II. Teil.

Die hellenistisch-römische Philosophie.

  • [128] Literatur: Hinsichtlich der allgemeinen Literatur gelten für diesen Teil dieselben Werke, welche am Eingang des ersten Teils aufgeführt worden sind.

Aristoteles war der Lehrer Alexanders des Großen: mit ihrer Zeit trat die griechische Kultur aus ihrer nationalen Geschlossenheit heraus und in die große Gesamtbewegung ein, womit die das Mittelmeer umwohnenden Völker des Altertums durch Austausch und Ausgleich ihrer Vorstellungen zu einem gemeinsamen Geistesleben zusammenschmolzen. In den hellenistischen Staaten begann dieser Prozeß durch die Vereinigung griechischer und orientalischer Gedankenmassen: im römischen Weltreich hat er seine äußere, im Christentum seine innere Vollendung gefunden: Hellenismus, Romanismus, Christianismus sind die Etappen, in denen sich aus dem Altertum heraus die Weltkultur der Zukunft entwickelt hat.

Das intellektuell bestimmende Element in dieser Vereinigung ist die griechische Wissenschaft gewesen, und darin besteht ihre welthistorische Bedeutung. Sie wurde, wie die griechische Kunst, das gemeinsame Kulturgut des Altertums, an sie gliederten sich die höchsten inneren Bewegungen der Völker Schritt für Schritt an, und sie wurde die gestaltende Kraft für alles, was als Sehnsucht und Trieb in der Seele der Völker lebte. Mit dem Untergang ihrer politischen Selbständigkeit, mit dem Aufgehen in die Weltreiche hat die griechische Nation diese Erfüllung ihrer Kulturaufgabe erkauft: durch ihre Zerstreuung über die Welt sind die Griechen die Lehrer der Welt geworden.

Bei diesem Eintritt aber in neue und größere Verhältnisse hat die griechische Wissenschaft eine Spaltung der verschiedenen Elemente erfahren, die in ihr vereinigt waren. Mit dem rein theoretischen Interesse, aus dem sie hervorgegangen war und das noch in der Persönlichkeit und der Lehre des Aristoteles einen so klaren Ausdruck gefunden hatte, war in ihr immer mehr das praktische Bedürfnis verwachsen, welches in der Wissenschaft die Ueberzeugung suchte, die das Leben bestimmen sollte. In Platons Philosophie noch war beides untrennbar miteinander verschmolzen. Aber diese beiden Tendenzen der Wissenschaft gingen nun auseinander.

Das wissenschaftliche Denken, das in der aristotelischen Logik seine Selbsterkenntnis gefunden hatte, war zum Bewußtsein der Grundbegriffe gelangt, mit denen es die Fülle der Erscheinungen verarbeiten konnte. Die gegensätzlichen Hauptformen der Welterklärung waren in den großen Systemen entwickelt[128] worden, und damit war für die wissenschaftliche Behandlung des einzelnen ein fester Rahmen geschaffen. Je erfolgreicher die griechische Wissenschaft bei der anfangs noch so geringen Ausdehnung des besonderen Wissens in der Entwicklung der Prinzipien gewesen war, um so mehr trat nun eine Erlahmung zugleich des metaphysischen Interesses und der metaphysischen Kraft ein.

