Interessant

[560] Interessant. (Schöne Künste)

Im allgemeinen Sinn ist das Interessante1 dem Gleichgültigen entgegengesetzt, und alles, was unsre Aufmerksamkeit reizet, kann auch interessant genennt werden. Vorzüglich aber verdienet dasjenige diesen Namen, welches die Aufmerksamkeit nicht blos, als ein Gegenstand der Betrachtung, oder eines vorübergehenden Genusses, reizet, sondern was eine Angelegenheit für uns ist, und uns einigermaaßen zwinget unsre Begehrungskräfte anzustrengen. Wir nennen eine Situation in dem epischen oder dramatischen Gedicht interessant, nicht in so fern sie uns blos gefällt, oder in so fern sie angenehme oder unangenehme Empfindung erwekt, sondern nur in so fern es eine Angelegenheit für uns selbst wird, daß die Sachen, nach der Lage, darin wir sie sehen, einen gewissen Ausgang nehmen.

Es giebt Gegenstände die wir mit einigem Vergnügen betrachten, ohne starken Antheil daran zu nehmen. Wir sehen sie als ergötzende Gemählde vor uns, und beobachten das, was sich darin verändert, als bloße Zuschauer, denen es einigermaaßen gleichgültig ist, wie die Sachen laufen, wenn nur nichts widriges dabey geschieht. So sieht ein [560] müßiger Mensch aus seinem Fenster auf die vor ihm herumwandelnden Menschen herunter, und ist zufrieden, wenn nur immer etwas Neues vor sein Gesichte kommt. In dieser Faßung lesen wir auch bisweilen Beschreibungen von Ländern, oder Erzählungen von Geschichten, an denen wir weiter keinen Antheil nehmen, als daß wir uns dabey die Zeit vertreiben. Von dergleichen Dingen sagt man nicht daß sie interessant seyen, weil sie als Sachen angesehen werden, die unsre Personen, oder unsern Zustand, weiter nichts angehen.

Es kann auch seyn, daß Gegenstände dieser Art ziemlich starken Eindruk auf uns machen, ohne darum im engen Verstand interessant zu seyn. Die Vorstellungen, bey denen wir uns größtentheils leidend verhalten; wo wir blos genießen, die Sachen seyen gut oder böse, sind noch nicht von der interessanten Art. Man kann uns freudig, traurig, zärtlich, wollüstig machen, und uns durch dergleichen Empfindungen angenehm unterhalten, ohne uns lebhaft zu intereßiren. Wir nehmen alle diese Eindrüke gern an, weil sie unterhaltend sind, oder uns gleichsam angenehm einwiegen: aber wir finden uns dadurch in keine merkliche Würksamkeit gesetzt; es würde uns alles eben so gefallen, wenn auch die Empfindungen anders, als würklich geschieht, auf einander folgten.

Wenn uns aber Gegenstände vorkommen, die unsre Würksamkeit auffodern; wobey wir uns, als mitwürkende Wesen zeigen; bey denen wir Entwürfe machen; die Wünsche, Furcht und Hoffnung in uns erweken; wo uns daran gelegen ist, daß die Sachen gewisse Wendungen nehmen, und wo wir uns wenigstens in Gedanken thätig erzeigen, etwas zu dem Fortgange der Sachen beyzutragen; alsdenn werden diese Gegenstände interessant genennt.

Das Interessante ist die wichtigste Eigenschaft ästhetischer Gegenstände; weil der Künstler dadurch alle Absichten der Kunst auf einmal erreicht. Erstlich ist er versichert uns dadurch zu gefallen. Denn ob es gleich scheinet, daß der ruhige Genuß angenehmer Empfindungen, der erwünschteste Zustand sey, so zeiget sich doch bey näherer Untersuchung, daß die innere Würksamkeit, oder Thätigkeit, wodurch wir uns selbst, als freye aus eigenen Kräften handelnde Wesen verhalten, die erste und größte Angelegenheit unsrer Natur sey. Diese Würksamkeit ist der erste, wahre Grundtrieb unsers Wesens, der Eigennutzen, oder das Interesse, welches einige Philosophen zur Quelle aller Handlungen machen. Also kann der Künstler uns durch nichts mehr schmeicheln, uns durch nichts mehr gefallen, als wann er uns durch interessante Gegenstände in Würksamkeit setzet. Jeder Mensch wird gestehen, daß die glüklichsten Tage seines Lebens diejenigen gewesen sind, wo seine Seele die größte Würksamkeit geäußert hat.

