Einschnitt

[306] Einschnitt. (Redende Künste. Musik)

Man ist nicht immer sorgfältig genug gewesen, die Kunstwörter, deren Bedeutungen nahe an einander gränzen, so genau zu bestimmen, daß man völlig sicher seyn könnte, sie nie mit einander zu verwechseln. Die Wörter Einschnitt, Abschnitt, Glied der Rede, sind in diesem Fall. In dem Artikel Abschnitt ist die Bedeutung dieses Worts auch noch etwas zu unbestimmt angenommen, daher dort verschiedenes fehlet, was theils hier, theils in dem Art. Periode, soll nachgeholt werden.

Wir wollen also die verschiedenen Theile einer Periode, sowol in der Rede, als in der Musik und im Tanz, mit dem allgemeinen Namen der Glieder belegen, und die grössern Glieder, die sich durch merkliche [306] Ruhepunkte unterscheiden, Abschnitte, die kleinern aber Einschnitte nennen. Also wären in der Rede die Einschnitte die Theile, die man durch das so genannte Comma; und Abschnitte die, welche man durch die stärkern Unterscheidungszeichen, (; : ! ?), andeutet; und eine ähnliche Bedeutung würden diese Wörter in der Musik und in dem Tanz haben.

Man muß aber in der Rede, so wie im Gesang und Tanz, zwey Arten der Einschnitte wol von einander unterscheiden, ob es gleich nicht zu geschehen pflegt. Wir müssen, um diese gar nicht unwichtige Sache desto deutlicher zu machen, die Erklärung derselben etwas weiter herholen. In dem Art. Einförmigkeit ist angemerkt worden, daß jedes Werk der Kunst, so wie der Mensch, aus zwey Theilen bestehe, dem Körper und dem Geist, deren jeder seine eigenen ästhetischen Eigenschaften haben müsse. So besteht die Rede aus einer Folge von Tönen, die blos das Ohr rühren, und aus einer Folge von Begriffen und Gedanken; jene macht den Körper, diese machen den Geist der Red aus. In dem Gesang sind die Töne, als Töne, der Körper; und die verschiedenen Theile der Melodie, die Vorstellungen von innerlichen Empfindungen erweken, bey deren Anhörung man glaubt eine, gewisse Empfindungen äussernde, Person reden zu hören, der Geist des Gesanges

Die Einschnitte befinden sich überall, sowol in dem Körper, als in dem Geist dieser Werke. Die, wodurch in der Rede die Sylben, die Wörter und die Füße, im Gesang aber die einzeln Töne, die Zeiten des Takts und die Takte selbst, dem Gehör fühlbar werden, sind körperliche Einschnitte; sie sind der Gegenstand der Prosodie und müssen bey Erforschung des Wolklanges in genaue Betrachtung gezogen werden; diejenigen aber, wodurch ein Gedanken oder eine Vorstellung von andern unterschieden wird, sind Einschnitte in dem Geist der Werke der Kunst. Von diesen ist hier die Rede, weil die andern unter ihren besondern Namen vorkommen.

Sie sind solche kleinere Theile der Rede, die eine noch nicht hinlänglich bestimmte Vorstellung erweken, so daß man zwar einen Augenblik verweilen muß, um sie zu fassen, zugleich aber fortzueilen hat, um das, was darin noch unbestimmt ist, näher bestimmt zu sehen. Denn solche Theile der Gedanken sind eigentlich die Einschnitte der Rede. Der vollständige Redesatz, oder die Periode enthält eine Vorstellung, die man völlig und bestimmt fassen kann, ohne etwas vorhergehendes oder nachfolgendes nöthig zu haben. Ein solcher Satz besteht allemal aus zwey, mehr oder weniger zusammengesetzten Begriffen oder Vorstellungen, die als zusammen verbunden oder getrennt vorgestellt werden. Die einfacheste Art solcher Sätze ist die, wo die beyden Begriffe, die man das Subjekt und das Prädicat nennt, jeder durch ein Wort, ohne Einschränkung oder besondere umständliche Bestimmung genennt werden; wie wenn man sagt: der Mensch ist sterblich. Werden nun zu dem einen der beyden Hauptbegriffe noch besondre Bestimmungen und Einschränkungen hinzugethan, daß es einige Zeit erfodert sie richtig zu fassen, so entsteht dadurch ein kleiner Ruhepunkt, der einen Einschnitt macht, wie hier; Auch der Mensch, der im höchsten Rang gebohren ist, ist sterblich. Indem man sagt: auch der Mensch – empfindet der Zuhörer, daß nicht vom Menschen überhaupt, sondern von einer besondern Gattung desselben die Rede sey, daher entsteht ein augenbliklicher Ruhepunkt, auf dem sich der Geist in die Faßung setzt, diese besondere Bestimmung zu hören. Nun folgt – der im höchsten Rang gebohren ist. – Hier entsteht wieder eine kleine Ruhe; denn diese Worte drüken einen besondern Begriff aus, der den Begriff eines Menschen von gewisser Art völlig bestimmt; man hat einen Augenblik nöthig diese Bestimmung zu fassen; also ein neuer Einschnitt. Nun folget das Prädicat, das nun, weil man einige Zeit nöthig gehabt hat, das Subjekt wol zu fassen, einen besondern Theil des Satzes ausmacht.

