Brunnengründung

[368] Brunnengründung, grundsätzlich nichts andres als Gründung auf einzelnen Pfeilern (s. Pfeilergründung), die zunächst hohl – brunnenartig – ausgeführt und erst nach vollzogener Senkung ausgefüllt werden. Wie bei der Pfeilergründung werden auch die Brunnen nach geschehener Senkung und Ausfüllung oben durch geeignete Konstruktionen verbunden, um darauf das betreffende Bauwerk errichten zu können.

Die natürlichste und allen Einwirkungen am leichtesten widerstehende Grundrißgestalt der Brunnen ist die kreisrunde Form und wird auch vielfach, namentlich für Hochbauten und Ingenieurbauwerke von großer Längenausdehnung, angewendet, ist es erwünscht, den Brunnen im oberen Teil viereckig zu gestalten, so kann man durch geeignete Auskragung der oberen Steinschichten die runde in die viereckige Form übergehen lallen. Indes gibt man den Brunnen vielfach auch andre Grundrißgestalt; man wählt Formen, die sich dem Grundriß des zu fundierenden Bauwerkes tunlichst anschließen. Um das Senken der Brunnen zu erleichtern, läßt man, wenn auch in geringem Maße, ihre Querschnittsabmessungen nach oben abnehmen, sei es, daß man sie konisch gestaltet, sei es, daß man ihren Grundriß in 60–75 cm Höhe über der Unterkante einzieht. Bei Hochbauten wird jede Außen- und Innenmauer auf eine größere Zahl von Brunnen gefetzt; an alle Ecken, an Punkte, wo eine Mauer gegen die andre flößt oder zwei Mauern einander kreuzen, unter die Fensterpfeiler u.s.w. kommt je ein Brunnen zu flehen; sie erhalten Entfernungen von 3–4 m (von Mitte zu Mitte). Brückenpfeiler hat man in einigen Fällen auf einen einzigen Brunnen gesenkt; doch verursacht das Senken so kolossaler Brunnen Schwierigkeiten. Zweckmäßiger ordnet man zwei oder, wenn die Längenabmessung des Pfeilers im Verhältnisse zu seiner Breite sehr groß ist, noch mehr Brunnen (Fig. 1 und 2) an; bei den indischen Eisenbahnbrücken sind für jeden Pfeiler 3–12 Brunnen zur Ausführung gekommen. Andre Ingenieurbauwerke erhalten eine ihrer Grundrißform entsprechende Zahl und Genalt der Brunnen (Fig. 3); zur Gründung von Stützmauern (Fig. 4), Bogenbrücken, überhaupt bei allen Bauwerken, die einem starken Seitenschübe zu widerstehen haben, stellt man die Brunnen möglichst nahe aneinander (30–80 cm) [1]. Um dem Brunnenmauerwerk beim Senken einen festen Zusammenhang zu geben, wird es auf einen Kranz oder Schling gefetzt; dieser kann aus Holz (eventuell mit Eisenarmierung) oder aus Eisen konstruiert werden. Für das Mauerwerk selbst empfiehlt sich am meisten die Anwendung guter Klinkerziegel und eines guten Zementmörtels; Traßmörtel erhärtet zu langsam. Anstatt der Ziegel kann man auch, besonders in den höheren Schichten, bearbeitete Bruchsteine oder Quader benutzen ( s.a. Grubenmauerung). Bisweilen kommen Betonbrunnen zur Anwendung. Für die Ausfüllung der Brunnen kann jedes gute Steinmaterial und jeder gute hydraulische Mörtel (selbst Traßmörtel) benutzt werden. Ausfüllungen[368] mit Beton, auch solche mit trockenen Steinen oder mit Schotter kommen gleichfalls vor. Soll die Ausfüllung im Trockenen geschehen, so muß vor dem Wasserschöpfen eine dichtende Betonsohle ausgeführt werden. Die Verbindung der einzelnen Brunnen miteinander (bei Gründungen im Wasser in der Höhe des Niederwassers vorzunehmen) geschieht durch Uebertragung der oberen Mauerwerksschichten oder durch Ueberdeckung mit Steinplatten oder durch kräftige Gewölbe (Fig. 4). Soll die Brunnensenkung im Trockenen stattfinden, so ebnet man das Terrain ab, verlegt den Brunnenkranz und mauert bis zu jener Höhe, die einerseits zum Gewicht für bequemes Sinken notwendig, anderseits für den Beginn der Grabe- bezw. Baggerarbeit nicht unbequem ist. Hat die Baustelle eine geneigte Lage, so bildet man eine wagerechte Fläche entweder durch Eingraben oder durch eine Anschüttung. Liegt das Terrain unter Wasser, so schafft man sich entweder einen künstlichen Baugrund zur Aufnahme des Brunnens durch Anschütten einer Insel bis zur Höhe des Wasserspiegels, oder man hängt den Brunnenkranz mittels Ketten und Schrauben an ein herzustellendes festes oder Schiffsgerüst. Das Sinken des Brunnens wird entweder dadurch hervorgebracht, daß im wasserfrei gemachten Hohlraum desselben Arbeiter den Schling untergraben, oder daß man mittels Baggerarbeit den Boden trichterförmig entfernt und daß durch die Last das Brunnenmauerwerk, eventuell durch weiter aufgebrachte tote Last derjenige Boden in die hergestellte Grube nachfällt, auf dem der Brunnenmantel aufruht; durch möglichst gleichförmiges Lösen des Bodens wird ein gleichmäßiges Sinken des Brunnens herbeigeführt. Das Ausbaggern des Bodens geschieht mittels: 1. Sackbohrer, ein für die Senkung kleinerer Brunnen, namentlich im Hochbau, sehr geeignetes Gerät; 2. Taucherarbeit, sehr selten angewendet; 3. Indischer Schaufel (s. Baggerschaufel), einem trefflich geeigneten Gerät; 4. Paternosterwerken; 5. Baggervorrichtungen mit Bodenklappen (Exkavatoren von Millroy [2], von Busch, von Bruce & Batho [3] und [4] u.s.w.); 6. Schraubenbagger; 7. vertikaler Handbagger [5]; 8. leichter Dampfbagger [6], [7] und [8]; 9. Hebervorrichtungen (z.B. jener von Leslie [9] u.s.w); 10. Sandpumpen [10] und [11]; 11. Zentrifugalpumpen [12]; 12. Exkavatoren, die auf dem Prinzip der Injektoren oder Strahlpumpen beruhen (z.B. jener von Robertson [13], von Götte und Krell [14] u.s.w.); 13. Preßluft (s. Preßluftgründung). – Wenn es irgend angeht, senkt man die Brunnen bis auf eine tragfähige Bodenschicht; selten wird die Senkung bloß auf eine solche Tiefe bewirkt, daß die Brunnenpfeiler in lockerem Boden nur vermöge der Reibung die erforderliche Standfestigkeit erhalten. Die Brunnengründung empfiehlt sich, sobald die lockeren Bodenschichten, auf denen nicht fundiert werden kann, eine bedeutendere Mächtigkeit haben, also meist in denselben Fällen, in denen man auch Pfahlrostgründung anwendet; mit Vorteil ersetzt man letztere oft durch erstere, weil die Kosten der Gründung geringere werden und man von der Höhenlage des Wasserspiegels unabhängig ist [15].


