Die vereinigten Staaten von Nordamerika

[264] Die vereinigten Staaten von Nordamerika, welche man auch die Amerikanischen Staaten und schlechthin Amerika, Nordamerika nennt, liegen in dem südöstlichen Theile von Nordamerika, und bestehen gegenwärtig schon aus folgenden 16 einzelnen Staaten: Neu-Hampshire, Massachusets, Rhode-Island, Connecticut, Neu-York, Neu-Jersey, Pensylvanien, Delaware, Maryland, Virginien, Nord-Carolina, Süd-Carolina, Georgien (das sind die dreizehn ursprünglichen Staaten) Vermont, Kentucky und Western-Territory. Hierzu kommt noch das weitläuftige, zur Zeit noch wenig angebaute Congreßland, oder das der Union (m. s. d. Art. Constitution der V. St. von Nordamerika) gehörige Land im Westen, welches den neuen Ankömmlingen angewiesen wird, und dessen einzelne Districte, wenn sie die bestimmte Volkszahl haben, nach und nach für unabhängige Staten erklärt werden. Der Flächeninhalt des gesammten Gebiets der vereinigten Staaten, das in seinem ganzen Umfange gegen Norden Neu-Schottland, [264] das Brittische und freie Canada, gegen Westen zum Theil die 4 großen Seen und freien Indianerländer, südlich die Spanische Provinz Florida und östlich das Atlantische Meer zur Gränze hat, beläuft sich wenigstens über 40,000 Deutsche Quadratmeilen; und die von Jahr zu Jahr zunehmende Volksmenge wird schon über 5 Millionen Menschen berechnet. Bei der Größe dieses Landes kann auch das Clima nicht überall gleich sein; im Ganzen ist die Luft sehr gemäßigt, doch ist es unter denselben Graden der Breite rauher als in Europa. Eben so verschieden ist auch die Beschaffenheit des Bodens, der bald gebirgig (die Appalachen, ein beträchtliches Gebirge, durchstreichen das Land in mehrern Aesten der Länge nach) und waldig, bald eben ist; im Innern ist es sehr fruchtbar. Die Hauptproducte find: Getreide, Reiß, Flachs, Hanf, Tobak, Indigo, Obst, viel Holz (vorzüglich zum Schiffbau brauchbar), eine große Menge Vieh, Eisen, Kupfer, Marmor, und in den südlichen Provinzen selbst Seide und Baumwolle. Die Einwohner der vereinigten Staaten bestehen aus Engländern, Deutschen, Franzosen und Holländern, die aber größten Theils im Lande geboren sind. Ihre wichtigsten Beschäftigungen sind Feldbau, Viehzucht, Fischerei (sie nehmen einen großen Antheil an dem Stockfischfang bei Terre Neuve und am Wallfischfang); und wenn ihre Fabriken und Manufacturen auch noch nicht in dem Staude sind, daß sie des Auslandes entbehren können, so bringt ihnen doch die Ausfuhre ihrer mannigfaltigen rohen Producte im Handel einen beträchtlichen Gewinn. – Für die geistige Cultur fängt man an rühmlich zu sorgen. Uebrigens giebt es hier keine privilegirten Stände und keine herrschende Religion, ungeachtet die protestantische einige Vorzüge genießt; alle Religionssecten werden geduldet und wohnen friedlich neben einander. Der Wohlstand dieser Republik, die den Keim zukünftiger Größe in sich enthält, ist seit der kurzen Zeit ihrer Gründung schon zu einer bewundernswürdigen Höhe gestiegen; und ob sich gleich die Nationalschuld noch auf 106 Millionen Thaler beläuft, so läßt doch der ansehnliche Ueberschuß der jährlichen Staatseinkünfte, verbunden mit einer weisen Oekonomie, die baldige Tilgung derselben hoffen. Daß übrigens in einem von Ausgewanderten und Vertriebenen[265] aus allen Ländern Europens bevölkerten Lande das goldene Weltalter und die Unschuld der Sitten des Paradieses nicht zu suchen sei, läßt sich, wie ein schätzbarer Schriftsteller sehr richtig sagt, von selbst denken. Auch herrscht auf jeden Fall zu viel Rücksicht auf Privatinteresse und zu wenig Trieb etwas für das Ganze zu thun, daß die Nordamerikaner nicht für jede Erschütterung ihrer bisherigen Ruhe (während welcher ihnen dieser Egoismus weniger nachtheilig wird) besorgt zu sein Ursache hätten. – Die vereinigten Staaten haben hin und wieder noch mit den Indianern zu kämpfen, die zum Theil in ihrem Gebiet wohnen und ihre Gränzen oft beunruhigen. An dem gegenwärtigen Französischen Kriege haben sie keinen Antheil genommen. In den ersten Jahren desselben begünstigten sie vorzüglich die Franzosen, welche nicht nur sehr viele Kriegs- und Lebensbedürfnisse von ihnen erhielten, sondern auch selbst feindliche Prisen in den Amerikanischen Häfen aufbewahrten. Als aber die Engländer ihre Unzufriedenheit darüber durch die Wegnahme mehrerer Amerikanischer Schiffe zu erkennen gaben, sahen sie sich bei dem Mangel einer Marine und bei der Uebermacht der Engländer auf dem Meere genöthigt, den ihnen von England vorgeschlagenen Handelstract i. J. 1795 anzunehmen, der zwar in vieler Hinsicht vortheilhaft für sie ist, aber doch unter ihnen selbst nicht wenig Widerspruch fand. Frankreich glaubte sich durch diesen Tractat beeinträchtigt; und daher ist neuerlich ein großes Mißverständniß zwischen beiden Republiken entstanden, und schon haben die Franzosen angefangen, die Amerikanischen Schiffe feindlich zu behandeln. Indeß ist wohl die Hoffnung des wieder herzustellenden guten Vernehmens noch nicht ganz verschwunden.1 Eine der neuesten Schriften über die vereinigten Staaten ist: Reponse aux principales questions, qui peuvent être faites sur les états unis de l'Amerique, par un Citoyen des E. U.2


Fußnoten

1 Indeß rüstet sich, den neuesten Nachrichten zu Folge, der Nordamerikanische Gesandte zur Abreise von Paris.


2 Nachrichten aus Amerika sagen, daß eine Völkerschaft in dem nordwestlichen Theile der vereinten Freistaaten, die sich nach ihren eigenen Gesetzen regiert, im Sept. 1797 die dreifarbige Fahne aufgesteckt und erklärt habe, sich künftig den Gesetzen der Fränkischen Republik zu unterwerfen. Die neuesten Briefe sagen dieses von den Illinois, einer kriegerischen Nation im Nordwesten von Amerika, und verbinden damit die Thatsache, daß i. J. 1793 ein Fränkischer Offizier, Lachaise, durch die vereinigten Staaten nach Kentucki reiste, welcher den Auftrag gehabt haben soll, die westlichen Nationen zu einem Aufstand zu bereiten, damit Frankreich durch ihre Hülfe Canada und Luisiana erhalten möchte. So viel ist gewiß, sagt ein Kenner der Nordamerikanischen Angelegenheiten, daß die Wilden, wiewohl bei ihnen der Sinn für die Französischen Grundsätze der Menschenrechte nicht vorauszusetzen ist, dennoch leichter von den Franken (von denen sich insbesondere viele bei den genannten Illinois angebaut haben) als von den Amerikanern und Engländern in ein gemeinschaftliches Interesse gezogen werden können, und von jeher wirklich gezogen worden sind. Die Neigung der Indianer gegen die Franken und ihr alter Haß gegen die weißen Nordamerikaner könnte leicht den Grund zu einem neuen Kriege legen. Die Abneigung der Nordamerikanischen Provinzen jenseits der Gebirge gegen die an den Seeküsten liegenden Provinzen könnte leicht jene Provinzen zu einer Verbindung mit den Franken gegen die andern Nordamerikanischen Staaten bringen, besonders wenn Frankreich ihnen die freie Schifffahrt auf dem Missisippi garantirte.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 3. Amsterdam 1809, S. 264-266.
Lizenz:
Faksimiles:
264 | 265 | 266
Kategorien:

Buchempfehlung

L'Arronge, Adolph

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Als leichte Unterhaltung verhohlene Gesellschaftskritik

78 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon