Alexandrinischer Vers

[26] Alexandrinischer Vers.

Ein sechsfüßiger jambischer Vers, der insgemein nach der sechsten Sylbe einen männlichen Abschnitt, und nach deutschem Gebrauch wechselsweise zwey weibliche und zwey männliche Ausgänge hat, wie aus folgender Stelle zu sehen ist.


Nicht den, der viel besitzt, den soll man selig nennen;

Der das, was Gott ihm schenkt, recht mit Vernunft erkennen,

Und Armuth tragen kann, und fürchtet Schand und Spott,

Die er ihm selber macht, noch ärger, als den Tod.

Opiz.


Dieser Vers ist eine Erfindung neuerer Zeit. Denn ob gleich der sechsfüßige jambische Vers den griechischen Trauerspieldichtern sehr gewöhnlich ist, so ist er doch von diesem ganz unterschieden; weil er sich nicht so, wie er, durch den Abschnitt in zwey gleiche Theile schneidet. Fast alle heutigen Abendländer haben diesen Vers angenommen, und brauchen ihn zu etwas langen, lehrenden oder erzählenden Gedichten: deswegen wird er auch der heroische Vers genennt. Seinen Ursprung leitet man insgemein von einem erzählenden Gedichte her, Alexander der Große, genennt, das im 12. Jahrhundert in französischer Sprache von vier Verfassern, deren einer Alexander von Paris hieß, geschrieben worden ist. Dieses soll das erste Gedicht in zwölfsylbigen Versen gewesen seyn; da die ältern Romanzen achtsylbige hatten.1

Es ist von verschiedenen Kunstrichtern angemerkt worden, daß dieser Vers, so wie wir ihn beschrieben haben, etwas langweilig und unbequem sey, auch in der Folge einen ekelhaften Gleichton in das Gedicht bringe; zumal, wenn man, wie einige ganz unüberlegt rathen, mit jedem Vers einen Sinn der Rede schließt. Opiz und die besten Dichter nach ihm, haben diesem Mangel dadurch etwas abzuhelfen gesucht, daß sie den Schluß des Sinnes an verschiedene Stellen, bald im zweyten, bald im dritten Vers, oder noch weiter hinaus gesetzt haben. Eben aus diesem Grunde haben einige den Abschnitt versetzt. Gewiß ist es, daß viel[26] Kunst dazu gehört, diesen Vers in die Länge erträglich zu machen.

Er scheinet sich zu Lehrgedichten, wo beständig wichtige und neue Begriffe den Geist rühren, noch besser zu schiken, als zur Epopee; wo es unmöglich ist, den Geist oder das Herz in jedem einzeln Vers hinlänglich zu beschäfftigen; wo es nothwendig Stellen geben muß, die matt seyn würden, wenn nicht der Wolklang des Verses sie etwas erhöhte.

Am schlechtesten wird dieser Vers, wenn der Abschnitt sich mit dem Ende reimt. Denn dadurch wird er in zwey halbe Verse getheilet, und man kann nicht mehr wissen, ob man kurze sechsfüßige Jamben oder Alexandriner hört. Herr Dusch hat eine Veränderung in demselben angebracht, indem er ihm weibliche Abschnitte gegeben:


Wie zärtlich klagt der Vogel und ladet durch den Hayn,

Den kaum der Lenz verjüngert, sein künftig Weibchen ein!

Doch, wenn durchs heiße Feld die Sommerwinde keichen,

Das Laub sich dunkler färbt, die dürren Aehren bleichen;

So endigt Vatersorge die Tage des Gesangs,

Und Fleis besetzt die Stunden des süßen Müßiggangs!


Wissensch. VII. Buch.

1S. Versuch über Popens Genie und Schriften, gegen dem Ende des V. Abschn.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 26-27.
Lizenz:
Faksimiles:
26 | 27
Kategorien: