Hochzeitskleid

[406] Hochzeitskleid (hierzu Tafel »Hochzeitskleider I und II«), Schmuck vieler Tierarten zur Zeit der Paarung, oft in einer Erneuerung der Haut und ihrer Gebilde nebst lebhafterer Färbung derselben oder auch in einer Neubildung besonderer Auswüchse, wie der Geweihe, Hautkämme etc., bestehend, am ausgeprägtesten bei Wirbeltieren, besonders solchen Arten der Fische, Amphibien, Reptile, Vögel und Säugetiere, deren Geschlechter verschieden gefärbt sind; zumeist legt das Männchen das H. an, das nach der Paarung wieder verschwindet. Bei den Fischen besteht das H. meist in wundervollen Farben, die das ganze oder einen Teil des Schuppenkleides zieren. Dann strahlt z. B. das Männchen des Bitterlings (Rhodeus amarus, Tafel II, Fig. 7 a, b) in den herrlichsten Regenbogenfarben, das der Goldgrundel (Callionymus Lyra, Tafel II, Fig. 5 a, b) bekommt Flecke, die wie Edelsteine schimmern, während das Weibchen so unscheinbar bleibt, daß es die englischen Fischer für eine andre Art halten und »Schmutzigen Drachen« nennen; die Nester bauenden Stichlinge (Gastrosteus [406] aculeatus, Tafel II, Fig. 6 a, b) erstrahlen in herrlichen dunkelgrünen und roten Farben. Bei den ebenfalls Nester bauenden Seeschmetterlingen (Blennius ocellaris, Tafel II, Fig. 4 a, b), so genannt wegen der fühlerartigen Auswüchse auf der Stirn, verändern sich die Farben des Männchens, sobald ein Weibchen sich dem Neste nähert, und zeigen so die innere Erregung an. Unter den Amphibien bekommen die Molche (Tafel II, Fig. 8 a, b und Fig. 9) zur Paarungszeit einen mannigfach gezackten oder wellig gebogenen Rückenkamm, der später mit der lebhaften Körperfärbung wieder zurückgebildet wird. Auch die Reptile können zur Paarungszeit eine hohe Farbenpracht entfalten, so die farbenwechselnde Galeote oder Schönechse (Calotes versicolor, Tafel II, Fig. 2) und der Fliegende Drache (Draco volitans, Tafel II, Fig. 1); die im mittlern und südlichen Europa häufige Smaragdeidechse (Lacerta viridis, Tafel II, Fig. 3 a, b) erhält neben der Farbensteigerung des Gesamtkleides einen prächtig himmelblauen Kehlfleck.

Hervorragende Schönheit zeigen die Hochzeitskleider der Vögel, von denen viele, wie z. B. die Männchen der Hühnervögel, dauernd diesen Zustand bewahren und sich vor den sehr unscheinbaren Weibchen auszeichnen. Beispiele geben auf Tafel I eine Art der Witwenvögel (Vidua principalis, Fig. 3 a, b), die den langen Schwanz später einbüßt, ferner das schwedische Blaukehlchen (Cyanecula suecica, Fig. 2 a, b), dessen Kehle sich stark verfärbt, die Krikente (Anas crecca, Fig. 4 a, b), deren Spiegel und sonstiges Gefieder, wie bei den meisten Verwandten, unscheinbar wird, eine Varietät des Kampfläufers (Machetes pugnax, Fig. 5 a, b), dessen prächtiger Kragen nach der Paarungszeit wie der stolze Schweif mancher Prachtvögel schwindet. Bei andern Vögeln, wie dem Haubensteißfuß (Colymbus cristatus, Fig. 9 a, b), verliert der Kopf seinen Hochzeitsschmuck, und die Larventaucher (Simorhynchus cristatellus, Fig. 8 a, b) werfen ihren ornamentalen Schnabelbesatz, der ihnen vielleicht beim Nestergraben gute Dienste leistet, stückweise ab. Bei manchen Vögeln kommen dazu elastische, auffallend gefärbte Hautsäcke und Hörner, die sie bei ihren Werbungen aufblähen; so zeigt das männliche Präriehuhn (Tetrao cupido, Fig. 7) zu beiden Seiten des Kopfes zwei große orangerote Säcke, die es unter gleichzeitigem hörnerartigen Aufrichten der deckenden Halsfedern kugelförmig aufbläst, wenn es seinen durchdringenden Paarungsschrei ausstößt, und die wahrscheinlich, wie bei den Fröschen, als Schallblasen dienen. Bei den Tragopanen (Fig. 10) wird der herrlich lasurblau und zinnoberrot gefleckte Kehlsack zugleich mit zwei blauen Kopfhörnern aufgeblasen, wenn das Männchen vor dem Weibchen seinen Gefiederschmuck entfaltet; bei manchen Glockenvögeln (Chasmorhynchus carunculatus, Fig. 1), die ihr graugrünes Zwischengefieder mit einem schneeweißen H. vertauschen, richten sich auf dem Kopfe 1–3 glänzend schwarze, 5–10 cm lange federbekleidete Hörner empor, die sonst schlaff herunterhängen. – Jedenfalls sind diese Zierarten durch geschlechtliche Zuchtwahl entstanden (vgl. Darwinismus, S. 533) und beim Weibchen, des größern Schutzbedürfnisses wegen, unterdrückt worden. Letzteres scheint freilich nicht immer in Betracht zu kommen, da bei manchen Vögeln auch das Federkleid der Weibchen auffallend gefärbt ist, nur sehr selten aber, wie z. B. bei einigen Goldschnepfen (Rhynchaeus capensis, Fig. 6) und Wassertretern (Phalaropus), ist es schöner. Bezüglich der Entstehung des Hochzeitskleides wurde einfach eine Neubildung des Gefieders bei der Mauserung angenommen, doch Schlegel und später Gätke (»Die Vogelwarte Helgoland«, Braunschw. 1891) zeigten, daß neben der Erneuerung eine auf verschiedene Weise zustande kommende Verfärbung des bleibenden Gefieders eine große Rolle spielt, so daß in manchen Fällen (wie z. B. bei der Zwergmöwe, Trauerbachstelze, Lumme, dem Alpenstrandläufer etc.) zur Paarungszeit schneeweiße Federn in das tief glänzendste Schwarz und Schwarzbraun umgefärbt werden können. Ebenso treten Strukturveränderungen ein, die den nachher wieder nachlassenden Metallschimmer der Kolibris und Paradiesvögel hervorbringen, wie dies auch beim H. der Fische und Kriechtiere zutrifft. Auch das Haarkleid der Säugetiere läßt ähnliche Veränderungen in Färbung, Glanz und Fülle erkennen, ganz besonders stark treten die Neubildungen bei der Geweihbildung einzelner Paarhufer hervor.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 406-407.
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