Lithraea Gilliesii, Quajacan von Caesalpinia melanocarpa Gr. (Argentina), die Blätter des weißen Quebracho, von Pistacia, Rhizophora, Terminalia verwendet. Besonders wertvoll aber sind die als Sumach oder Schmak bezeichneten Gerbmittel, von welchen folgende Sorten unterschieden werden:

1. Echter, sizilianischer (spanischer, portugiesischer) Sumach, die getrockneten und[402] zerkleinerten Blätter von Rhus coriaria L., dem Gerbersumach. Die Blätter werden, nachdem sie an den abgeschnittenen Zweigen dürr geworden, in ein verschieden seines Pulver vermählen. Ueber ihre ausführliche Beschreibung und Mikroskopie s. [36] und [21]. Gerbstoffgehalt 16%. 2. Venezianischer, Triestiner, norditalienischer Sumach stammt vom Perückenstrauch (Visetholz), Cotinus coggygria Scop., und ist weniger wertvoll. 3. Provençalischer, südfranzösischer Sumach, Redoul, von der Gerbermyrte, Coriaria myrtifolia. Ausführliches darüber [22], [36], [37]. Sumach ist ein vorzügliches Gerbmittel für seine, leichte Ledersorten, dient auch zum Schwarzfärben.

V. Früchte (und Fruchtteile). Hierher gehören einige sehr verbreitete Gerbmittel: Valonea (Volonia, Wallonen, Velani, Ackerdoppen, levantinische Knoppern) [23] und [7], die Fruchtbecher mehrerer orientalischen Eichen, insbesondere der Quercus Valonea Kotschy und Quercus macrolepis Kotschy (früher mit andern Arten als Quercus aegilops zusammengefaßt) [24], ferner Myrobalanen, Dividivi, Bablah, Algarobilla und Tarihülsen.