Demzufolge wandte sich die theoretische Tendenz der Wissenschaft dem einzelnen zu, und der wissenschaftliche Grundcharakter der hellenistisch-römischen Zeit ist die Gelehrsamkeit und die Ausbildung der Spezialwissenschaften. Der einzelne Mann der Wissenschaft gewann durch seinen Eintritt in eine der großen Schulen einen festen Rückhalt der Gesamtansicht und ein bestimmendes Prinzip für die Behandlung der besonderen Fragen und Gegenstände, die ihn interessierten. Und die Gleichgültigkeit gegen die allgemeineren metaphysischen Theorien wurde um so größer, je mehr sich herausstellte, daß eine fruchtbare Forschung auf den einzelnen Gebieten, Erweiterung des tatsächlichen Wissens und Verständnis der besonderen Zusammenhänge, von dem Streit der metaphysischen Systeme unabhängig gemacht werden könne. Die Scheidung der Probleme, die vorbildlich in der aristotelischen Lehre und Schule sich vollzogen hatte, führte notwendig zur Spezialisierung, und das rein theoretische Interesse des Wissens um seiner selbst willen entfaltete sich während der hellenistisch-römischen Zeit wesentlich in den Einzelwissenschaften. Die großen Gelehrten des späteren Altertums, ein Archimedes, Eratosthenes, Aristarch, standen zwar in loserem Verhältnis zu der einen oder der andern Schule, zeigten sich aber in der Metaphysik immer indifferent. So kommt es, daß in dieser Zeit der Ertrag an theoretischen Prinzipien der Philosophie äußerst gering gewesen ist, während die mathematische, die naturwissenschaftliche, die grammatische, die philologische, die literaturhistorische, die geschichtliche Forschung reiche und umfängliche Erfolge zu verzeichnen hatten. Mit der größten Menge derjenigen Namen, welche als »Philosophen«, sei es als Schulhäupter, sei es nur als Mitglieder der Schulen, aufgezählt und in der schematischen Behandlung der »Geschichte der Philosophie« fortgeführt werden, verbinden sich nur literargeschichtliche Notizen, daß sie dieses oder jenes Fach besonders bearbeitet haben, oder die für die Philosophie schließlich ganz gleichgültige persönliche Nachricht, daß sie sich dieser oder jener unter den früheren Lehren angeschlossen haben, höchst selten aber eigene und neue Begriffsbildungen. In theoretischer Einsicht hat diese Zeit die alten Probleme der Griechen hin und her gewendet und sich in den begrifflichen Geleisen bewegt, welche sie festgelegt vorfand.

Um so mächtiger aber entfaltete sich während dieser Jahrhunderte der Aneignung und Verarbeitung die praktische Bedeutung der Philosophie. Das Bedürfnis nach einer wissenschaftlichen Lehre von den Zwecken des Menschenlebens, nach einer Weisheit, welche das Glück des Individuums gewährleiste, konnte nur gesteigert werden, als der ideale Zusammenhang des griechischen Lebens zerfiel, die Volksreligion immer mehr zu einer äußerlichen Tradition herabsank, das zerbröckelnde, seiner Selbständigkeit beraubte Staatsleben keine begeisterte Hingabe mehr erweckte und das Individuum sich innerlich auf sich selbst angewiesen fühlte. So wurde die Lebensweisheit zum Grundproblem der nachgriechischen Philosophie, und die Verengerung der[129] philosophischen Problemstellung, die Sokrates und nach ihm die kynische und kyrenaische Sophistik begonnen hatten, ist der allgemeine Charakter der Folgezeit geworden.

Das schließt nicht aus, daß auch in ihr sich theoretische Lehren und deren scharf verfochtene Gegensätze breit machen; aber einerseits finden sie kein ursprüngliches Interesse mehr um ihrer selbst willen, sondern nur Anwendung auf den Zweck der Lebensweisheit; anderseits fehlt es ihnen an Originalität, sie sind durchweg Verschiebungen der älteren Lehren, bedingt durch den praktischen Grundgedanken. Selbst so umfassende Systeme wie das stoische und das neuplatonische, arbeiten durchaus nur mit den Begriffen der griechischen Philosophie, um eine theoretische Grundlage für ihr praktisches Ideal zu gewinnen. Der Schlüssel auch zu ihren theoretischen Lehren liegt stets in der praktischen Grundüberzeugung, und insofern sind sie sämtlich charakteristische Typen der Problemverschlingung.

Mit diesem Vorwalten der praktischen Bedeutung hängt es nun aber auch zusammen, daß die Abhängigkeit der Philosophie von der allgemeinen Kulturbewegung, die mit den Sophisten schon in die stillen Kreise des interesselosen Forschens eingebrochen war, in der hellenistisch-römischen Zeit zur dauernden Erscheinung geworden ist: und diese zeigt sich am entscheidendsten in der wechselnden Stellung dieser Philosophie zur Religion.