Also entstehen die Einschnitte allemal aus den Nebenbegriffen, wodurch man einen der beyden Hauptbegriffe des einfachen Satzes näher bestimmt, enger einschränkt, oder weiter ausdähnet, oder wo man ihm noch andre Begriffe beyfüget; da denn nothwendig ein augenbliklicher Ruhepunkt in dem Fluß der Vorstellungskraft erfodert wird, um diese Bestimmungen richtig zu fassen. Quintilian erläutert dieses durch ein artiges Bild, da er den Gang der Rede und der Gedanken mit dem eigentlichen Gehen, und die Einschnitte mit den Schritten vergleicht, da allemal der Fuß niedergesetzt wird, und ob er gleich nicht stehen bleibt, dennoch auf dem [307] Boden eine Spur zurük läßt.1 Dieses ist also der Ursprung und die Natur des Einschnitts der Rede.

Der Abschnitt in derselben entsteht daher, wenn ein völliger Satz, der sein Subjekt und sein Prädicat hat, durch Einmischung eines Nebenbegriffes aufhört ein Ganzes zu seyn, das sich ohne etwas vorhergehendes oder nachfolgendes faßen läßt. Der Satz: auch der Mensch, der im höchsten Rang gebohren ist, ist sterblich; ist ein völliges Ganzes, dabey man stille steht, ohne irgend einen Begriff von etwas vorhergehendem oder nachfolgendem zu empfinden. Ein einziges Wort aber kann machen, daß er aufhört ein Ganzes zu seyn: obgleich auch der Mensch, der – sterblich ist; so macht das Absterben eines großen Monarchen weit stärkern Eindruk, als der Tod eines gemeinen Menschen. Das Wort, obgleich, macht den ersten Satz, der vorher ein Ganzes für sich war, nun zu einem Theile. Man hat einiges Verweilen nöthig, um den ersten Abschnitt, der schon mehrere Einschnitte hat, wol bestimmt zu fassen; empfindet aber zugleich, daß nun noch ein Abschnitt folgen müsse, die Periode zu vollenden.

Es kann aber auf zweyerley Weise geschehen, daß ein sonst vollständiger Satz aufhört es zu seyn. Die erstere ist die, davon so eben ein Beyspiel durch Einmischung des Worts obgleich, gegeben worden; die andre ist die, da erst im zweyten Abschnitt ein solcher Begriff beygemischt wird, wie hier – auch der Mensch – – ist sterblich: dennoch aber macht – eines gemeinen Menschen. Hier macht das Wort dennoch, daß die beyden Sätze dieser Periode, wovon sonst jeder ein Ganzes seyn könnte, zu Theilen eines Ganzen oder zu blossen Abschnitten werden. Die erstere Art ist vollkommener als die andre, weil schon beym ersten Abschnitt der Begriff eines noch folgenden Theiles erwekt wird.

Der Wolklang und leichte Gang der Rede hängt größtentheils von der besten Art, aus Einschnitten und Abschnitten die Periode zu bauen, ab. Man müßte aber sehr ins kleine gehen, wenn man alles, was hierüber könnte gesagt werden, anführen wollte. Etwas haben wir im Artikel Periode berührt; übrigens aber muß man den Rednern und Dichtern empfehlen, durch fleißiges Studium der besten Muster sich ein richtiges und feines Gefühl des Wolklanges zu erwerben. Eine zwar gering scheinende, doch nicht unwichtige Bemerkung über die Einschnitte, verdient dem Dichter zur Ueberlegung empfohlen zu werden; daß es dem Wolklang etwas schadet, wenn die Einschnitte der Gedanken zu ofte mit den Einschnitten des bloßen Tones oder der Füße zusammen treffen, weil dadurch die Ruhe zu merklich werden könnte. Es hat damit dieselbe Bewandnis, als mit den Wörtern, die zugleich ganze Füße des Verses ausmachen. Verse, da dieses ofte geschieht, klingen allemal schlecht, und so muß man auch den Einschnitt in den Gedanken lieber in die Mitte eines Fußes, als an sein End fallen lassen; eine Regel, die auch die besten Tonsetzer im Gesang selten übertreten.