1. Die zahlreichen Sorten Valonea kommen teils von Südosteuropa (griechische, albanesische, ionische Insel-Ware), teils von Kleinasien (Smyrna, Cilicien). Danach unterscheidet man vier Haupttypen, die in beiläufig 60 Handelssorten zerfallen: a) Kleinasiatische oder Smyrna-Valonea, durch Größe der Becher, Weite des Höhlenrandes und aufwärtsstehende oder seitlich zurückgekrümmte breite Schuppen charakterisiert. b) Griechische Insel- und griechische Festland-Valonea mit den etwas abweichenden Candia-, Metelino- und Moreasorten. c) Albanelische oder Golfo-Valonea. d) Caramania- und Adalia-Valonea. Die Fruchtbecher sind halbkugelförmig ausgehöhlt (die albanesischen ellipsoidisch), 3–4,5 cm lang, an der Außenseite mit zahlreichen spiralig angeordneten, entweder angedrückten (griechische) oder stark zurückgeschlagenen (kleinasiatische), lanzettlichen, feinflaumig behaarten, holzig-harten Schuppen dicht besetzt. Die Becherhöhle ist dicht feinflaumig. Die Schuppen sind reicher an Gerbstoff, daher reichbeschuppte Valonea erwünscht ist. Die Schuppen, Drillo genannt, kommen auch für sich zum Verkaufe. Die Sorten mit noch geschlossenen Bechern heißen Camata; sind die Früchte noch klein und unreif, Camattina. Im Handel gilt die Regel, daß die Ware im Korn (d.h. im ganzen Zustande) groß und egal sein muß. Sie lassen sich leicht pulvern und enthalten 20–30% Gerbstoff, Smyrnadrillo 34,6–41%. Ihre Anwendung zum Gerben und Schwarzfärben ist außerordentlich umfangreich. – 2. Myrobalanen (in den Handelsberichten der Zeitungen häufig Myrabolanen geschrieben), die getrockneten Steinfrüchte mehrerer Arten der ostindischen Combretaceengattung Terminalia, gegenwärtig fast nur von Terminalia Chebula Retz flammend. Sie sind dattel- oder länglich-birnförmig, nach beiden Enden verschmälert, bis 6 cm lang, etwas gerundet-fünfkantig mit fünf stumpfen Längsrippen, an der Oberfläche kahl, glatt oder runzlig, grünlichgelb, rötlich- bis schwarzbraun und hart. Die spröde, grünlichbraune, sehr zusammenziehend schmeckende äußere Fruchtschale umschließt einen orangegelben Steinkern, in dem ein länglicher dünner, ölreicher, weißer, von einer bräunlichgelben Samenhaut umhüllter Samenkern enthalten ist. In der Steinschale sind zahlreiche zerstreute, mit einer gelben, bröckligen Masse versehene Höhlungen zu sehen, die sich als Harzbehälter (Riesenzellen) erweisen [3], [7]. Die Myrobalanen enthalten bis 45% Gerbstoff; da sie sehr billig sind (1 Ztr. = 11 sh.), so werden sie als Gerb- und Schwarzfärbemittel in ausgedehnter Weise verwendet. Das Pulver wird auf maschinellem Wege hergestellt. Die hier beschriebenen echten Myrobalanen kommen von Bengalen. Die sogenannten indischen oder schwarzen Myrobalanen (Indian or black Myrobalan) sind die unreifen echten Myrobalanen; alle übrigen Sorten kommen nicht mehr in unserm Handel vor. – 3. Dividivi (Libidibi), die S- oder schneckenförmig gekrümmten, bis 3 cm langen, glatten, kastanienbraunen Früchte von Caesalpinia coriaria Willd., kommen von Caracas, Maracaibo und Curacao in den Handel und werden seit Beginn dieses Jahrhunderts gleich den Myrobalanen verwendet. Neuestens sind große Kulturen des Baumes in Vorderindien, in Britisch-Burmah und auf Ceylon angelegt worden. Der Gerbstoff ist in dem Parenchym der Hülsen enthalten. – Dividivi von Bogota, große flache, fuchsrote Hülsen, stammen wahrscheinlich von Caesalpinia tinctoria (H.B. K.) Benth. und werden in Chile und Peru verwendet; falsche Dividivi, lederbraun oder gelb, schwach gekrümmt, vielleicht von Caesalpinia Paipae Ruiz et Pav. flammend (Chile), sind ebenfalls reich an Gerbstoff. – 4. Als Bablah, Garrat, Neb-Neb, indischer Gallus bezeichnet man die gerbstoffreichen Gliederhülsen verschiedener Acaciaarten, wie Acacia arabica, Acacia nilotica; im Handel finden sich die Hülsen in der Regel in die 1–1,5 cm breiten, nahezu kreisrunden, etwas schiefgezogenen, flachen, graubraunen, feinwolligen oder kahlen Glieder zerfallen. Eine besondere Sorte, die Gousses de Gonaké, flammt von Acacia Adansonii. Gerbstoffgehalt ca. 16%. Ausführliches s. in [7]. – 5. Algarobilla. Darunter versteht man verschiedene südamerikanische gerbstoffhaltige Hülsenfrüchte, hauptsächlich aber die Früchte von Balsamocarpum brevifolium Phil., die in ihrem Gerbstoffgehalt den besten Gallen gleichkommen (bis 68%). Ausführliche Beschreibung s. in [25]. – 6. Tari- oder Terihülsen, die Früchte der in Vorderindien und im Malaiischen Archipel einheimischen Caesalpinia digyna Rottl., enthalten 33,25% Gerbstoff, sind 3–4,5 cm lang, 2–2,5 cm breit, flach, hochbucklig, wo die Samen liegen; braun, glatt, glänzend, ein- bis dreisamig, im Innern durch eine schwammige Mittelschicht (Gerbstoffspeicher) ausgezeichnet.

VI. Samen. Aus dieser Gruppe ist nur ein Same, die Areca- oder Betelnuß, zu nennen, die mit 15% Gerbstoff als Gerb- und Färbemittel wohl selten (viel häufiger aber in Südostasien in Verbindung mit den Blättern als Kaumittel) Verwendung findet. Von Sumatra gehen große Mengen nach Hinterindien. Die Arecanuß ist der Same der indischen Palme Areca Catechu L.; sie besitzt eine verkehrt-kreisel- bis kurz-kegelförmige Gestalt, ist außen vertieft-grobnetzadrig, graubraun bis braunrot und setzt sich hauptsächlich aus dem beinharten weißen, von den eindringenden blutroten Samenhautfortsätzen marmorierten Keimnährgewebe zusammen [3], [26], [27].[403]

Die auch als Gerbmittel verwendeten Extrakte Katechu, Kino und Gambir s. Farbstoffe, pflanzliche.


