Misgeburt

[154] Misgeburt oder Monstrum, im gewöhnlichen Sprachgebrauche ein Geschöpf, dessen äußere Körperbildung angeborene Unregelmäßigkeiten darbietet, die ein wunderliches oder häßliches Ansehen geben. Lange hat der Aberglaube viel Ungereimtes über Misgeburten gefabelt, bis es den Forschungen der neuern Zeit gelang, mehr Aufschluß über diese sonderbaren Bildungen zu erlangen, obschon noch Vieles unenträthselt ist. Diese nun haben dargethan, daß die meisten der ursprünglichen Bildungsfehler sogenannte Hemmungsbildungen sind, d.h. durch ein widernatürliches Stehenbleiben auf frühern Entwickelungsstufen, welche das noch ungeborene Thier während des Lebens im Mutterleibe durchlaufen muß, bedingt sind, also zu gewissen Zeiten zu den regelmäßigen Bildungen gehörten. Merkwürdig ist bei dem Vorkommen ursprünglicher Bildungsfehler, daß die Natur selbst bei ihrer Hervorbringung an gewisse Regeln gebunden zu sein scheint, was sich z.B. dadurch beurkundet, daß der Mensch und die Thiere der höhern Classen Hemmungsbildungen darbieten können, die mit der naturgemäßen Bildung niederer Wesen übereinkommen, während sich diese niemals auf eine Weise zu entwickeln vermögen, daß ihre Organe den entsprechenden höhern Classen ähneln. Eine interessante, durch vielfache Erfahrung bestätigte Beobachtung ist ferner, daß die Mehrzahl der Misgeburten weiblichen Geschlechts sind, sowie, daß manche Bildungsfehler in ganzen Familien erblich zu sein scheinen. Sämmtliche Misbildungen lassen sich im Allgemeinen in vier Classen ordnen, von denen die erste diejenigen umfaßt, welche einem zu wenig kräftigen Bildungstriebe ihre Entstehung verdanken. Hierher gehören der Mangel eines oder mehrer Organe, die zu Anfang des Lebens im Mutterleibe noch nicht vorhanden sind, ferner unverhältnißmäßige Größe oder Kleinheit, unvollkommene Entwickelung derselben, so z.B. die Hasenscharte, das gespaltene Rückgrath und viele andere Zustände. Die zweite Classe machen diejenigen Misbildungen aus, welche aus einer die natürlichen Grenzen überschreitenden Thätigkeit der Bildungskraft entsprungen sind, wodurch eine Vermehrung der Zahl oder der naturgemäßen Größe einzelner Theile entsteht. Beispiele davon liefern das überzählige Vorkommen von Fingern und Zehen und die sogenannten Doppelmisgeburten, d.h. doppelte Körper mit einfachem Kopfe, ein doppelter Kopf mit einfachem Körper oder auch Kopf und Körper zugleich doppelt. In die dritte Classe gehören diejenigen Bildungsfehler, bei denen einzelne Organe Abweichungen von ihrer Gestalt oder Lage wahrnehmen lassen, ohne daß man sagen kann, die bildende Kraft sei in ihrer Thätigkeitsäußerung zu schwach oder zu übermäßig gewesen, wo nur eine einfache Verirrung derselben stattgehabt hat. Die vierte Classe endlich enthält die sogenannten Zwitterbildungen, Bildungsfehler der Geschlechtstheile, bei denen beide Geschlechter in einer und derselben Person vereinigt zu sein scheinen oder das Geschlecht schwer oder gar nicht zu bestimmen ist. Sämmtliche vorstehend erwähnte Bildungsfehler können vermischt, d.h. mehre derselben aus verschiedenen Classen gleichzeitig in einem und demselben Individuum vorkommen, was sogar der häufigere Fall ist. Ob sie aber außer dem Mutterleibe fortleben oder durch ärztliche Kunst geheilt werden können, hängt immer von den einzelnen Fällen selbst ab.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 154.
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