Aber die Einschnitte im Gesang verdienen besonders betrachtet zu werden. Die Benennungen der Perioden, Abschnitte und Einschnitte können für den Gesang auf eine ähnliche Weise bestimmt werden, wie wir sie für die Rede bestimmt haben. Jeder Gesang muß eine Rede vorstellen, die eine gewisse Gemüthsfassung der singenden Person ausdrukt. Die Periode des Gesanges ist ein solcher Theil dieser Rede, dessen Anfang und Ende fühlbar sind, und der so beschaffen ist, daß man sie als eine bestimmte und auf nichts anders, weder vorhergehendes noch nachfolgendes nothwendig führende Aeusserung der Empfindung halten kann. Also endiget sich die Periode mit einem förmlichen Schluß, oder einer ganzen Cadenz,2 so wol in der Harmonie, als in der Melodie, und fängt auch in einem bestimmten Ton an. Der Abschnitt ist ein solcher Theil, der nur durch eine halbe Cadenz fühlbar wird, wobey entweder in der Harmonie, oder in der Melodie etwas seyn muß, das das Stillestehen hindert, und das nothwendig noch auf etwas folgendes führet. Aus dem, was im Artikel Cadenz gesagt worden, erhellet, daß dazu entweder die Verwechslung eines Schlußaccords, oder ein solcher mit beygefügter Dissonanz dienlich ist; denn in beyden Fällen wird zwar ein Ruhepunkt empfindlich gemacht, zugleich aber das würkliche lange Ruhen, [308] oder die Befriedigung gehindert. Der letzte Ton der Melodie muß nicht die vollkommenste Consonanz, nämlich die Octave, sondern die Quinte, oder noch besser die Terz oder Sexte seyn. Der Einschnitt aber muß nicht in der Harmonie, sondern blos in der Melodie, fühlbar seyn, und keine Art der Cadenz hat dabey statt. Das Ohr fühlt dabey das End einer melodischen Figur, durch einen mit Accent versehenen, etwas anhaltenden, mit dem Grundton consonirenden Ton, auf den allenfalls eine kleine Pause folget, da der Baß ohne alle Aufhaltung seinen ebenen Gang fortgeht. Diese kleinen Einschnitte fallen in die schlechte Zeit des Takts, damit das Ohr desto gewisser fühle, daß der Ruhepunkt nur für einen Augenblik seyn soll.

Durch Einschnitte und Abschnitte bekommt die Rede wie der Gesang ihre Gelenke, und wird der sinnlichen Vorstellung angenehmer und faßlicher. Aber es gehört ein feiner Geschmak dazu, diesen Vortheil nicht zu mißbrauchen. Gesang und Rede, denen Ein-und Abschnitte fehlen, werden steif; aber zu viel Abschnitte, zu schnell hinter einander folgende, zu stark abgesetzte Einschnitte, machen sie gleichsam lahm. In diesen Fehler verfallen die Schriftsteller, die sich zu sehr nach einigen neuern Franzosen bilden, denen es zu schweer scheinet, mehr als zwey oder drey Begriffe in eine Periode zusammen zu bringen. Auch unsern Tonsetzern ist dieser Fehler nur gar zu gewöhnlich; sie häufen Schluß auf Schluß, so daß manches Tonstük mehr eine Folge einzeler kaum zusammenhangender, als würklich verbundener und aus einander folgender Gedanken ist.

In Singestüken ist es durchaus nothwendig, daß die Einschnitte des Gesanges mit den Einschnitten der Rede genau übereintreffen; denn der Gesang muß die Gedanken des Textes ausdrüken, daher im Gesang eher kein Einschnitt kommen kann, bis im Text ein Einschnitt in den Gedanken ist. Dieses macht die Erfindung der Melodie noch weit schweerer, als sie sonst seyn würde. Denn oft hat der Tonsetzer eine dem Affekt sehr angemessene Melodie gefunden, die aber leicht Einschnitte haben kann, wo der Text keine leiden will. So hat unser Graun zu der Arie in dem Festi galante, welche anfängt: Dalla bocca del mio Bene – eine der Empfindung auf das vollkommenste angemessene Melodie gefunden, die aber gleich auf dem ersten Vers zwey kleine Einschnitte hat, die den Worten des Textes ganz zuwider sind. Wenn also so große Meister der Kunst in diesem Stük Fehler begehen, so mögen die, die weniger Fertigkeit haben, alle Hindernisse zu übersteigen, sich hierin die äusserste Sorgfalt angelegen seyn lassen. Die Vorsichtigkeit erfodert, daß der Tonsetzer, ehe er an die Melodie denkt, den Text auf das vollkommenste zu deklamiren suche, und erst, wenn er dieses gefunden hat, einen dem richtigsten Vortrag völlig angemessenen Gesang zu erfinden sich bemühe.

Es läßt sich hieraus leicht abnehmen, daß die aus viel Strophen bestehenden Lieder nicht wol Melodien haben können, die sich auf alle Strophen schiken. Denn auch in den nach alter Art verfertigten Liedern, da jeder Vers einen Einschnitt in den Gedanken macht, trift es sich doch, daß bisweilen die kleinesten Einschnitte mitten in den Versen in einer Strophe anders, als in den übrigen stehen. Alsdann kann die Melodie unmöglich auf alle passen. Oden aber, die in Horazischer oder andern griechischen Versarten abgefaßt sind; da die Einschnitte der Gedanken in jeder Strophe anders sind, können auf keinerley Weise anders in Musik gesetzt werden, als daß jede Strophe ihren besondern Gesang habe.3

1Nam ut initia clausulæque plurimum Momenti habent, quoties incipit sensus aut desinit: sic in mediis quoque sunt quidam conatus, qui leviter intersistunt (insistunt), ut currentium pes, etiamsi non moratur, tamen vestigium facit. Quint. Inst. L. IX. c. 4. 67.
2S. Cadenz.
3S. Lieder.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 306-309.
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