Einhorn [2]

[455] Einhorn (Monoceros), Fabeltier von Pferdegestalt, mit geradem, vorwärts gerichtetem Stirnhorn, als dessen Vaterland bald Indien, bald Afrika angegeben wurde, wird schon von Aristoteles, Plinius und Älian erwähnt. Afrikanische Reisende fanden dort dieselbe Sage, auch Zeichnungen des Tieres an Felswänden etc., die sich aber als Profilzeichnungen geradhörniger Antilopen erklären. v. Müller (»Das E. vom geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Standpunkt«, Stuttg. 1853) hat die Existenz des Einhorns wissenschaftlich nachzuweisen versucht. Es ist aber wahrscheinlich, daß die ganze Sage nur von den persischen Einhorndarstellungen am Säulenkapitell (s. Tafel »Tierornamente I«, Fig. 5) herrührt, wobei fossile Funde, wie z. B. große Hörner eines rhinozerosartigen Tieres (Elasmotherium?), eine Rolle spielen mögen. Im Mittelalter zeigte man in den Sammlungen Rhinozeroshörner oder Narwalzähne als E., und der Narwal empfing den wissenschaftlichen Namen des Einhorns (Monodon Monoceros). Man schrieb diesen vermeintlichen Hörnern, die geraspelt als Mittel gegen alle Gifte galten, einen ungeheuern Wert zu, weshalb auch die markgräflichkulmbacher Schatzkammer auf der Plassenburg von ihren vier »Eingehörnen« nur an fürstliche Personen, die sich für vergiftet hielten, Raspelspäne abgab. Die Republik Venedig bot angeblich 1559 für eins dieser Gehörne 30,000 Dukaten vergebens. Das E. galt als Symbol der Jungfräulichkeit (man sieht auf alten Teppichen, Kupferstichen und Gemälden häufig die Jungfrau Maria, in deren Schoß sitzend sich ein E. schmiegt), es ist das Attribut der heil. Justina (z. B. auf dem Gemälde von Moretto im Hofmuseum zu Wien) und wurde auch häufig als Wappentier verwendet (s. die Abbildung bei »Allianzwappen«, Bd. 1).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 5. Leipzig 1906, S. 455.
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