Holzbrandtechnik

[111] Holzbrandtechnik (Pyrographie), ein schon vor Jahrhunderten geübtes Verfahren, mittels glühender Stifte aus freier Hand oder mittels glühend gemachter Stempel mehr oder weniger intensiv braune, unverwischbare Zeichnungen figuraler oder ornamentaler Natur auf Holz anzubringen; seit etwa 30 Jahren wieder in Aufnahme gekommen und bedeutend vervollkommnet.

In unsrer Zeit tauchte die Verzierung von Holzgegenständen durch Brandmalerei, wie die Holzbrandtechnik auch genannt wird, in den siebziger Jahren gelegentlich einer Kunstausstellung in München auf, erregte, künstlerisch ausgeführt, allgemeines Interesse, so daß sie[111] heute in vielen Fach- und Gewerbeschulen, weiterentwickelt, eingeführt ist und sich auch als Dilettantenbeschäftigung einen großen Freundeskreis erworben hat. Aus den Lehranstalten gingen Arbeiten von geradezu überraschender Vollkommenheit hervor und ist diese Technik, namentlich seitdem man das polychrome Ornament mit ihr verband, stetig fortgeschritten und jedenfalls berufen, im Kunstgewerbe eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen, da ihre Anwendung eine fast unbeschränkte ist und sich ebenso wie auf Holz auch auf Leder, Stoffe, überhaupt auf Materialien ausführen läßt, deren Oberfläche durch glühendes Metall mehr oder weniger verkohlt werden kann. Sie eignet sich sowohl für die Ausführung der zartesten Zeichnungen, figuralen Darstellungen in Bilderform, ja selbst für Porträts, wie für bessere und seine Möbel als auch für gewöhnliche Möbel, imitierte Bauernmöbel, Plafond- und Wanddekoration. Die aus freier Hand auszuführenden pyrographischen Darstellungen haben noch eine Ergänzung gefunden durch die von Bernhard Ludwig in Wien erfundene, seither auch von andern nachgeahmte Pyrotypie, welche die Ausführung von Holzbrandtechnik auf maschinellem Wege gestattet.

Zur Ausführung der Arbeiten dienen Vorrichtungen, die entweder auf der Wirkung des elektrischen Funkens oder auf der Eigenschaft des Benzins beruhen, sich rasch zu verflüchtigen, also ein Gas zu liefern, welches in einem erhitzten hohlen Metallkörper sich entzündet und diesen zum Glühen bringt. Der elektrische Stift arbeitet zwar sehr schön gleichmäßig, allein er erfordert einen Akkumulator oder Anschluß an eine vorhandene Leitung, wodurch seine Anwendung beschränkt und auch sehr verteuert wird. Es wird daher heute fast ausschließlich der Benzinbrennstift (Paquelins Stift) gebraucht, dessen Handhabung eine außerordentlich einfache und billige ist. Der zugehörige Apparat mit Stift nimmt wenig Raum ein, ist leicht transportabel und billig. Er besteht aus einem Metall- oder Glasgefäße, in dem sich ein Schwamm befindet, zwei leeren, mittels durchbohrten Stöpsels verbundenen Kautschukschläuchen, dem Hand- oder Fußdruckballen, um Benzingas aus dem Gefäß zu pressen, und dem eigentlichen Stifte, durchbohrt, an dessen einem Ende die hohle Platinzunge angebracht ist, während das andre Ende durch den Kautschukschlauch mit dem Benzingefäß in Verbindung steht. Wird über einer Flamme der hohle Platinstift erhitzt und mittels des Druckballens Benzin verflüchtigt und in den Stift eingetrieben, so entzündet sich dieses, bringt den Stift zum Glühen und dieser wird so lange fortglühen, als neue Benzindämpfe zugeführt werden. Mit dem glühenden Stift, der in einer größeren Anzahl verschiedener Formen, dicker, dünner, breit, schmal u.s.w., zu haben ist, läßt sich wie mit dem Bleistift auf Holz zeichnen und die Zeichnung selbst, die ja eine Verkohlung ist, ist unverwischbar. In jüngster Zeit hat man auch mit Alkohol heizbare Stifte hergestellt, die in ganz gleicher Weise arbeiten. Die Holzbrandtechnik, die am besten auf feinfaserige Hölzer (Ahorn, Birnbaum, Linde, auch Pappel) ausgeführt wird, erfordert, wenn sie frei geübt werden soll, einen sehr gewandten Zeichner; ist dieser minder geübt, so muß die Zeichnung sorgfältig und genau aufgepaust oder mit Bleistift ausgeführt werden – Korrekturen gibt es bei dem Verfahren nicht.

