Demagōg

[827] Demagōg (v. gr. Demagogos), war ursprünglich in den griechischen Staaten ein durch sein persönliches Ansehen u. seine Beredtsamkeit sich auszeichnender Berather, Leiter u. Beschützer des Volkes u. seiner Rechte gegenüber den Magistraten. So hieß Perikles ein D.; als aber in den griechischen Republiken gemeine u. schlechte Leute durch Überredungskünste, Bestechungen u. dgl. das Volk zu selbstsüchtigen Absichten mißbrauchten, bekam das Wort die schlimme Bedeutung eines Volksverführers, wie z.B. bei Kleon, Hyperbolos etc. Sie riefen politische Fractionen hervor, welche dann den Untergang der griechischen Freistaaten zur Folge hatten; vgl. Manso, Über die athen. Demagogen, 1794. Seit vor ersten Französischen Revolution kam das Wort in einer schwankenden Bedeutung in Gebrauch. Im weitesten Sinne versteht u. verstand man darunter einen Parteiführer, der durch Aufwiegelung des Volkes od. eines Theiles desselben den Umsturz d er bestehenden Regierung gewaltsam herbeizuführen trachtet. In diesem Sinne hat sowohl der Absolutismus wie die Demokratie D-en aufzuweisen. Gewöhnlicher ist die Auffassung des Wortes in dem Sinne eines politischen Agitators, der die Hefe des Volkes, die besitzlosen Klassen, den sogenannten Pöbel, durch die Aussicht auf materiellen Gewinn für seine revolutionären Pläne zu gewinnen sucht, in der Absicht, Reichthum u. Macht zu erringen od. sich selbst zum Oberhaupt des Staates aufzuwerfen. Diese Tendenz wurde auch den geheimen politischen Verbindungen in Deutschland nach der Gründung des Deutschen Bundes zur Last gelegt, deren Treiben man vorzugsweise mit dem Namen Demagogische Umtriebe bezeichnet hat. Ter Name wurde zuerst gebraucht, als Preußen 1819 eine Untersuchung gegen den Mörder Kotzebue's, das Turnwesen, die Burschenschaften u. andere des Demagogismus Verdächtige verhängte, welche Untersuchung später über ganz Deutschland ausgedehnt wurde u. die Mainzer Centraluntersuchungscommission zum Concentrationspunkt erhielt. Diese Untersuchung stellte jedoch heraus, daß die Befürchtung ernstlicher Verschwörungen gegen die Staatsverfassungen ungegründet war. Die Strenge, mit welcher man gegen einzelne jugendliche Enthusiasten für deutsche Freiheit u. Einigkeit verfuhr, trug aber gerade zur Verbreitung jener Ideen bei, die man hatte ersticken wollen. Die politische Bewegung von 1830 gab der Sache einen ernsteren Charakter; das Hambacher Fest u. das Frankfurter Attentat führten zu neuen Verfolgungen aller derer, die mit diesen Ereignissen in Beziehung standen. Später kam der Ausdruck D. mehr u. mehr in Mißcredit u. fand in der politischen Terminologie der revolutionären Bewegung von 1848 keine Stelle, s. Demokrat. Vgl. Rechtlieb Zeitgeist, Die Entlarvung dersogenannten demagogischen Umtriebe, Altenb. 1832; Follenberg, Actenstücke über die unter dem Namen des Männerbundes u. des Jünglingsbundes bekannten demagogischen Umtriebe, Lpz. 1833; Actenmäßige Darstellung der im Großherzogthum Hessen in den Jahren 1832–1835 Statt gehabten hochverrätherischen etc. Unternehmungen, Darmst. 1839; v. Wagemann, Darlegung der Hauptresultate aus den wegen der revolutionären Complotte der neueren Zeit in Deutschland geführten Untersuchungen, Frkf. a. M.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 4. Altenburg 1858, S. 827.
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