Epée

[857] Epée, Charles Michel, Abbé de l', Begründer des Taubstummenunterrichts in Frankreich, geb. 25. Nov. 1712 in Versailles, gest. 23. Dez. 1789 in Paris, studierte Theologie, dann Rechtswissenschaft und ward Parlamentsadvokat, kehrte aber bald zum geistlichen Beruf zurück. Seines Kanonikats zu Troyes wegen jansenistischer Ansichten entsetzt, lebte er zurückgezogen seinen wissenschaftlichen Studien, bis ihn etwa 1765 das Mitleid veranlaßte, sich zweier taubstummer Mädchen anzunehmen. Unbekannt mit den bisherigen Versuchen auf diesem Gebiet, erfand er eine eigne Methode des Taubstummenunterrichts mit ausgedehnter Verwendung künstlicher Gebärden und der Fingersprache neben schriftlichem Verkehr. Erst allmählich machte er sich mit der Literatur des Taubstummenwesens bekannt und räumte dann auch der Lautsprache einen beschränkten Platz neben der Zeichensprache ein. E. gründete um 1770 auf eigne Kosten die erste Taubstummenschule in Paris, die er einige Jahre später in eine förmliche Erziehungsanstalt[857] umwandelte. In einem taubstummen Jüngling, den er 1773 in Péronne fand, glaubte er den verstoßenen Erben der gräflichen Familie Solar zu entdecken und setzte in einem langwierigen Prozeß 1781 dessen Einsetzung in das gräfliche Erbe durch, welches Urteil aber 1792 wieder umgestoßen wurde. (Vgl. Bouillys Schauspiel »L'abbé de l'Épée«, deutsch von Kotzebue: »Der Taubstumme«.) Erst 1785 bewilligte Ludwig XVI. E. staatlichen Zuschuß. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens hatte E. in literarischen Fehden seine Methode gegen die Vertreter der Lautsprache, Pereira in Paris und Heinicke in Leipzig, zu verteidigen. Doch breitete sich zunächst seine Methode siegreich aus und herrschte Menschenalter hindurch selbst in Deutschland vor. In Versailles wurde ihm ein Denkmal errichtet. Sein literarisches Hauptwerk ist: »Institution des sourds et muets par la voie des signes methodiques« (Par. 1776, 2 Bde.; 2. Aufl. u. d. T.: »La véritable manière d'instruire les sourds et muets«, das. 1784). Vgl. Bébian und Bazot, Éloges historiques de Ch. M. de l'Épée (Par. 1819); Berthier, L'abbé de l'Épée (das. 1852); Bélanger, Étude bibliographique et iconographique sur l'abbé de l'Épée (das. 1886); Walther, Geschichte des Taubstummenbildungswesens (Bielef. 1882); Kopp, Dasselbe (in Schmids »Geschichte der Erziehung«, 5. Bd., 3. Abt., Stuttg. 1902).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 5. Leipzig 1906, S. 857-858.
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