Boleyn

Boleyn

[281] Boleyn (Anna), geb. 1500, zweite Gemahlin König Heinrich VIII. von England, war die Tochter des später zum Grafen von Wiltshire und Ormonde erhobenen Sir Thomas Boleyn.

Die frühesten Lebensumstände Anna's und selbst ihr Geburtsjahr sind ungewiß; 1515 kam sie als Ehrenfräulein von Heinrich's Schwester, Maria, welche mit Ludwig XII. vermählt worden war, an den franz. Hof, wo sie blieb, obgleich ihre bald verwitwete Gebieterin noch im nämlichen Jahre nach England zurückkehrte. Die schöne und geistreiche Anna trat zuerst in die Dienste der Gemahlin Franz I. und nach deren Tode, da ihr das muntere Treiben des franz. Hofes gefiel, in die der Herzogin von Alençon, kehrte aber 1527 ebenfalls in ihr Vaterland zurück und wurde Ehrendame bei der Königin Katharina. Hier verliebte sich deren Gemahl Heinrich VIII. so heftig in sie, daß er die Trennung seiner Ehe beschloß, indem er bei Anna außerdem kein Gehör für seine Wünsche fand. Da jedoch diese Scheidung in Rom auf viele Hindernisse stieß, wurde sie 1533 eigenmächtig vom Erzbischof Thom. Cranmer (s.d.) ausgesprochen und veranlaßte den Abfall Englands von der röm. [281] Kirche; noch vorher hatte sich aber der ungeduldige Heinrich mitseiner zur Gräfin Pembroke erhobenen Geliebten heimlich wermählt und ließ sie später mit vielem Pompe krönen. Sie gebar ihm 1533 eine Tochter die nachherige Königin Elisabeth, zeigte sich als Freundin der Reformation, der Gelehrten und Künstler, mußte aber nach wenig Jahren ihren launenvollen Gemahl, der vergeblich einen Prinzen von ihr zu erhalten hoffte, seine Neigung der schönen Johanna Seymour zuwenden sehen. Von ihren Feinden jetzt des Ehebruchs beschuldigt, wurde Anna verhaftet und ohne daß eine der erhobenen Anklagen erwiesen gewesen wäre, von dem zu dem Ende verordneten Gerichte verurtheilt, nach des Königs Belieben verbrannt oder enthauptet zu werden. Heinrich befahl das Letztere und das Urtheil wurde am 19. Mai 1536 vollzogen. Demüthigst ließ Anna vorher noch die Tochter der geschiedenen Königin wegen alles Übels um Verzeihung bitten, das sie ihr und ihrer Mutter verursacht habe und schrieb aus ihrem Kerker an den grausamen Heinrich: »Danken muß ich Euch noch, denn aus einer Unbekannten machtet Ihr mich zur Gräfin, dann zur Königin und da Ihr mich in dieser Welt nicht weiter erhöhen könnt, sendet Ihr mich zu den Heiligen des Paradieses.«

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 281-282.
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