Erdichtung

[331] Erdichtung. (Schöne Künste)

Ist eigentlich jede Vorstellung des möglichen, als ob es würklich wäre; hier aber werden nur diejenigen Erdichtungen betrachtet, von denen auch bisweilen der Mahler den Namen des Dichters bekommt. Im allgemeinen Sinn ist jeder Mensch ein Dichter, aber nur der, welcher vorzügliche Geschiklichkeit hat, Erdichtungen von einiger Wichtigkeit zu machen, die auf die Vorstellungs- und die Begehrungskräfte mit großem Vortheil würken, ist ein wahrer Dichter.

Die Dichtungskraft ist, wie die Einbildungskraft, eine der natürlichen Fähigkeiten des Menschen:1 ihr Werk, oder ihr Geschöpf ist die Erdichtung, von deren Gebrauch in den schönen Künsten, in dem angeführten Artikel, überhaupt ist gesprochen worden. Hier wird die nähere Beschaffenheit der Erdichtungen, nach der Verschiedenheit ihres Endzweks, zu betrachten seyn.

Sie scheinen überhaupt von dreyerley Art zu seyn. Man kann etwas erdichten, das dem gewöhnlichen Lauf der Natur gemäß, und von dem was würklich geschieht blos darin unterschieden ist, daß ihm das historische Zeugniß seiner Würklichkeit fehlt. Von dieser Art ist der gewöhnliche Stoff des epischen und des dramatischen Gedichts, der würkliche [331] in dem sittlichen und politischen Leben der Menschen vorkommende Fälle genau nachahmet, und dabey nichts, als die in der Natur würklich vorhandenen Gegenstände und Kräfte, voraussetzet. Eine andre Art der Erdichtung ist die, wozu die würkliche Natur nicht hinreicht, sondern eine andre Welt und zum Theil andre Wesen nöthig sind, denen aber menschliche Handlungen aus dem sittlichen oder politischen Leben zugeeignet werden. Von dieser Art sind die Verwandlungen des Ovidius, die Erdichtungen in Gullivers Reisen; die Centauren und die Cyklopen der Alten, die Feenmährchen, und was man überhaupt Mythologie nennen kann. Endlich ist eine noch etwas verschiedene Gattung, wodurch die unsichtbare, doch würklich vorhandene Geisterwelt, in eine sichtbare und körperliche Welt verwandelt wird. Dahin gehören die Erdichtungen der Alten vom Elysium und dem Tartarus, die Miltonischen Erdichtungen von Himmel und Hölle und dergleichen.

Bey der ersten Art hat man die Absicht, die würklich vorhandenen Kräfte der Natur, besonders die Seelenkräfte des Menschen, nach ihrer eigentlichen und wahren Beschaffenheit darzustellen; diese Erdichtungen sind im Grund nichts anders als Beyspiele, oder einzele Fälle des würklich vorhandenen. Ihre Eigenschaft ist Wahrheit oder die nächste Wahrscheinlichkeit, sie müssen, wie Horaz sagt, der Wahrheit ganz nahe liegen: Ficta sint proxima veris. Man muß sie für geschehene Dinge halten können, ohne daß deswegen in dem ordentlichen Lauf der Natur das geringste dürfte verändert werden.

Sie erfodern keinen großen Grad der Dichtungskraft, aber desto mehr Verstand und Beurtheilung, weil alles, bis auf das geringste darin, aus der würklichen Natur muß hergenommen seyn. Sie sind das Werk eines höchst verständigen Dichters, der eine große Kenntnis des Menschen und menschlicher Geschäfte hat. Man hält durchgehends dafür, daß im Drama nur diese Erdichtung statt hat, und daß sie zum Heldengedicht nicht hinreichend sey. Es ist aber ein blos willkührliches Gesetz, daß das epische Gedicht nothwendig Erdichtungen der andern Arten erfodere.