Gerbstoffe [1]

Literatur: [1] Hanausek, T.F., in Realencyklopädie der Pharmacie, 2. Aufl., Wien 1905, Bd. 5, S. 598 (Uebersichtsartikel). – [2] v. Höhnel, Die Gerberrinden, ein monographischer Beitrag zur technischen Rohstofflehre, Berlin 1880 (die ausführlichste, vollständigste Arbeit über diesen Gegenstand). – [3] Vogl, A., Kommentar u.s.w., Wien 1892, Bd. 2, S. 223–224. – [4] Büchner, in Dinglers Polytechn. Journ., Bd. 184, S. 250. – [5] Neubrand, Die Gerberrinde mit besonderer Rücksicht auf die Eichenschälwirtschaft u.s.w., Frankfurt a.M. 1868. – [6] Vogl, A., Gerbmaterialien, in Karmarsch' und Heerens Techn. Wörterbuch, Prag 1878, Bd. 3. – [7] Wiesner, F., Die Rohstoffe des Pflanzenreichs, 2. Aufl., Leipzig 1903, Bd. 1 und 2. – [8] Dammer, O., Illustriertes Lexikon der Verfälschungen, Leipzig 1886, Art. »Gerbmaterialien«. – [9] Möller, J., Anatomie der Baumrinden, Berlin 1882. – [10] Wessely, Niederösterreichs Eichenrinden, in Allg. Land- u. Forstwirtschaftsztg. 1860, Nr. 17 u. 18. – [11] v. Seckendorff, Die forstlichen Verhältnisse Frankreichs, Wien 1878. – [12] Eitner, W., Die Fichtenrinde als Gerbmaterial, Zentralbl. s.d. ges. Forstw. 1878, Aprilheft, S. 183 ff. – [13] Hampel, L., Gerbstoffuntersuchungen, Zentralbl. s.d. ges. Forstw. 1878., S. 298. – [14] Eitner, W., in Zeitschr. »Gerber« 1875, S. 267, 327. – [15] Ders., ebend. 1879, S. 198. – [16] Ernst, A., Die Beteiligung der Vereinigten Staaten von Venezuela an der Wiener Weltausstellung, Caracas 1873, und Die Produkte Venezuelas auf der Internationalen Ausstellung in Bremen 1874. – [17] Hanausek, T.F., Die Gerbmaterialien Venezuelas, Zeitschr. d. Allgem. österr. Apoth.-Ver. 1876, S. 378. – [18] Eimern. Meerkatz, Ueber die Unterscheidung der verschiedenen [404] Extrakte, Bericht der österr. Gesellsch. zur Förderung der ehem. Industrie, VII, 8. – [19] Vogl, A., in »Gerber« 1878 – [20] Möller, J. Bericht über die Weltausstellung in Paris 1878, Wien 1879. – [21] Hanausek, T.F., Sumach, in Realencyklopädie der gesamten Pharmacie, Bd. 9. – [22] Ders., Redoul, in Pharmaceut Post 1892, S. 1333 ff. – [23] Heldreich, Die Nutzpflanzen Griechenlands, Athen 1862, S. 16. – [24] Kotschy, Die Eichen Europas und des Orients, Wien 1859–62 – [25] Hanausek, T.F., Algarobilla, in Zeitschr. d. Allgem., österr. Apoth.-Ver. 1879. – [26] Ders. Die Nahrungs- und Genußmittel aus dem Pflanzenreich, Kassel 1884, S. 452. – [27] Apoth.-Ztg (Berlin) 1894 S 247 (Entwicklung der Arecanuß). – [28] Kunz-Krause, H., Beiträge zur Kenntnis der Pflanzenstoffe, Pharm. Centralh. 1898 (Fragmente zu einer Monographie der Tannoide) – [29] Hanausek, T.F., Lehrbuch der technischen Mikroskopie, Stuttgart 1901. – [30] Dammer, U., Die farbstoff- und gerbstoffliefernden Pflanzen Deutsch-Ostafrikas, in A. Engler, Pflanzenwelt Deutsch-Ostafrikas, V. – [31] Busse, Ueber gerbstoffhaltige Mangroverinden in Deutsch-Ostafrika, Arb. d. Kais. Gesundheitsamtes 1898. – [32] Chem.-Ztg. 1895, Nr. 11, S. 217; »Der Gerber« Wien 1891 Nr. 401; 1893, Nr. 451; 1897, Nr. 554. – [33] Sakellario, Ueber die Kultur der Canaigrewurzel Publ. d. k. k. Samenkontrollstation in Wien, Nr. 280. – [34] Ascherson, in Sitzungsber. d Ges. nat. Freunde, Berlin 1882, S. 13. – [35] Paeßler, in »Tropenpflanzer« 1905, S. 531. – [36] Hanausek T F Lehrbuch der technischen Mikroskopie, Stuttgart 1901, S. 283. – [37] Villeneuve, Etude sur le Redoul. These, Montpellier 1893. – [38] Hanausek, T.F., Ueber die Gummizellen der Tarihülsen, Bericht d. Deutsch. Bot. Gesellsch. 1902, Bd. 20. – Ferner noch die vermiedenen Berichte über Ausstellungen von W. Eitner.

T.F. Hanausek.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 4 Stuttgart, Leipzig 1906., S. 400-405.
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