Kardināl [1]

[621] Kardināl (lat. Cardinalis) ist die Bezeichnung der nächsten Gehilfen des Papstes, die der alten Kirchenverfassung gemäß wie jedem andern Bischof, so auch dem Bischof von Rom beratend zur Seite standen und teils Presbyter an den Hauptkirchen der Stadt, teils Diakonen in den sieben Regionen der Stadt waren. Seit dem 8. Jahrh. wurden noch sieben Bischöfe aus der Umgegend Roms herbeigezogen und ebenfalls Kardinäle betitelt. Seit dem 11. Jahrh. zum Kollegium der Kardinäle vereinigt und seit 1059 mit der Papstwahl betraut, erlangten sie bald selbst den Vorrang vor den Erzbischöfen und lateinischen Patriarchen. Gegenwärtig werden sie nur vom Papst ernannt; doch steht mehreren Monarchen das Recht zu, Personen zu dieser Würde zu empfehlen (sogen. Kronkardinäle). Seit Sixtus V. 1586 ist die Zahl auf 70 festgesetzt, darunter 14 Diakonen, 50 Priester und 6 Bischöfe. Innozenz IV. gab ihnen 1245 den roten Hut (s. Kardinalshut) und Urban VIII. 1644 den Titel »Eminentissimi« (Eminenz). Die Priester und Diakonen führen ihren Titel von einer Hauptkirche Roms und üben in dieser auch besondere Rechte aus. Man unterscheidet Kardinäle in curia, die in Rom residierenden, und extra curiam, die außerhalb Roms wohnenden. Bischöfe und Diakonen sind zur Residenz in Rom verpflichtet. Die in Rom anwesenden Kardinäle bilden den obersten Staats- und Kirchenrat des Papstes, den er nach Belieben zu geheimen, halb geheimen und zu öffentlichen Konsistorien einladet. Aus ihnen wählt der Papst seine obersten Hof- und Kirchenbeamten, die Präsidenten und Beisitzer der höchsten Behörden in Rom, auch seine Legaten (s. d.). Einen selbständigern Einfluß üben die Kardinäle auf die kirchliche Verwaltung durch Dirigierung der päpstlichen Gerichtshöfe und Verwaltungskollegien sowie durch die Kongregationen (s. d.) aus. Das fixierte Einkommen der in Rom residierenden Kardinäle beträgt zurzeit rund 20,000 Lire. Der älteste K. heißt Kardinaldekan. Der Kardinalkämmerer (Kardinalcamerlengo) hat die Aussicht über die Einkünfte des Papstes. Der Kardinalstaatssekretär, zurzeit Merry de Val, ist der Minister des Auswärtigen, der Kardinalvikar der päpstliche Stellvertreter hinsichtlich des Bistums Rom, der Kardinalvizekanzler der Vorgesetzte der römischen Kanzlei. Namen und Titel der zurzeit (1904: 64) amtierenden Kardinäle führt die jährlich erscheinende »Gerarchia cattolica« (Rom) auf. Vgl. »Die katholische Kirche unsrer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild« (hrsg. von der Leo-Gesellschaft, Bd. 1, Berl. 1899).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 621.
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