Ludwigs Pyrotypie wird wie folgt ausgeführt: Zwei durch Gas erhitzte Bronzewalzen bewegen sich durch einen Kurbelantrieb und mehrfache Räderübersetzung gegeneinander, während das gehobelte Holz durch ein federndes Walzenpaar geht. Gewöhnlich besitzt der obere Zylinder die negativen Formen, während die Mantelfläche der unteren Walze glatt ist. Je nach dem Zwecke sind die Walzen schmale Ringe von einigen Zentimetern Breite bis zu solchen von 60 cm; sie sind entweder nur mit geringen oder mit bedeutenden Vertiefungen und Einschnitten versehen, welche schwach konisch gegen die Achse der Walze laufen. Jeder Ring, jede Walze kann selbstverständlich von der zentralen Achse abgenommen werden, von welcher die Erhitzung ausgeht; sie können einzeln oder kombiniert gleichzeitig zur Verwendung gelangen. Der geringere oder stärkere Druck, der niederere oder höhere Wärmegrad der Walzen, die kürzere oder längere Dauer der Einwirkung, endlich die Größe der Erhabenheiten bezw. Vertiefungen der Preßwalze bewirken eine verschiedenartige Veränderung der Holzplatte. Stets werden diejenigen Stellen, welche der Einwirkung der hervorragenden Walzenstellen ausgesetzt gewesen sind, zusammengedrückt und gebräunt, während, entsprechend der geringeren Erhabenheit, die Zusammenpressung vermindert wird und die Bräunung abnimmt, bis bei den höchstgelegenen Stellen des Holzes wohl eine Komprimierung der Holzmasse, nicht aber eine Veränderung der Farbe herbeigeführt wird. Um zu brauchbaren Resultaten zu gelangen, sind die gleichmäßige Erhitzung sowie die regelmäßige Bewegung Hauptbedingungen. Das Verfahren gestattet die Ausführung von Flach- und Hochreliefs. Die Flachreliefs sind so ausgeführt, daß das Ornament hell auf dunkelm Grunde oder umgekehrt ca. 1–3 mm erhaben erscheint. Läßt man diese ein wenig erhabenen Arbeiten durch glatte Walzen laufen, so pressen dieselben die erhabenen Stellen und verdichten dadurch bedeutend das ganze Gefüge. Das Produkt erlangt das Aussehen einer Intarsienarbeit. Dünne Holzplatten, in einer oder der andern Weise behandelt, bilden z.B. Holztapeten, welche ca. 60 cm breit sind und bei Ahorn- und Pappelholz einen reizenden Seidenglanz zeigen. Außer diesen Tapeten werden hergestellt: Sessellehnen, Sitzteile, Verzierungsstücke für Einlagen, Friese, Umrahmungen, Hohlkehlen, Eierstäbe, links und rechts gewundene Viertelstäbe, Rosetten, Knöpfe u. dergl., überhaupt alle Gegenstände, welche sich zur Verzierung von Möbeln, für Plafond- und Wanddekorationen eignen.

Zwei Eigenschaften machen die brandtechnischen Produkte noch besonders empfehlenswert: 1. Die einmal angenommenen oder besser gesagt aufgedrungenen Formen verändern sich nicht im geringsten durch den Einfluß der Feuchtigkeit, sie quellen nicht mehr, das zusammengedrückte Holz ist im Gegenteil widerstandsfähiger als gewöhnliches Holz. 2. Die Arbeiten lassen sich ganz vorzüglich polieren und lackieren, was sich durch die Verengerung der Poren erklären läßt. Die Schönheit der Gegenstände besteht hauptsächlich darin, daß der Uebergang von mehr oder minder dunkelm Braun bis zur Farbe des Holzes ein allmählicher, sanfter ist; trotzdem besitzen die erzeugten Formen eine reine, scharfe Kontur.

Andés.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 5 Stuttgart, Leipzig 1907., S. 111-113.
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