Der Dichter kann dabey verschiedene Absichten haben. Er will uns mit merkwürdigen Charakteren der Menschen bekannt machen, oder eine der menschlichen Leidenschaften in ihrer wahren Natur völlig entwikeln; da erdichtet er Umstände, Situationen, Geschäfte und Begebenheiten, an denen sich die Charaktere oder Leidenschaften am deutlichsten in allen Aeusserungen zeigen. Hierüber dörfen wir uns hier in keine nähere Betrachtung einlassen, da über diese Art der Erdichtungen in den Artikeln, welche die dramatische und epische Dichtkunst betreffen, hinlänglich gesprochen worden. Also merken wir nur noch dieses an, daß glükliche Erdichtungen von sehr genau bestimmten Situationen den Stoff zu Oden, zu Satyren, zu Elegien und andern Dichtungsarten abgeben können, deren Schönheit sehr oft hauptsächlich von dem Werth der Erdichtung herkommt. Wer in dieser Art eine Fertigkeit erlangen will, muß ein sehr fleißiger und genauer Beobachter der Menschen seyn; sie ist nur Dichtern von reiferm Alter vorzüglich eigen.

Bey der zweyten Gattung der Erdichtung hat man meistentheils die Belustigung der Phantasie zur Absicht, wo nicht die ganze Erdichtung allegorisch ist, in welchem Fall freylich höhere Absichten zum Grund liegen. Weil sie durch das neue und ausserordentliche der Gegenstände die Aufmerksamkeit reizen und unterhalten, so sind sie sehr geschikt Kleinigkeiten, oder bekannten Wahrheiten und Beobachtungen einen Reiz und eine Neuigkeit zu geben, durch deren Hülfe sie in den Gemüthern haften, welches eine von den Würkungen der Aesopischen Fabel ist. Wer alle Ränke eines kriechenden Höflings, oder die ins unendlich kleine fallenden Thorheiten einiger Stutzer und Stutzerinen, durch die erste Gattung der Erdichtung mahlen wollte, könnte gar leicht langweilig werden. Aber Swifft, Pope, und unser Zachariä haben diese so kleinen Gegenstände durch Erdichtung der Lilliputer, der Sylphen und Gnomen intressant gemacht. Daher kommt es, daß diese Gattung sich vorzüglich zur spöttischen Satyre schikt, die meistentheils so kleine Gegenstände zu behandeln hat, daß es ohne Hülfe dieser Dichtung höchst schweer und beynahe unmöglich seyn würde, intressant zu bleiben. Die größten Spötter Lucian und Swifft, sind auch die größten Meister in dieser Art: Bey der spöttischen Satyre können dergleichen Erdichtungen ins Abentheuerliche fallen, wenn nur der Dichter sich in Acht nihmt, daß das Einzele und die Nebensachen das allgemeine Gepräg und den Ton des Ganzen behalten. [332] Nur eine reiche Phantasie, mit viel Witz und einer bestimmten und herrschenden Laune, kann in dieser Art glüklich seyn; denn sie gränzt sehr nahe ans Abgeschmakte. Wer sich einbildet, daß eine ausschweiffende, träumerische Phantasie allein hinlänglich hiezu sey, der irret sehr. Man muß doch Genie genug haben, dem erdichteten Wesen eine Natur zu geben, die sich überall in so viel besondern Fällen und Umständen auf ihre eigene Art äussert. In einzeln Fällen kann diese Gattung zur ordentlichen Allegorie werden, von deren Würkung und Gebrauch an seinem Ort ist gesprochen worden.

