Theodicee

[628] Theodicee (franz. théodicée v. gr. theos = Gott und dikaioun = rechtfertigen) heißt die Rechtfertigung Gottes gegen die Anklage, daß er am Übel und der Sünde in der Welt schuld sei. Der bewegende Gedanke der Theodicee ist, den Zweifel an der Existenz Gottes oder an der Gerechtigkeit und Güte Gottes zu beseitigen, den Übel und Sünde im Menschen erwecken. Daher ist der Kern der Theodicee so alt als das Denken der Menschen und kehrt in mythischer, poetischer und philosophischer Form bei allen Völkern wieder. Im Alten Testament gehören dahin das Buch Hiob und die Psalmen (37. 49.), im N. T. d. 9. Kap. des Römerbriefes. Den Gnostikern und Manichäern gegenüber machten Origenes und Augustinus (de civitate dei) theodiceische Versuche.

Auch die Philosophie hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Zuerst tat dies Platon (427-347), der die Ideen und vor allem die Idee des Guten, Gott, als das wahrhaft Reale ansah und lehrte, daß um des Guten willen jedes Ding seine Existenz habe. Die Welt sei das Schönste von allem Entstandenen; sie sei von dem besten Werkmeister als Nachbild des höchsten Urbildes geschaffen. Gott sei nicht am Übel Schuld (Tim. 42 D tês epeita – kakias hekastôn anaitios), er sei neidlos. Die Verähnlichung mit ihm, nicht die Lust, erklärte Platon für das höchste Gut (s. d.). Niemand sei freiwillig böse; denn alles Wollen gehe seinem Wesen gemäß auf das Gute. – Dieselbe Ansicht finden wir bei Aristoteles (384-322), dessen Standpunkt durchaus teleologisch ist. Er betrachtet Gott als die stofflose ewige Form, das erste selbst unbewegte Bewegende, die reine Aktualität, die sich selbst denkende Vernunft, die von allen geliebt wird und der sich alles zu verähnlichen strebt. Alle naturgemäße Bewegung ist zweckmäßig, doch stuft sich die Vollkommenheit je nach der näheren oder entfernteren Einwirkung Gottes ab. Die Organismen findet Aristoteles bewundernswert, schön und göttlich. Das Ziel menschlicher Tätigkeit, die Glückseligkeit, beruht auf vernünftigem oder tugendhaftem Verhalten, an das sich als Blüte naturgemäßer Vollendung die Lost knüpft. – Die Stoiker untersuchten zuerst das Verhältnis Gottes zum Bösen. Alles geschieht gemäß der Heimarménê, welche die Vernunft im All, das strenge Kausalgesetz ist. Kleanthes nimmt nur die bösen Taten aus, sie geschehen durch die Unvernunft der Schlechten, werden aber doch auch von Gott zum Guten gelenkt. Chrysippos unterschied[628] zwischen Haupt- und Nebenursachen. Die Vorsehung (d.h. die Notwendigkeit) ordnet alles; ihrer Logik kann man sich getrost anvertrauen. Gott ist der Vater aller, wohltätig und menschenfreundlich. Die Welt muß als im ganzen tadellos und vollkommen bezeichnet werden. Dies gehe aus ihrer Gestalt hervor – sie ist kugelförmig! – und aus der Farbe, Größe und Mannigfaltigkeit der sie umgebenden Gestirne. Sie ist ferner durchaus zweckmäßig eingerichtet, nichts ist umsonst und nutzlos da, sondern jedes Ding ist für ein anderes geschaffen. Ein eigentliches Übel gibt es nicht in der Welt; denn alles rührt von Gott her; was im einzelnen weniger gut erscheint, muß zur Mannigfaltigkeit und folglich zur Vollkommenheit des Ganzen beitragen. –

Die klassische Darstellung der Theodicee hat Leibniz (1646 bis 1716) 1710 gegeben; er widmete sie der Königin Sophie Charlotte und führte in ihr folgende Gedanken durch: Mit der moralischen Weltregierung Gottes scheinen die Übel in Widerspruch zu stehn; diese sind dreifacher Art: 1. das metaphysische, welches in der Unvollkommenheit der Kreaturen als solcher besteht; 2. das moralische Übel oder die Sünde; 3. das physische oder das Leiden der Kreaturen. Die Kreaturen sind nach Leibniz' Auffassung idealer Natur und kraft dieser Natur in den ewigen Wahrheiten eingeschlossen. Dennoch ist das Übel nicht nur möglich, sondern, da die beste der Welten es in sich schließt, auch notwendig. Das metaphysische Übel ist unvermeidlich, da es in der Endlichkeit der Schöpfung begründet liegt. Das moralische Übel will Gott zwar nicht, aber es ist vorhanden; das physische will er nur bedingungsweise, nämlich als Strafe oder als Mittel, um größere Übel zu verhindern; auch zur Besserung und zur Vervollkommnung soll das physische Übel dienen. Das moralische Übel kann also nur als Bedingung, ohne welche das Gute nicht erreicht werden könnte, angesehen werden. Gottes Tätigkeit geht nur auf Positives, das Böse aber ist etwas Negatives. Gott ist die Ursache der Vollkommenheit in der Natur und in den Wirkungen der Kreatur; aber ihre Beschränktheit ist die Ursache des Mangels ihrer Handlungen. Denn Gott konnte der Kreatur nicht alles mitteilen, ohne sie selbst zu Gott zu machen. – Ein Zeitgenosse Leibnizens, Will. King, hat 1702 ebenfalls eine Theodicee (de origine mali) versucht. Die Welt, meint er, ist so vollkommen gemacht, als es der höchsten Macht, Weisheit und[629] Güte möglich war. Gut und Übel sind relative Begriffe; gut ist, was sich selbst oder was anderem angemessen ist, übel dagegen, was irgend einen von Gott dem Wesen eingepflanzten Trieb täuscht und es zwingt, zu tun oder zu leiden, was es nicht will. Dieses Übel ist dreifach: Das Übel der Unvollkommenheit, das natürliche und das moralische Übel. Da vollkommene Kreaturen ein Widerspruch in sich sind, so wollte Gott lieber unvollkommene als keine. Über die Unvollkommenheit des Einzelnen können wir nicht urteilen, weil wir das Ganze nicht kennen. Nichts in der Welt ist überflüssig, aber jedes bedarf des ändern. In der Natur kann nichts anders geschehen, als es geschieht; es geschieht auch nichts anders, als es geschehen sollte; denn was nicht anders geschehen konnte, geschieht so, wie es geschehen sollte. Das Böse löst sich also in das Schädliche auf. Übeltäler werden gestraft, nicht weil sie es verdient haben, sondern um andere dadurch zu bessern. Diese Theorie des Determinismus ist zwar hart, aber logischer als der Indeterminismus. Sie zieht einen Begriff der Freiheit vor, wonach diese die Dinge nicht wählt, weil sie gut sind, sondern die Dinge gut sind, weil die Freiheit sie wählt. Diese Freiheit besitzt Gott und hat sie den Menschen mitgeteilt. Wäre es aber nicht vorteilhafter gewesen, wenn Gott den Gebrauch der Freiheit lieber ganz verhindert hätte? Dies hätte er tun können, wenn er entweder kein freies Wesen geschaffen oder den freien Willen an der Wahl des Bösen gehindert oder den Menschen gegen alle Versuchung gesichert hätte. Alle drei Möglichkeiten waren aber Gottes unwürdig.

Vgl. Hegel, Phänomenologie. 1832. Blasche, das Böse im Einklang mit der Weltordnung. 1827. Schopenhauer, die Welt als Wille und Vorstellung. 1819. M. Carriere, die sittl. Weltordnung. 1877. H. Lotze, Mikrokosmus. 4. Aufl. 1884 ff.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 628-630.
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