Die Entwicklung, welche die griechische Wissenschaft genommen hatte, und der immer schärfer ausgesprochene Gegensatz, in den sie zur Volksreligion gekommen war, brachte es mit sich, daß die Hauptaufgabe der Lebensweisheit, welche die nacharistotelische Wissenschaft suchte, ein Ersatz des religiösen Glaubens war. Die gebildete Welt, welche den Halt der Religion verloren hatte und auch denjenigen des Staates aufgeben mußte, suchte ihn in der Philosophie. Daher war der Gesichtspunkt der hellenistisch- römischen Lebensweisheit zunächst derjenige individueller Sittlichkeit, und die Philosophie, die sich damit beschäftigt, hat somit ein durchweg ethisches Gepräge. Am schärfsten ist der Gegensatz dieser Individualethik gegen die Religion bei den Epikureern hervorgetreten; aber auch bei den andern Schulen haben die Lehren von der Gottheit um diese Zeit noch ein rein ethisches und vielleicht noch theoretisches, aber kein spezifisch religiöses Interesse.

Diese wesentlich ethische Entwicklung der Philosophie hat sich noch in Griechenland, zumeist sogar in Athen vollzogen, das bei aller Ausbreitung der griechischen Bildung nach Ost und West noch jahrhundertelang das Zentrum des wissenschaftlichen Lebens bildete. Bald aber erwuchsen, zunächst namentlich für die gelehrte Einzelforschung, in den großen Bibliotheken und Museen neue Mittelpunkte, in Rhodos, in Pergamon, in Alexandria, in Tarsos, in Rom, später in Antiochia und Byzanz. Von diesen ist namentlich Alexandria wichtig geworden, wo nicht nur die verarbeitende Gelehrsamkeit eine so typische Ausbildung erfuhr, daß dies ganze Zeitalter danach literarhistorisch benannt zu werden pflegt, sondern wo auch die philosophische Richtung jener Tage ihre entscheidende Veränderung erfuhr.

Denn mit der Zeit konnte die Philosophie nicht gleichgültig an dem tiefen Gefühl der Unbefriedigung vorübergehen, welches die antike Welt mitten in allem Glanz des Römerreiches ergriffen hatte. Das ungeheure Reich bot[130] den Völkern, die es in eine mächtige Einheit zusammengeschweißt hatte, keinen Ersatz für den Verlust ihrer nationalen Selbständigkeit; es gewährte ihnen weder inneren Wert noch äußeres Glück. Der Trank des Erdenlebens war den alten Völkern schal geworden, und sie lechzten nach Religion. Darum tasteten sie nach all den verschiedenen Kulten und Religionsübungen herum, welche die einzelnen Völker mitgebracht hatten, und die Religionen des Orients mischten sich mit denen des Occidents.

In diese Bewegung wurde die Philosophie um so mehr hineingezogen, Je klarer es schließlich ward, daß sie auch den Gebildeten durch die Aufstellung ihres ethischen Lebensideals nicht befriedigen, ihm das versprochene Glück nicht gewähren konnte. So strömte denn – zuerst in Alexandrien – die ganze Flut der durcheinander wogenden religiösen Vorstellungsmassen in die Philosophie ein, und diese suchte nun auf wissenschaftlichem Grunde nicht nur eine sittliche Ueberzeugung, sondern eine Religion aufzubauen Sie verwendete die Begriffe der griechischen Wissenschaft, um die religiösen Vorstellungen zu klären und zu ordnen, um dem Drange des religiösen Gefühls eine ihm genügende Weltvorstellung zu gewähren, und so schuf sie in engerem und loserem Anschluß an die miteinander ringenden Religionen die Systeme der religiösen Metaphysik.

Hiernach sind in der hellenistisch-römischen Philosophie zwei Perioden zu unterscheiden: die ethische und die religiöse. Als die Zeit, zu welcher die eine allmählich in die andere übergeht, ist das erste Jahrhundert vor Chr. G. zu bezeichnen.

Quelle:
Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 61912, S. 128-131.
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