Diese Erdichtungen tragen allemal das Gepräge des Charakters und Temperaments der Dichter. Die allegorischen Personen der Griechen zeigen überall den natürlichen, freyen, anmuthigen, aber auch bisweilen großen und heftigen Charakter dieses Volks; ihre Götter sind erhöhte griechische Menschen. Die Erdichtungen der melancholischen Aegypter und Indianer sind melancholisch, häßlich und ausschweiffend. Von ihnen kommen die ausschweiffenden Erdichtungen der ungeheuren Götter, und der gehörnten Teufel her. Aus ihrer Mythologie haben unsre Mahler die traurigen und zugleich grotesken Bilder der höllischen Geister beybehalten. Zum Glük für die Dichtkunst hat Miltons zwar ernsthaftes, aber schönes Genie, die abentheuerlichen orientalischen Teufel in ausgeartete Engel verwandelt.

Eine genaue Betrachtung verdienen die Erdichtungen der dritten Art, besonders, wenn sie auf ernsthafte Gegenstände, den Zustand der Menschen nach dem Tod, und überhaupt seine Verbindungen mit der unsichtbaren Geisterwelt, angewendet werden. Jedes Volk, das einige Begriffe von diesen wichtigen Beziehungen des Menschen gehabt, hat dieselben durch eigene Erdichtungen sinnlich zu machen gesucht. Es war leicht zu merken, daß blos allgemeine und abgezogene Begriffe davon nicht hinlänglich auf die Gemüther würkten; deswegen haben die Dichter aller Völker, die von diesen Dingen einige Begriffe gehabt, sie durch Erdichtungen sinnlich zu machen gesucht.

Abgezogene Begriffe von der allgemeinen Aufsicht, unter welcher die ganze Schöpfung steht, von dem guten und bösen Schiksal der Menschen nach dem Tode, haben fast gar keine Würkung auf die Gemüther. Nichts kann demnach wichtiger seyn als Erdichtungen, wodurch diese Begriffe nicht nur durch ihre Sinnlichkeit faßlich, sondern auch zugleich einleuchtend werden. Ein glükliches System solcher Erdichtungen wär für die Religion des gemeinen Mannes unendlich besser, als das beste System abgezogener Glaubenslehren, und als die subtileste Schultheologie.

Klopstok scheinet ein solches System ausgedacht zu haben; aber es ist nicht popular. Es setzet durch den Reichthum und den Glanz der Erdichtungen in Bewunderung, müßte aber unendlich einfacher seyn, um allgemein nützlich zu werden. Der Urheber und die ersten Verbreiter der christlichen Religion haben eine sehr gute Anlage zu einem solchen System gegeben; und es ist zu wünschen, daß ein Dichter aufstehe, der das Sinnliche des christlichen Glaubens mit der Faßlichkeit und Anmuthigkeit, mit der Homer die Theologie seiner Zeit in seine Gedichte eingewebt hat, in ein schönes episches Gedicht einwebte. Noch scheinet das, was Bodmer in der Noachide hier und da von Erdichtungen dieser Art hat, das faßlichste zu seyn, aber dabey ist das System noch zu unvollständig.

In einigen einzeln Stüken solcher Erdichtungen ist Klopstok überaus glüklich gewesen; und man kann unter andern seine Beschreibung von dem Tod Ischariots im VII Gesang, für ein großes Meisterstük dieser Art halten. Hätte dieser große Dichter bey der Meßiade sein Hauptaugenmerk auf ein solches sinnliches System gerichtet, und hätte er weniger auf gewisse Lehren der dogmatischen Theologie gesehen, so würde die Religion unendlich mehr dabey gewonnen haben. Doch hätte er das sonst bewundrungswürdige Feuer, und den erstaunlichen Reichthum seiner Phantasie um ein merkliches mäßigen müssen. Es ist zu befürchten, daß auch das Gedicht, was Lavater angekündiget hat, eben so wenig von allgemeinem Nutzen seyn werde. In Werken, die für ganze Völker bestimmt sind, muß Einfalt herrschen. Jeder gemeine Griech konnte alles, was Homer vom Olympus, vom Tartarus und von Elysium sagt, ohne Müh begreifen.

Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 331-333.
Lizenz:
Faksimiles:
331 | 332 | 333
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon