Geisteskrankheiten

[355] Geisteskrankheiten. Wie sich durch die Erfahrung bewies, daß die Seele ein aus einzelnen Fähigkeiten und geistigen Aeußerungen zusammengesetztes Ganze sei, dessen einzelne Theile eben so wie ein Organ des Körpers vorherrschend ausgebildet, angestrengt und ertödtet werden könnten, so ergab sich daraus eine Klassisication dieser Störungen, die sich auf folgende Hauptarten zurückführen lassen: Blödsinn, bei dem der Mensch fortwährend keiner lebhaften und bestimmten Vorstellung fähig ist; Dummheit oder allgemeine Abstumpfung der geistigen Empfänglichkeit und Selbstthätigkeit; Albernheit oder kindisches Unvermögen, Vorstellungen zu festen Begriffen zu verbinden; Verrücktheit oder verkehrte, dem gesunden Verstande widersprechende Vorstellungen ohne Ueberzeugung der Absurdität derselben; Wahnwitz oder falsche Vorstellungen über die Gegenstände und ihre Verhältnisse; Aberwitz oder falsche Vorstellungen von übersinnlichen Gegenständen; Narrheit oder falsche Vorstellungen über sich selbst, z. B. die Einbildung, eine andere Person und mit andern Eigenschaften zu sein; Melancholie oder Trübsinn, wenn ein durch verschiedene Ursachen traurig gestimmter Mensch nicht die Kraft hat, von seinen Ideen sich zu befreien und in dem traurigen Wahne lebt, der das Bild einer gewissen Existenz ihm vorspiegelt, die einen ordentlichen[355] Zusammenhang der Ideen beurkundet, obgleich die Gedanken außerdem unzusammenhängend und die Ansichten falsch sind. Wahnsinn oder falsche Beurtheilung eines oder aller Gegenstände, wodurch Handlungen veranlaßt werden, welche den gesunden Menschen widersinnig und unvernünftig vorkommen; Manie oder Raserei ist ein dauerndes, fieberloses Delirium mit Aufregung der vitalen Kräfte und die Wuth eine Steigerung oder ein Symptom dieses Zustandes. Das Bereich dieser Uebel ist aber groß, denn nicht bloß Tolle, Rasende, Tiefsinnige und Narren sind geisteskrank, sondern auch die, welche im geringen Grade an falschen Vorstellungen und Einbildungen leiden, sind bei übrigens vernünftigem Leben eben so geisteskrank, wie wir einen Menschen mit kleinen Uebeln für körperkrank halten, wenn er auch nicht darnieder liegt. Menschen mit großer Gelehrsamkeit sind nicht selten in andern geistigen Beziehungen sehr schwach und haben große Neigung zur einseitigen Narrheit, die aus Eitelkeit und Selbstsucht entsteht. Menschen, deren Leben oder Zweck des Daseins verfehlt, deren Seele vergiftet, deren Körper geschwächt, deren Gemeingefühl durch Vorherrschen eines Organs, eines Triebes verändert ist, leiden an falschen Vorstellungen und haben Visionen, wie Hypochonder, Hysterie u. s. w. Geisteskrankheiten entstehen durch Erblichkeit, ungeregelte, übereilte und nicht gleichmäßig für alle Fähigkeiten vertheilte Ausbildung der Seele, Schwangerschaft, Wochenbetten, schlechte Luft, schwere Speisen, sitzende Lebensart, Gifte, Würmer, Hitze, Kälte, zu stark genährte Einbildungskraft, Träumereien, Mangel des Schlafs, religiöse Schwärmerei, Leidenschaften etc. Zerstreuung, einfaches Leben ohne gesteigerte Ansprüche und Vergnügungssucht, körperliche Bewegung, Frohsinn, reizlose Diät, Anspruchslosigkeit, Demuth, Zufriedenheit, echte Religiosität bewahren vor den traurigen Trübungen des Geistes (s. Gehirn).

D.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 355-356.
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