Noch wichtiger werden intressante Gegenstände dadurch, daß sie überhaupt die innere Würksamkeit des Geistes, die eigentlich den Werth des Menschen ausmacht, vermehren. Nicht die sanften, seeligen, enthusiastischen Seelen, die nach dem ruhigen Genuß, innerer Wollust, wenn sie auch noch so himmlisch wäre, schmachten; sondern die lebhaften, thätigen, nach Würksamkeit durstigen Menschen, sind das, wozu die Natur uns hat machen wollen. Also besteht der größte Werth des Menschen in einer nervenreichen, würksamen Seele. So wie aber die Kräfte des stärksten Körpers durch Ruhe und Müßiggang erschlaffen, da ein Mensch von mittelmäßigen Leibeskräften, durch beständiges Arbeiten stark wird; so werden auch die Nerven der Seele durch bloßen Genuß gleichsam gelähmt. Dieses Einschlafen aber können die schönen Künste hindern, wenn sie uns durch interessante Gegenstände zur Würksamkeit reizen. Dadurch allein leisten sie uns schon einen sehr wichtigen Dienst.

Auf das Vollkommenste aber erfüllet der Künstler die Pflichten seines Beruffs, wenn er die gereizten Kräfte der Seele zugleich vortheilhaft lenket; wenn er uns jederzeit für Recht und Tugend interessirt. Hingegen handelt er auch verrätherisch an dem Menschen, wenn er aus Muthwillen, oder aus verkehrtem Herzen, oder auch blos aus Unverstand, den würkenden Kräften eine schlechte Lenkung giebt. Dieses ist der Fehler den man mit Recht dem Moliere und noch andern comischen Dichtern Schuld giebt, die nur gar zu ofte die Zuschauer für die Boßheit oder für das Laster intereßiren.

Wer andre rühren will, sagen die Kunstrichter, muß selbst gerührt seyn: mit eben so viel Grund kann man sagen, daß der, welcher ein interessantes Werk machen will, eine würksame intereßirte Seele [561] haben müsse. Vergeblich würde man einem überall kaltsinnigen und blos zum Betrachten aufgelegten, oder einem blos nach Genuß schmachtenden Menschen zurufen, er soll interessant seyn. Er wird die Würksamkeit unsers Herzens nicht rege machen, wo er nicht selbst mit Wärme Theil nihmt. Künstler denen eine liebliche Gegend, und ein sanftwehender Zefir wichtigere Gegenstände sind, als Berathschlagungen, oder Unternehmungen, bey denen die würkenden Kräfte ins Spiel kommen, können nicht sehr interessiren. Dazu gehört eine würksame Seele, die gern selbst handelt und an andrer Handlung Antheil nihmt; die sich eine Angelegenheit daraus macht überall Ordnung zu bewürken und Unordnung zu hindern; die leicht Feuer fängt, wo sich die Gelegenheit zeiget, das Gute zu thun, oder etwas Böses zu hintertreiben; die nicht nur ihre eigenen, sondern auch fremde Angelegenheiten fühlt, oder der vielmehr Nichts, was andre Menschen angeht, fremd ist; die, wie Haller es edel ausdrükt, sich in jedem andern findet. Mit einem Worte der Künstler der interessant seyn soll, muß jede allgemeine und besondere Angelegenheit der Menschen zum Hauptgegenstand seines beschäftigten Geistes gemacht haben. Dadurch kommt ihm selbst alles interessant vor, und denn ist er im Stand auch uns in sein Interesse zu ziehen. Ein neuer Beweis, daß der große Künstler ein Philosoph und ein rechtschaffener Mann seyn müsse.

1Es ist wol gleichgültig, ob man Interessant oder Intressant schreibe. Die französische Sprache hat das e aus dem Lateinischen in diesem Worte beybehalten, die englische hat es verworfen.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 560-562.
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