Nieren

[943] Nieren, 1) (Harndrüsen, Renes), zwei bohnenähnliche, bräunliche, in der Bauchhöhle hinter der Rückenwand des Bauchfelles an der Seite des ersten bis dritten Rückenwirbels harnabsondernde Drüsen, umgeben von fettreichem Zellgewebe (Nierenfettkapsel, Capsula adiposa), oben mit der Nebenniere zusammenhängend. Die rechte N. liegt etwas tiefer (unter der Leber) als die linke (unter der Milz). Jede N. hat zwei flach convexe Flächen, einen äußeren größeren u. stark convexen u. einen kleineren concaven Rand. Der letztere ist mit einem tiefen Längeneinschnitte (Hilus renalis, Nieren ausschnitt) versehen. Die Niere besteht aus 12–14 pyramidenförmigen Stücken (Renculi, Lobi renis), von einem gemeinschaftlich fibrösen Überzug (Tunica albuginea s. propria renis) umfaßt. Die Substanz der N. besteht aus: a) Rinden od. Gefäßsubstanz (Substantia corticalis s. vasculosa), welche eine einige Linien dicke Schicht nicht nur am äußeren Umfange der Niere, sondern auch an dem der Pyramiden bildet u. eine große Menge sehr geschlängelt verlaufender Nierenkanälchen (Tubuli uriniferi corticales s. contorti) enthält. Außerdem zeigt diese Substanz noch eine unzähliche Menge runder od. ovaler rother Körnchen (Nierenkörnchen, Malpighische Körperchen), Gefäßknäuel darstellend; b) aus Röhrensubstanz (Nierenmark, Substantia tubulosa s. medullaris), welche weniger gefäßreich ist u. in der Mitte jedes Stückes ein pyramidenförmiges Bündel (Coni tubulosi s. Pyramides Malpighii). Diese Malpighischen Pyramiden bestehen wiederum aus mehreren kleineren, aber nicht von Rindensubstanz umgebenen pyramidalen Bündeln (Ferreinsche Pyramiden, Pyramides Ferreinii), welche von gestreckten, gerade verlaufenden Harnkanälchen (Bellinische Gänge, Tubulae Bellinianae) zusammengesetzt sind. Die Spitzen der (12–14) Malpighischen Pyramiden sind gegen den Nierenausschnitt hin gerichtet u. ragen als kurze kegelförmige, stumpfgespitzte Wärzchen (Nierenwärzchen, Papillae renales), mit vielen kleinen Öffnungen der Harnkanälchen besetzt, in die Nierenkelche hinein. In den Ferreinschen Pyramiden vereinigen sich die Bellinischen Gänge bei ihrem Fortgange nach der Papille hin paarweise in Form einer Gabel, ohne aber dadurch weiter zu werden. Die Nierenarterie tritt mit zwei bis drei Zweigen durch den Nierenausschnitt in das Innere der Niere, wo dieselben zwischen den Malpighischen Pyramiden gegen die Peripherie hin u. von hier aus zwischen u. in den Ferreinischen Pyramiden laufen, anfangs baumartig verzweigt, dann aber ein dichtes Gefäßnetz bildend. Die Nierenvenen umgeben die Basis der Pyramiden mit Bögen u. laufen dann von der Peripherie nach dem Nierenausschnitt hin. Saugadern u. Nerven bilden Nierengeflechte (Plexus renales). Die Ausführungsgänge der Niere sind in folgender Weise gebildet: Jedes Nierenwärzchen wird so von einem kurzen, becherförmigen, häutigen [943] Schlauche (Nierenkelche, Nierenbecher, Calyx renalis) umfaßt, daß es frei in ihn hineinragt u. von dessen Schleimhaut überzogen wird; alle diese Kelche vereinigen sich zu zwei bis drei weiteren Schläuchen (Äste des Nierenbeckens), u. diese fließen zu einem trichterförmigen Sacke (Nierenbecken, Pelvis renalis) zusammen, der sich allmälig verengert u. in einen engen Kanal (Harnleiter, Harngang, Ureter) fortsetzt, welcher zur Harnblase läuft. Die Wendung dieser Harnwege besteht aus einer äußeren Bindegewebsschicht, aus einer mittleren Muskelfaserschicht u. aus einer inneren Schleimhaut. Beim Embryo bilden sich die N. mit den Hoden u. Eierstöcken aus einer gemeinschaftlichen eiweißstössigen Masse u. sind verhältnißmäßig desto größer, je jünger der Embryo ist. Die N. treten in der Thierreihe zuerst in den Fischen auf, wo sie im Verhältniß zu dem Körper größer als in andern Thieren sind, zu beiden Seiten der Wirbelsäule liegen, eine gleichförmige Masse enthalten u. nur Einen Körper bilden, aus welchem zwei Ausführungsgänge hervorgehn, die sich aber zu Einem Gang vereinigen, welcher sich in das Ende des Darmkanals, od. auch den gemeinschaftlichen Ausführungsgang des Samens, od. den Eiergang, od. bei einigen in eine Harnblase endigt. Bei Am phibien ist die Form, wie die Größe der N., sehr verschieden; sie sind im Verhältniß kleiner, als bei Fischen, obgleich immer noch beträchtlich groß; beide N. sind deutlich getrennt, u. bestehn aus mehrern Lappen, die jedoch eine gleichförmige Masse enthalten. Die Harnleiter führen bei den meisten zum Endtheil des Darmkanals; einige haben jedoch eine Harnblase, die aber nicht als Harnbehälter anzusehn ist, sondern auch zu Aufnahme des durch die Haut aufgenommenen Wassers dient. Vögel haben noch größere N. aus mehrern Lappen u. Einer Masse; sie liegen in einer eignen Vertiefung zwischen den Körpern der Kreuzwirbel u. dem rippenartigen Vorsprunge der Seitenwände des Beckens. Im Allgemeinen entspricht der Bau der N. der Säugethiere dem der N. des Menschen; doch finden Verschiedenheiten hinsichtlich der Form u. der Anordnung der Gewebe Statt. Bei mehrern sind die N. in viele Nierchen od. Lappen getheilt, vorzüglich bei den Cetaceen, wo deren 200 u. mehrere vorkommen. Bei den übrigen Säugthieren nimmt die Zahl der Nierchen ab; bei mehrern (z.B. Nagethieren) sind die N. äußerlich ganz glatt; im Innern findet man nur Eine Warze. Die rechte Niere liegt meist mehr nach vorn, als die linke. Die Harnleiter senken sich bei allen in eine Harnblase. 2) Beim Hund auch so v.w. Hoden.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 11. Altenburg 1860, S. 943-944.
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