Literatur: [1] Zeitschr. für Baukunde 1880, S. 66. – [2] Deutsche Bauztg. 1868, S. 470, und 1875, S. 32. – [3] Revue industrielle 1876, S. 109 und 110. – [4] Zentralbl. der Bauverwalt. 1882, S. 136. – [5] Zeitschr. für Bauwesen 1882, S. 260. – [6] Zeitschr. des Arch.- und Ing.-Vereins zu Hannover 1867, Bl. 372, Fig. 11–15. – [7] Zeitschr. für Bauwesen 1880, B1.42. – [8] Zeitschr. des Ver. deutsch. Ing 1876, S. 429. – [9] Deutsche Bauztg. 1873, S. 84. – [10] Deutsche Bauztg. 1871, S. 109. – [11] Engineer 1877, II, S. 99 und 312. – [12] Nouvelles annales de la construction 1879, S.163. – [13] Deutsche Bauztg, 1875, S. 31. – [14] Rigasche Industrieztg. 1878, S.237. – [15] Quassowski, Ueber Fundierungen mit Senkbrunnen nebst Beschreibung einiger Fälle aus der Praxis, Zeitschr. für Bauwesen 1874, S. 297.

Schmitt-Darmstadt.

Fig. 1., Fig. 2.
Fig. 1., Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Fig. 4.
Fig. 4.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 2 Stuttgart, Leipzig 1905., S. 368-369.
Lizenz:
Faksimiles:
368 | 369
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Horribilicribrifax

Horribilicribrifax

Das 1663 erschienene Scherzspiel schildert verwickelte Liebeshändel und Verwechselungen voller Prahlerei und Feigheit um den Helden Don Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen. Schließlich finden sich die Paare doch und Diener Florian freut sich: »Hochzeiten über Hochzeiten! Was werde ich Marcepan bekommen!«

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon