Amazonenstrom

[173] Amazonenstrom. Tief im Schooße des majestätischen Urgebirges der Andes – das in einer Länge von 2000 deutschen Meilen, ein wahrer Felsenmeridian die Hälfte der Erde umkreist, ruhen die Quellen des größten Flusses der alten und neuen Welt, die Quellen des 600 deutsche Meilen langen Maranon. – Bei niederem Wasserstande fällt dieser gigantische Strom–nachdem er sechzig der allergrößten Flüsse aufgenommen hat, in einer Breite von 15 Meilen in das atlantische Meer, welches davon viele Meilen weit süßes Wasser behält, allein wenn die Regenzeit eintritt, gießen Tag für Tag Bäche in zolldicken Tropfen vom Himmel hernieder, und schwellen alle Gerinne und Waldwasser zu Flüssen, die Flüsse zu mächtigen Strömen – und den Riesenstrom zum fließenden Meere (Mar-anon) an. Aber nicht wie in Europa, ist Zerstörung, Entsetzen und Jammer, Tod und Verderben die Folge dieser jährlich wiederkehrenden Ueberschwemmungen, sondern überschwenglicher Segen. Zwischen den Regengüssen sind täglich sechs bis acht Stunden des herrlichsten Wetters, des reinsten Sonnenscheins, wie bei uns im April – dann überschaut man, von einer klaren, durchsichtigen Luft begünstigt, ein unabsehbares Inselmeer. –[173] Das geblendete Auge kann die Hügel, welche lustig von Pisang und Palmen umgrünt sind, nicht zählen; auf jedem derselben steht romantisch isolirt, eine schöne Pflanzerwohnung, vom Schmuck der Tropenwelt umblüht; mit zart gefärbten, zierlich gezeichneten Blättern umrauscht das Arum collocasia, das rosenroth und grün (in den Blättern, nicht den Blumen) gemalte calladium bicolor – das prächtige schlanke Bambusrohr und die zierliche Canna den Fuß des Berges, auf dessen Höhe unter mächtigen Kokos- und Pfirsichpalmen und baumartigen Farrenkräutern des Pflanzers Wohnhaus steht. Leichte Kähne, von Rudern oder Segeln beflügelt, eilen über die ruhige Spiegelfläche, ein Transportschiff hat das Gepäck eines Reisenden geladen, und hinter demselben schwimmt eine Herde Maulthiere, aber auch hier und da ein dick gepanzertes Krokodil, das sich wohl nicht der Truppe nahet, doch ein durstiges Rind oder Pferd, welches zum Ufer kommt, um zu trinken, beim Kopfe faßt, unter das Wasser zieht und es erstickt. Denn obgleich im Wasser lebend, scheint dieses Thier doch auf das Land angewiesen, da die animalische Bevölkerung des Flusses nicht sehr zahlreich ist, besonders aber da, wo die vielen, ein gelbes, im Großen fast schwarz aussehendes Wasser führenden Steppenflüsse sich in das fließende Meer ergießen, fast ganz verschwindet, wie denn einer von diesen – der Rio negro, nicht das kleinste Fischchen zwischen seinen grasreichen Ufern beherbergt. Der Amazonenstrom erhielt von seinem Entdecker Orellan den Namen, weil dieser an den Küsten desselben bewaffnete Frauen gefunden haben will, welche mit ihren Nachbarn Krieg führten.

V.

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Damen Conversations Lexikon, Band 1. Leipzig 1834, S. 173-174.
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