Trauerverstümmelung

[677] Trauerverstümmelung, blutige Verstümmelung des eignen Körpers als Kundgebung der Trauer bei Naturvölkern und ältern Kulturvölkern. Ihren letzten Beweggrund findet sie in dem bei primitiven Völkern ganz allgemein vorhandenen Glauben an die Unnatürlichkeit des Todes, der in jedem einzelnen Falle von einem Mitmenschen verursacht sein muß. Über die Maßnahmen der Rache für diesen Eingriff s. Trauer. Da nun niemand sicher sein kann, daß nicht auch er selbst jenen Tod verursacht hat, so ergehen sich nicht nur einzelne, sondern ganze Stämme[677] und Völkerschaften in wilder Selbstanklage, sie legen sich, um sich dem Toten gegenüber zu rechtfertigen, die unerhörtesten Qualen und Martern auf und verstümmeln den eignen Körper durch Stechen und Schneiden in bestimmte Körperteile, durch Abschneiden bestimmter Gliedmaßen (meist von Fingergliedern, aber auch von Zehen und Ohren), durch Ausraufen des Haares, Werfen auf den Boden, um dem Körper Schmerzen und Wunden zu verursachen, etc. Finger opfer galten früher als Ablösungsformen für das Leben der Witwe oder fürstlichen Diener, die dem Gatten oder Häuptling in den Tod zu folgen hatten, wie ja auch bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen, die ebenfalls das Fingeropfer kennen, die Witwe einige Augenblicke ihr Haupt neben das des Toten auf den Scheiterhaufen legen muß (vgl. Manendienst und Menschenopfer). Neuerdings hat es Preuß jedoch wahrscheinlich gemacht, daß nicht eine Ablösung des Rache- oder des Begleitopfers (s. Trauer) vorliegt, sondern eine bestimmte Art der Selbstrechtfertigung vor dem Toten. Auf den Sandwichinseln wurde beim Tode des Herrschers jedem Untertan ein Vorderzahn ausgeschlagen oder beide Ohren abgeschnitten. An vielen Orten trat die Hergabe von Blut am Grab an die Stelle des Fingeropfers, und bei den Lakedämoniern versammelten sich beim Tode des Königs Männer, Weiber und Sklaven in großen Haufen und rissen sich mit Dornen und Nadeln das Fleisch von der Stirn. Den Juden gebot das mosaische Gesetz: »Ihr sollt kein Mal um eines Toten willen an eurem Leibe reißen....« (3. Mos. 19,28). Die Skythen schnitten sich Stücke vom Ohr ab, schoren sich ringsum die Haare, ritzten sich Stirn und Nase und stießen sich Pfeile durch die linke Hand hindurch. Ähnlichen Gebräuchen haben die Patagonier, fast alle Südseeinsulaner, viele Arktiker, Nord- und Südamerikaner gehuldigt; manchmal haben die Trauernden sich bis zum Verbluten zerfleischt, ja sogar Selbstmord begangen. Diesem vereinzelten Extrem steht als harm- und schmerzlose T. das Scheren von Haupt- und Barthaar gegenüber, das von den alten Juden, den Griechen, Hunnen, Serben, Süditalienern, Chinesen, Australiern, Madagassen, Süd- und Nordafrikanern und sämtlichen Amerikanern bekannt ist. Bei den alten Ägyptern schoren sich die Einwohner von Kynopolis, deren Totemtier der Hund war, das Haar sogar, wenn eins dieser Tiere starb. Vgl. R. Andree, Die T. (in »Ethnographische Parallelen und Vergleiche«, Bd. 1, Stuttg. 1878) und die Literatur bei Artikel »Trauer«.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 677-678.
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