Sein

[559] Sein (esse) bedeutet 1. die Beziehung zwischen zwei Begriffen, von denen der erste Subjekt, der zweite Prädikat eines [559] Gedankenurteils ist. Die Beziehung kann entweder Identität oder Gleichheit, oder Subsumtion (Verhältnis von Art zu Gattung, Über- und Unterordnung) sein. Der Begriff des Seins ist so weit nur der Begriff eines Gedankenverhältnisses und gestattet keinen Schluß auf Wirklichkeit; 2. das Verhältnis zwischen Subjekt und Prädikat in einem Wahrnehmungsurteil, z.B. dieser Mensch ist krank. In diesem Falle involviert der Begriff des Seins eine Beziehung auf die Wirklichkeit; 3. direkt die Wirklichkeit, das Dasein, sofern dieser Begriff nur durch die Erfahrung gegeben ist; 4. das Sein im metaphysischen Sinne, welches die philosophische Überlegung als den Grund der Welt ansieht. Die Wissenschaft von diesem metaphysischen oder absoluten Sein nennt man Ontologie. Das absolute Sein kann auf dreierlei Weise gedacht werden, entweder mit den Eleaten, Atomisten, Leibniz und Herbart als das schlechthin Einfache, Unterschiedslose, oder mit Platon, Aristoteles, Spinoza, Schelling und Hegel, als ein Werdendes, sich durch das Mannigfaltige hindurch Entwickelndes; oder aber man verzichtet überhaupt darauf, das »reine« Sein zu erkennen, erklärt es für ein Unbestimmbares und begnügt sich mit der subjektiven Auffassung, die unsere Erfahrung von der Welt haben kann. So dachten im Mittelalter die Nominalisten, in neuerer Zeit Bacon, Locke, Hume, Kant u.a. Die Auffassung des absoluten Seins ist natürlich eine verschiedene für den Realismus, Idealismus und die absolute Philosophie. – Das Verhältnis von Sein und Denken untersucht die Erkenntnistheorie. Vgl. Außenwelt, Idealismus, Schein.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 559-560.
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