Baktrĭen

[290] Baktrĭen, Name einer alten Landschaft im Innern Asiens (s. Karte »Alexanders d. Gr. Reich«), welche die fruchtbare Talebene des Oxus zwischen dem Paropanisos im S. und den Ausläufern des Imaos (Tiënschan) im N. umfaßt, etwa die Gegend des heutigen Balch (das ursprünglich Baktra, altpers. Bachtri, hieß). Die Bewohner, Baktrer, gehörten zum arischen Völkerstamm und gründeten schon in der vormedischen Zeit allerlei staatliche Gemeinwesen, die[290] aber von Kyros um 540 unterworfen wurden; seitdem bildete B. eine Satrapie des persischen Reiches, die als Heimat der Zendreligion eine wichtige Stellung einnahm. Nach dem Sturz des persischen Reiches 330 suchte der Satrap von B., Bessos, sich zum selbständigen Herrscher zu machen, doch unterlag er Alexander d. Gr. Nach dessen Tod gehörte B. zum Neich der Seleukiden, bis der Statthalter Diodotos 256 das griechisch-baktrische Reich gründete, das auch einen Teil Indiens umfaßte, sich aber nach einem Kriege zwischen Demetrios von B. und Eukratides im Kabultal in mehrere Reiche auflöste, die von den Parthern und Indoskythen hart bedrängt wurden. Auf die griechischen Könige dieser Reiche folgte im 1. Jahrh. ein nicht griechischer König, Kadphises. Im 1. Jahrh. n. Chr. herrschte der von den Parthern abstammende König Gudopheres über den größten Teil des Reiches. Bis 200 herrschte dann die Dynastie der »Turuschkas«, bis die Herrschaft der Sasaniden diesem östlichen Rest hellenischer Kultur ein Ende machte. Nach dem Fall der Sasaniden (um 642) gehörte das Land zum arabischen Kalifat, seit dem 10. Jahrh. verschiedenen türkischen und mongolischen Dynastien, darauf den Afghanen. Im 10. Jahrh. hatten die Samaniden (s. d.), die von hier abstammen, die Stadt Balch Transoxanien einverleibt. Die Fürsten aus dem bocharischen Herrscherhaus der Scheibanis (1500 bis 1599) bestimmten B. zum Sitz des Thronfolgers, so auch die Aßtrachaniden (1599–1785), bis es endlich die Afghanen unter Timur Schah (1773–93) eroberten. Der Osbegenfürst Mir Ma'aßûm aus Bochara eroberte es wieder zurück, und so blieb es bald Bochara, bald Kabul zugehörig. Seit den letzten Jahrzehnten haben verschiedene Gelehrte, wie Honigberger, Gérard, Burnes und Keramat Ali, das Land durchreist, Altertümer untersucht und Münzen gesammelt. Die Schrift der letztern ist teils griechisch, teils indisch. Unter den Denkmälern des baktrischen Altertums fallen die sogen. Topen auf, merkwürdige, den turmartigen Grabmälern der Römer gleichende Steinbauten, vielleicht Mausoleen, vielleicht auch Denkmäler des Buddhadienstes. Am Rande der Ebene nordöstlich von Kabul und auf einer Hügelkette erblickt man Reihen von künstlichen Erhöhungen, die aus großen ungebrannten Backsteinen ausgeführt sind und Mauern von mindestens 17 m Breite gewesen zu sein scheinen. Vgl. Wilson, Ariana antiqua (Lond. 1841), die größern Arbeiten von Prinsep, Cunningham, Lassen (»Indische Altertumskunde«); Sallet, Die Nachfolger Alexanders d. Gr. in B. und Indien (Berl. 1879) etc.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 290-291.
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