Vers, Verskunst

[333] Vers, Verskunst. Die einzelnen Abschnitte der Wörter oder die Sylben sind entweder lang oder kurz oder mittelzeitige, d. h. solche, die manchmal lang und ein andermal kurz sind. Die langen Sylben bezeichnet man durch einen kurzen Querstrich (–), die kurzen durch ein oben offenes Häkchen (Vers, Verskunst) und die mittelzeitigen mit Vers, Verskunst. Ein einigermaßen geübtes Gehör läßt uns die Länge und Kürze der Sylben leicht erkennen: hier entscheidet neben der Bedeutsamkeit des Sinnes, dem jeweiligen Nachdrucke, der auf einer Sylbe ruht, vornehmlich die Aussprache. So ist z. B. in gebet das gelang, in Gebet dagegen kurz. Mittelzeitig sind unter andern die Fürwörter. In den Sätzen »du bist gesund« und »bist du gesund?« ist bist einmal lang und das andere Mal kurz, und ebenso ist es mit du. – Aus der bestimmten Zusammensetzung dieser einzelnen Längen und Kürzen, der jedesmal eine ursprüngliche, durch das Gefühl gegebene Harmonie (Rhythmus s. d.) zu Grunde liegt, bilden sich die einzelnen Versfüße, aus deren regelmäßiger Abwechselung jener musikalische Tact entsteht, den man das Metrum nennt. Die gleichgemessenen Reihen der Versfüße selbst nennt man Verse, mit deren regelrechter Bildung sich eben die Metrik oder Verskunst beschäftigt, weßhalb sie eine genaue Kenntniß aller innern und äußern Gesetze des Rhythmus und des Metrums erfordert. – Vergl. die einzelnen Versfüße und Vers- und Gedichtsarten.

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Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 10. [o.O.] 1838, S. 333.
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